Ich frage mich

Qui est Lampedusa?

article_2835_chronik_cover_180.png Wer sich in berechtigtem Zorn über die Attentate von Paris auf die europäischen Werte einschwören lässt, der schadet ihnen möglicherweise mehr, als ihm lieb ist. Einige skeptische Einwürfe.
Richard Schuberth / 21.01.2015
Prolog: Politiker und Feuilletonisten trauen Attentaten längst nicht mehr zu, schrecklich und niederträchtig zu sein, sonst müssten sie ihnen nicht bei jeder Gelegenheit diese Attribute, und viele mehr, verpassen, zum Beispiel feig. Dass es solcher moralischer Rollatoren bedarf, zeugt nicht nur von sprachlicher und moralischer Immobilität, sondern auch davon, dass die sprachliche immer ein guter Indikator für moralische Verarmung ist. Wer so etwas nachplappert, suggeriert, dass es auch prächtige, ehrliche und mutige Attentate gibt (selbst wenn er den Tyrannenmord nicht damit meint), gleich Politikern, die protokollarisch ein jedes Massaker verurteilen müssen und damit bekunden, dass sie es unter Umständen auch ganz prima finden könnten. Verkrampftes Ausschmücken mit Betroffenheits-Adjektiva verharmlost Niedertracht und Schrecken der Tat. Oft stimmen sie auch nicht: denn feig sind die wenigsten Attentäter. Es mag niederträchtig sein, Unbewaffnete zu ermorden, aber die Konsequenzen dafür in Kauf zu nehmen, bedarf doch einigen Mutes. Ich hätte mich das nicht getraut.
Na, haben die letzten zwei Zeilen, liebe Leser und Leserinnen, Unbehagen in Ihnen ausgelöst? Wurden aus dem Grundschlamm Ihres kollektiven Unterbewussten Begriffe wie pietätlos, provokativ, verharmlosend oder gar Islamversteher aufgewühlt? Das ist verständlich und war auch meine Absicht. Denn Sie haben emotional reagiert. So wie ich, als ich die ersten kritischen Stimmen zur elektronischen Verbrüderung der Guten gegen die Bösen auf Facebook las. Unwillkürlich wehrte ich diese Skepsis ab und ordnete sie einer starren Polarität zu. Das tun Emotionen immer, deshalb schlagen sie auch so hohe Wellen, auf dessen Kämmen die Macht am liebsten surft, was die Wellen aber zunächst nicht merken, weil sie so sehr von ihrem eigenen imposanten Dahinrollen berauscht sind. Ein volles Herz differenziert nicht gern. Doch haben Emotionen auch ihr Gutes: Geteilt schaffen sie Gemeinschaft, was dann aber doch wieder nicht so gut ist, sobald man merkt, dass jede Gemeinschaft ein reales oder ideelles Anderes braucht, und wenn dann nicht im rechten Augenblick Entsatz durch das vielleicht wertvollste Instrument der angeblich gemeinsamen Werte, den kritischen Gedanken, naht, ist man schon - merde arrive! - einer fiesen Ideologie auf den Leim gegangen.

Darum Vorsicht!


