In eigener Sache: Die BettlerInnen und der Augustin-Vertrieb

Ein Werk von unerwartetem Wert

Das war nicht geplant, als der Augustin vor 14 Jahren gegründet wurde: dass der Niedergang der Ökonomien osteuropäischer Länder im Zuge einer Weltwirtschaftskrise so viele Perspektivlose auf die Idee bringt, den Augustin im gar nicht so fernen Wien als Strohhalm zu betrachten. Die KollegInnen vom Augustin-Vertrieb, im schwersten Dilemma seit der Erfindung der Straßenzeitung, wenden sich in folgender Stellungnahme an die Leserinnen und Leser, die sich in diesen Tagen mit vielen Fragen, auch mit vielen Beschwerden, zu Wort melden.
/ 18.11.2009
Die Armut steigt, insbesondere auch bei Menschen und Familien aus den neuen EU-Staaten östlich unserer Grenzen. Das nehmen wir vom Vertriebsbüro besonders intensiv wahr.
Immer mehr Menschen aus der Slowakei, Rumänien, aber auch aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, allen voran aus Georgien, und auch aus Afrika drängen in den Augustin. Der Verkauf einer Straßenzeitung ist offenbar eine der wenigen Möglichkeiten, sich finanziell halbwegs über Wasser zu halten. Während Afrikaner und Afrikanerinnen sowie Georgier und Georgierinnen fast ausschließlich als Flüchtlinge kommen, ist die Situation bei den Menschen aus der Slowakei und Rumänien grundlegend anders. Ein beträchtlicher Teil - das trifft im übrigen auch auf jene zu, welche aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawien kommen - sind Roma. Aussichtslosigkeit, bittere Armut und Existenzgefährdung veranlassen sie, in Österreich ihr Glück zu versuchen.
Der Augustin hatte und hat auch weiterhin den Grundsatz, keine Gruppe von Menschen auszuschließen. Wir nehmen also selbstverständlich Personen unabhängig von ihrer Herkunft oder Problemlage auf. Allerdings sind wir bedauerlicherweise aktuell mit unseren Kapazitäten am Ende. Schweren Herzens hat das Vertriebsbüro zumindest bis zum Frühjahr des folgenden Jahres einen Aufnahmestopp für neue Verkäuferinnen und Verkäufer beschlossen.
Der Schritt ist notwendig, einerseits weil die Situation auf den Verkaufsplätzen sich immer mehr zuspitzt, andererseits als Schutz für die schon registrierten Verkäuferinnen und Verkäufer.
Würden wir weiterhin neue Verkäuferinnen und Verkäufer aufnehmen, so würden alle massive Verluste beim Verkauf hinnehmen müssen. Dies wäre eine Umverteilung von arm zu arm.
Der Aufnahmestopp löst allerdings keinesfalls alle Probleme. Tagtäglich kommen Hilfe suchende Personen zu uns, die wir abweisen müssen.
Ein genauso gravierendes Problem ergibt sich daraus, dass der Umstand, dass wir vielen Menschen die Registrierung als Augustinverkäufer und Augustinverkäuferinnen verwehren müssen, nicht bedeutet, dass die Abgewiesenen tatsächlich auf den Verkauf der Straßenzeitung Augustin verzichten. Ganz im Gegenteil: Immer mehr Menschen verkaufen den Augustin nun ohne unsere Genehmigung. Auf die verschiedensten Weisen gelangen sie zu Augustin-Zeitungen, kopierten und nachgemachten Ausweisen.
Dies bringt eine Reihe neuer Probleme mit sich: Konflikte mit unseren Verkäuferinnen und Verkäufern, Beschwerden von Kunden, Passanten und Geschäftspersonal, Einschreiten der Exekutive etc.
Jene, die ohne unsere Genehmigung verkaufen, haben nie ein Einschulungsgespräch genossen, in welchem sie auf die wesentlichsten Verkaufsregeln hingewiesen bzw. über das Augustin-Projekt an sich informiert wurden. Anlässe für Beschwerden bieten Strategien wie: Betteln mit der Zeitung, Vorenthalten der Zeitung trotz Entgegennahme des Geldes, Verweigerung, Wechselgeld herauszugeben, Verkaufen von alten Zeitungen oder einfach aufdringliches Verkaufsverhalten. Dies alles sind Verhaltensmuster, welche wir bei unseren Verkäuferinnen und Verkäufern nicht tolerieren.

Die Situation verlangt von uns einen Spagat im Kopf


Aber da die Verkäuferinnen und Verkäufer, welche ohne Genehmigung verkaufen, nicht so leicht zu einer größeren Anzahl an Zeitungen herankommen, greifen einige dann zu solchen Methoden. Die nicht registrierten Verkäuferinnen und Verkäufer bringen uns vom Augustin in ein echtes Dilemma: Für uns sind sie keine Kriminelle, sondern Menschen, die aus ihrer Not heraus so agieren, anderseits gefährden sie unser Projekt, indem sie eine Vielzahl an Beschwerden auslösen. Insbesondere das Betteln mit der Zeitung verlangt von uns einen Spagat im Kopf: Der Augustin setzt sich mit Nachdruck für die Rechte diskriminierter, ausgegrenzter und verfolgter Menschen ein, so auch für Bettlerinnen und Bettler. Gleichzeitig gefährdet das Betteln mit unserer Zeitung unser Projekt und beeinträchtigt die Chancen unserer Verkäuferinnen und Verkäufer, sodass wir die Leute vor die Wahl stellen müssen: entweder bettteln oder Zeitung verkaufen - was sich aber im Falle jener, die zum Zeitungsverkauf gar nicht berechtigt sind, erübrigt.
Zusammenfassend ist also zu betonen, dass wir die vielen Verkäuferinnen und Verkäufer, die unberechtigt den Augustin verkaufen, durchwegs als hilfsbedürftig und in ihrer Not wahrnehmen, anderseits bedauerlicherweise vielen kein Angebot machen können und sie so weit wie möglich vom Verkauf des Augustins abhalten müssen.
Als Leserin bzw Leser unserer Zeitung können sie zur Sicherung unseres Projekts beitragen, indem sie die Zeitung bei jenen Verkäuferinnen und Verkäufern beziehen, die sichtbar einen gültigen Ausweis tragen. Ein gültiger Ausweis ist insbesondere an einem roten Stempel zu erkennen. Im Zweifelsfall lässt sich in unserem Vertriebsbüro auch an Hand der Identifikationsnummer die Gültigkeit des Ausweises feststellen.
Es gibt in Wien und Umgebung ausreichend Verkäuferinnen und Verkäufer, die auf korrekte Weise den Augustin verkaufen und darüber hinaus den Wert der Zeitung zu schätzen wissen.
Wir hoffen, dass wir mit dieser Erklärung Ihnen die schwierige Lage etwas näher vor Augen führen konnten.

/ 18.11.2009