«Heute wäre mir danach, eine Ministerin zu bestrafen»

Ein Kommentar von Nadine Kegele zum Geduld-Gen

article_3192_collage_kegele_mit_ganzer_180.jpg

Familienministerin Karmasin spricht von Geduld als Grund für die guten Zukunftschancen der Oberschicht. Was, wenn wir «Geduld» durch «Privilegien» austauschen?

Collage: Nadine Kegele


/ 20.08.2015
«Stellen wir uns mal ganz dumm – und tun so, als gäbe es in der modernen Welt keine gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse und strukturellen Machtasymmetrien», schreibt der Soziologe (mit Schwerpunkt Soziale Entwicklungen) Stephan Lessenich in einem Pro-Umverteilung-Aufsatz und gibt damit einer Schriftstellerin (mit Schwerpunkt Soziale Gerechtigkeit) den Anfang für eine rhetorische Bestrafung. «In diesem intellektuellen Kunstzustand gespielter politisch-soziologischer Unwissenheit» könnte jemand durchaus recht haben, wenn sie behauptet, dass korrupte Politiker_innen ausgestorben sind, Frauen für andere Prioritäten auf finanzielle Unabhängigkeit freiwillig verzichten und das Problem der sogenannten Unterschicht schlicht ist, dass ihre Erbmasse zu wenig des Gens Geduld aufweist, um das Warten auf den Himmel auf Erden aussitzen zu können.

Wenn jemand etwas tue, was nicht in Ordnung sei, sagt der Regisseur Harald Sicheritz im Standard-Sommergespräch vom 15. 8. (über Moral in der erfolgreichen – weil Masse hat Macht – Vorabendserie «Vorstadtweiber») zu Familienministerin Sophie Karmasin, dann hätte er gerne, dass es früher oder später dafür eine Strafe gäbe.
Früher ist heute und heute wäre mir danach, eine Ministerin zu bestrafen. Während Sicheritz in ein Sprachrohr der Arbeiter_innenklasse flüstert, posaunt Karmasin einen Klassismus aufs Diktiergerät, der mir bei der Interviewlektüre als wasserdichte Gesellschaftsanalyse verkauft werden will. Wörter wie Studie, Mechanismus, genetisch, Kompetenz, Faktor degradieren als sozial schwache Meinung der Ministerin all jene, die sich in ihrem Leben ökonomisch schwach ausgestattet wissen. Nennen Sie mich kleinlich, aber von Sprache sollte bekannt sein, dass sie je nach Intention erhöht oder erniedrigt.

Aussagen wie «Ich meine die Fähigkeit des Kindes, geduldig zu sein» und «Wer zum Beispiel eine Ausbildung abschließen will, braucht Geduld» und «Bildung ist die Konsequenz dessen, dass Familien Belohnungsaufschub gelehrt haben» und «Leider gibt es schlechte und verwahrloste Situationen, in denen Kinder aufwachsen» und «Auch dort müssen Kinder Geduld lernen» fallen als Tetrominos in mein Gehirn und lösen sich, im Stammhirn angekommen, in heiße Luft auf. In einem der extremsten Sommer der Messgeschichte wäre ich gewillt, vieles den Temperaturen zuzuschreiben, hätte ich ausreichend Geduld geerbt, um mich handzahm führen zu lassen von den Zügeln einer Entscheidungsträgerin. Doch ich wollte – rückinterpretierend mit Georg Büchner – bereits als armutserfahrenes Kind nur zu gern Paläste brennen sehen und Geduld schien mir dafür nie Funke genug zu sein.

Man muss nur richtig wollen können


Es ist ein ihre hegemoniale Position weichzeichnendes Narrativ der – von Karmasin sogenannten – Oberschicht, dass sie durch Wollen, Wollen und nochmals Wollen reich, gebildet, mächtig geworden sei und noch reicher, gebildeter, mächtiger werden wird. Dass sie belohnt werde, weil sie duldsam verzichte, bis das schöne Leben sich als Belohnung von allein einstelle. Dass sie keinesfalls aufgrund steuerlicher Begünstigung, Begünstigung durch Bildungstradition, Netzwerke und Privilegien so gut dastehe, sondern – wurscht. Mir als sogenannte Unterschicht hat sich das Konzept Geduld, das nichts weiter als «es wird uns schon ein höheres Wesen retten» bedeutet, nie erschlossen. Menschen, die von Herrschaftsstrukturen in ihrem engen Rädchen festgehalten werden, Geduld als tugendhaftes Wachstumswässerchen zu verkaufen, wirkt entpolitisierend und entmächtigend. Geduld als türöffnende Tugend?