So sinnstiftend es sein mag, wenn sich Millionen Menschen synchron einbilden, eine Satireredaktion zu sein, und übers Netz endlich einen gemeinsamen Wertekatalog finden, zumal Zalando längst fad, und Amazon zu unvertretbar war, ist auch den Betroffenheits-Likern anzuraten, schnell wieder von Emotions- auf Denkmodus umzuschalten, um nicht unmerklich zu einer paneuropäischen Volksfront zusammengeschweißt zu werden, die wie jedes konstruierte Kollektiv durch einen stabilen Außenfeind politische Macht abzustützen und Interessenskonflikte zu kaschieren hat.
Die Gräueltaten von Paris geschahen im richtigen Augenblick. Europaweit werden sie Verschärfungen der Antiterrorgesetze und des Überwachungsstaats evozieren - Gesetzesänderungen, die man auch nach Beruhigung der Lage nicht revidieren wird. Sie bieten der politischen Mitte die Gelegenheit, im Namen der europäischen Werte, whatever that means, ihr Portefeuille mit antimuslimische Ressentiments aus dem Fundus der erstarkenden Rechten aufzufüllen, und sie werden eine neue Rasse von Islam-Experten an die Öffentlichkeit spülen, die nicht länger zur Unterscheidung von Islam und Islamismus mahnen, sondern Ersteren selbst zur Wurzel allen Übels erklären, als wären Koransuren und nicht soziale Deklassierung schuld an der Rekrutierung muslimischer, aber auch nicht-muslimischer Jugendlicher für den Djihadismus. Und natürlich führen sie zur Aufwertung schlechter satirischer Kunst durch nichtkünstlerische Mittel. Ich weiß, es klingt zynisch, gefühlskalt und menschenverachtend: Aber auch ermordete Cartoonisten können schlechte Cartoons gemacht haben. So sehr ich viele Karikaturen des getöteten Georges Wolinski schätze, so dürftig finde ich jene inkriminierten Coverbilder des Mordopfers Stéphane Charbonnier. Auch glaube ich mehr damit auszudrücken als ein bloßes Geschmacksurteil. Denn wie schon die Bilder der dänischen "Jyllands-Posten" beschränken sie sich auf plane Blasphemie - kein doppelter Boden, kein Erkenntniswert, kein kritischer Witz zeigt sich darin. Nichts gegen die Beleidigung religiöser Gefühle als Selbstzweck, doch hat die im weitgehend säkularisierten Westen, sieht man von Irland, Griechenland und einigen Tälern Tirols ab, an subversiver Kraft verloren, was ein Beweis ihres Erfolges sein könnte. Luis Buñuels wunderbar infantile Verspottungen religiöser Würdenträger mussten noch die Inquisition fürchten, gleich den unzähligen Satirikern der islamischen Welt unserer Tage. Ihnen sollte man diese notwendige Art der Provokation überlassen, und dankbar sein, auf einem höheren Niveau kritischer Satire arbeiten zu dürfen. Dass aber nicht-muslimische Satiriker das Amt der antimuslimischen Plasphemie usurpieren, wirkt paternalistisch und regressiv, sie spotten auf der geistigen Höhe der Djihadisten und geraten folglich in den Fokus von deren Zielfernrohren. Wenn Trittbrettfahrer der Aufklärung sich religiösen Fanatikern unbedingt überlegen fühlen wollen, dann besser aufgrund dessen, was diese nicht verstehen. Alles andere macht sie nämlich verdächtig.
Die Qualität von Kunst darf indes nicht Kriterium ihres Existenzrechts sein, auch schlechte und mittelmäßige Satire muss sein dürfen. Dass es jedoch eher die gute Satire ist, die verboten zu sein scheint, ist keinem strengen Propheten und keinem zornigen Gott geschuldet, sondern jenem mächtigsten aller Götter, von dem auch der IS die Panzerfäuste bezieht: dem freien Markt. Seine invisible hand sorgt schon dafür, dass nur das ins Bewusstsein dringt, was sich gut verkaufen lässt, nachdem es so lange formatiert wurde, bis ihm auch nur gefällt, was es zu kaufen gibt. Keine Koranschule kann da mithalten.
Wenn aber die neue Gemeinschaft der Gläubigen in ihrer virtuellen Agora die Losung ausgibt, es sei von nun an heilige Citoyens-Pflicht, die Cartoons von "Charlie Hebdo" weiterzuposten, werden Bekenntniszwänge abverlangt, und die totalitären Züge, die jedem essenzialistischen Kollektiv zwingend eignen, verwandeln die weichbärtigsten Hipsterfratzen in Grenzwarte der Exklusion. Wer nicht Charlie ist, muss folglich Said und Chérif sein. Und wer unter französischer Aufklärung weiter Diderot, de Gouges, Fourier, Jaurès oder Bourdieu und Barthes versteht, und nicht neckische Bilder von nackerten Sektengründern, gilt in nächster Konsequenz als geistiger Belagerer von Kobanê, so wie es der Medienpropaganda gelang, jeden Kritiker westlicher Ukrainepolitik als Putinschwarm, als Schwulenhasser und Pussy-Riots-Verhinderer zu entlarven.

Europäische Wertlehre


Kommen wir zum Fanal dieser Überlegungen, den europäischen Werten, jenem wahllos verschiebbaren Modulsystem aus christlicher Ethik, Aufklärung und gesellschaftlicher Liberalität. Dessen Vieldeutigkeit ist zugleich das Geheimnis ihrer Manipulierbarkeit als auch die einzige Chance, dieser zu entkommen.
Ich muss gestehen, dass ich nichts vom Begriff Werte halte. Werte können nicht nur ideologisch missbraucht werden, sie sind Ideologie. Gravitätisch pochen sie auf ewige Gültigkeit, posieren als Katechismus des Schönen, Guten, Wahren, wo es doch gilt, wachsam den Metamorphosen von Macht und Lüge auf die Schliche zu kommen. Weiters würde ich raten, auf die Adjektiva westlich und europäisch zu verzichten, weil an ihnen Blut klebt, nicht nur das geronnene Blut des Imperialismus, nein, frisches. Doch gehe ich wohlwollend davon aus, dass die meisten, die sich darauf berufen, die ethischen Residuen eines säkular entschärften Christentums, die bürgerlichen Freiheiten des Individuums und die vor allem von Juden beschleunigten emanzipatorischen Errungenschaften der Aufklärung meinen, und die können sich allemal sehen lassen. Von Stolz darauf sollte man jedoch absehen, denn der gebührt einzig jenen mutigen Frauen und Männern, die sie in erbittertem Widerstand gegen genau jene Gruppen erkämpft haben, welche deren Leistungen nun einsacken, dann politisches Kleingeld daraus schlagen, vor allem aber Großgeld, indem sie sie unter der Hand peu à peu verschleudern.
Einig dürfte man sich darin sein, dass die besten Traditionen jener Aufklärung in Pluralismus, den unteilbaren Menschenrechten und einer bis zur Selbstaufgabe hartnäckigen Eigenskepsis bestehen. Bleibt sie nicht, was sie sein sollte, ein nie abgeschlossenes Projekt permanenter Emanzipation, verkommt Aufklärung zur Metaphysik, und zur dreisten Leistungsschau von Lobbys, die zwar nichts dafür geleistet haben, aber die Wegstrecke, die uns von der Einlösung ihrer Versprechen trennt, nicht nur kaschiert, sondern in die Länge zieht. Der Aufklärung den größten Dienst erwiesen haben Adorno und Horkheimer durch unerbittliche Kritik an ihren Herrschaftspraxen, ihrer Hybris, ihrer Unterwerfung des Vieldeutigen unter ihre absoluten Kategorien.
Offen bleibt die Frage, ob es sich tatsächlich um europäische Werte handelt. Das Christentum kommt bekanntlich aus Palästina, und ob die altgriechische Kultur die erste europäische oder die westlichste orientalische war, mag eine sophistische Frage sein, ist aber insofern notwendig, als sie Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, und das ist der schönste Wert jener Aufklärung, ob westlich oder nicht; denn dialektische Methodik gab es auch in China, Respektlosigkeit gegenüber Star- und Götzenkult ("Begegnet dir ein Buddha, schlag ihn tot") lehrt der Zen-Buddhismus, dass das Göttliche im Hier und Jetzt, im Menschen und nicht im Himmel zu suchen ist, dafür steht der anatolische Alevitismus, und die schärfste Satire ist längst in die USA ausgewandert. Aus Europa hingegen, weiß ich, kommen die elaboriertesten Konzepte von Rassismus, Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus sowie ein ökonomischer Leviathan, der pro Minute mehr Menschen in Elend und Tod treibt, als es alle Gotteskrieger dieser Welt in einem Jahr schaffen, weshalb die ihren Konkurrenznachteil mit mehr martialischer Theatralik kompensieren müssen.