Wer sich Geduld leisten kann, wird von den herrschenden Strukturen belohnt. Und wer sich Geduld nicht leisten kann, verbleibt im (unerhörten) Inneren der Chancenlosigkeit. Darf dankbar und geduckt von oben abfallende Berufs-, Bildungs- und Gehaltsbrosamen auflesen. Darf dieses Oben der anderen durch eigene Widerstandslosigkeit stärken bei gleichzeitigem Verachtetwerden dafür, den Dr. in BWL, die Immobilie, das Vermögen einfach nicht genug gewollt zu haben. Das Herbeiargumentieren des Nicht-genug-Wollens durch Gesellschaftsverlierer enthält ihnen jegliches Empowerment für eine (Selbst-)Ermächtigung vor – und das herrschende System erhält sich ganz von selbst. Die bequeme Erzählung von selbstverschuldeten geringen Zukunftschancen als Folge genetischer Vorbelastung der sogenannten Unterschicht produziert schuldlose Schuldige dort, wo vom System Privilegierte unsichtbar werden wollen – um kein Privileg oder den Glauben an die bestimmt irgendwie gerechte Verteilung dieser Privilegien nicht zu verlieren?

Unterprivilegiert? Genier dich!


Was mich dachte, als ich noch dachte, ich sei nichts wert, waren (von oben her-) abqualifizierende Aussagen wie jene der Familienministerin Karmasin, die mich lange davon abhielten, konstruktiv-kämpferisch wütend zu werden, mich stattdessen anhielten zu Scham für die ökonomische Unterprivilegiertheit (und den ganzen daran geknüpften Rattenschwanz) der eigenen Familie, Aussagen, die mich zu Frustration und Passivität anhielten, zu Stillstand – Erduldung. Das schlussendliche Korrektiv meiner sogenannten genetisch bedingten Ungeduld, waren die emotionale und finanzielle Unterstützung durch wohlgesonnene Arbeitgeber, die mir mit dieser alternativen Umverteilungsmaßnahme (die Aufgabe einer chancengleichen Politik gewesen wäre) einen weiteren (Wunsch-)Bildungsabschluss ermöglichten und mir halfen, an mehr teilzuhaben als von den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen ursprünglich über mir ausgeschüttet.

Wir sollten alle auf der Seite der Verlierer sein, um nicht weiterhin die Immergleichen gewinnen zu lassen – und das gilt für die Verliererinnen der neoliberalen und patriarchalen modernen Welt genauso. Wir sollten alle unsere Geduld offenlegen – und ich fange gerne damit an: Meine Geduld ist ein Name, der mich bei Bewerbungsprozessen nicht rassistisch motiviert aussortiert. Meine Geduld ist keine körperliche Beeinträchtigung und keine verfolgte Religion. Meine Geduld ist ein monatliches Einkommen, von dem ich leben kann, und eine zufällig heterosexuelle Orientierung, die mich vor homophober Gewalt schützt. Meine Geduld ist eine weiße Hautfarbe, ein noch nicht von Diskriminierung betroffenes Alter, ein Universitätsabschluss und ein Heimatland, dessen Situation mich nicht zur Flucht zwingt. Meine Geduld ist riesengroß, Frau Ministerin, und Ihre?


Nadine Kegele (35), geboren in Vorarlberg, ledig, keine Kinder, ist Schriftstellerin und studierte auf dem Zweiten Bildungsweg Germanistik. Sie absolvierte eine Lehre zur Bürokauffrau und startete ihre berufliche Karriere als Sekretärin. Sie findet, dass Oberschicht kein Programm und die Armutskonferenz [http://www.armutskonferenz.at/] als Herrschaftskorrektiv notwendig ist.

/ 20.08.2015