Kurzum: Wer die Werte der Aufklärung erhalten will, muss ihre Polyphonie und Dissonanz erhalten, sobald sie aber zum Kanon erstarren und unisono gesungen werden, sind sie restlos versaut - Finger weg davon und woanders weitermachen!
Vor dem Nationalismus bildeten Islam und Christentum ein wechselseitiges Referenzsystem, nach der angeblichen Überwindung des Nationalstaats waren es die europäischen Werte, die die Rolle des einstigen konfessionellen Kollektivkitts übernehmen mussten, doch bindet dieser nur dürftig, weshalb man dankbar ist für jedes Andere, das den Wertekäfig von außen abzudichten vermag; und siehe da, es gibt immer noch den guten alten Islam, schwachbrüstig zwar, in einzelnen Fanatismen aber auf praktische Weise bedrohlich.
Der Weg von der Betroffenheits- zur Schicksalsgemeinschaft ist ein kurzer, hinter dem Sammelruf zu den europäischen Werten jedoch steht die ruchloseste innereuropäische Umverteilung seit dem Zweiten Weltkrieg, ein ökonomisches Banditentum, das vom bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts nur die Missachtung sozialer Rechte geerbt hat und das umso entfesselter wütet, je blinder seine Opfer in der aus besseren Tagen genährten Illusion leben, dass doch alles gut werde, solange Conchita wie ein Phönix aufsteigt und farbige Fußballer gutes Gewissen zur Heimat machen.
Wer jetzt Charlie ist, denkt vermutlich nicht daran, die 1500 Selbstmörder zu sein, die Griechenland seit 2008 beerdigt hat, denkt nicht daran, die 30.000 Bootsflüchtlinge zu sein, die Europa bislang absaufen ließ, denkt nicht daran, die Gefangenen zu sein, denen der CIA in polnischen Kellern gerade die Augäpfel eindrückt, oder die Ehebrecherinnen, die unsere Geschäftspartner auf der Arabischen Halbinsel so gerne steinigen.
Die heute gegenüber den orientalischen Untermenschen vollmundig mit Frauen- und Schwulenrechten prahlen, sind meist dieselben, welche vor kurzem noch Frauenbewegung nur schätzten, wenn sie rhythmisch ist, und Schwule ins Arbeitslager schicken wollten. Hans Rauscher sagt es offen: "Um es offen zu sagen: Wir haben uns mühsam die Moderne angeeignet - Säkularisierung, Frauenemanzipation, eine liberale Sexualmoral und -gesetzgebung, eine nicht vollständige, aber doch beträchtliche Abkehr von altem autoritärem Denken sowohl in der Familie als auch in der Politik." Ob eine Neigung zur Gynäkomastie schon zur Aneignung der Frauenemanzipation autorisiert, ist fraglich, wir glauben ihm jedoch aufs Wort, dass er sich die Kämpfe anderer angeeignet hat, und wie mühsam es gewesen sein muss, die Fortschritte, die sie in 200 Jahren errungen haben, auf einmal runterzuwürgen, können wir ihm auch nachfühlen. Die Aneignung und Kanonisierung emanzipatorischer Kämpfe durch jene, gegen die sie erkämpft wurden, erfüllt den Zweck, sich gegenüber diversen Barbaren als bessere Welt zu brüsten, um von den sozialen Barbareien abzulenken, an denen Europa zugrunde gehen wird. Solange dieses Europa unterschiedliche Entlohnung von Männern und Frauen duldet, eine neofaschistische und antisemitische Demokratura in ihrem Herzen und einen ruchlosen Wirtschaftsnationalismus etwas nordwestlich davon, um nur ein paar Punkte auf der To-do-Liste der Aufklärung zu nennen, sind die europäischen Werte das Klopapier nicht wert, auf das sie in den WCs des EU-Parlaments gewischt werden.

Richard Schuberth ist Schriftsteller. Im Februar erscheint sein Roman «Chronik einer fröhlichen Verschwörung» bei Zsolnay.

Richard Schuberth / 21.01.2015