13. April 2007

13. April 2007

article_3736_f13-samba9643_180.jpg• Bedingungsloses Grundeinkommen
• Straßenmusik

 

• Runder Tisch Grundeinkommen horcht ins Volk
«Nicht mehr arbeiten müssen»

Als Ort der Zusammenarbeit einer großen Anzahl unterschiedlicher Organisationen, Gruppen und Individuen gibt es seit einiger Zeit den „Runden Tisch Grundeinkommen“. Einige TeilnehmerInnen gingen am F13-Aktionstag, den 13. April, auf die Straße. Diesmal nicht, um zu demonstrieren, sondern um PassantInnen zu fragen, wie sich ihrer Meinung nach ein Grundeinkommen auswirken würde. Hier der Bericht der „Aktionengruppe“ des Runden Tisches.  

Auf der Wiener Kärntnerstraße am Freitag, den 13. April: Wir befragen einen Mann zwischen 40 und 45, was er mit einem bedingungslosen Grundeinkommen tun würde, wenn es dieses bereits gäbe. Es stellt sich heraus, dass er vor acht Jahren ein Unternehmen gegründet hat. Er war erfolgreich damit und hat die Firma inzwischen verkauft. Das Geld hat er „in Immobilien investiert“ – diese bescheren ihm ein „arbeitsloses Einkommen“. Nun kann er es sich leisten, an einem herrlichen sonnigen Freitag-Nachmittag auf der Kärntnerstraße spazieren zu gehen, ohne etwas tun zu müssen. Ansonsten arbeitet er natürlich schon etwas, wie er uns erklärt – aber er muss es nicht mehr – ein erstrebenswertes Ziel für ihn, das er erreicht hat. Der Befragte ist nur einer von vielen, die uns im Rahmen der Grundeinkommens-Untersuchung, die wir in Wien von März bis Juni 2007 durchführen, begegnen und die die These wiederholt bestätigen, dass die Entkoppelung von Einkommen und Arbeit längst stattfindet (so der Soziologe Georg Vobruba). Was ist damit gemeint? Auf der einen Seite sind Menschen anzutreffen, die Einkommen erzielen, ohne dafür arbeiten zu müssen, sei es aufgrund von Wertpapier-, Aktien- oder Immobilienbesitz. Sie haben EINKOMMEN OHNE ARBEIT. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die keine Erwerbsarbeit finden oder irgendwelche Jobs machen müssen, um zu Einkommen zu gelangen, das für sie über-lebensnotwendig ist. Für sie reicht die Erwerbsarbeit zunehmend nicht zum Leben, sie sind „working poor“ – Arm trotz Arbeit: Sie haben ARBEIT OHNE EINKOMMEN.

Die Zahlen belegen eine verstärkte Konzentration der Vermögen auf der einen Seite und die Verarmung bzw. Armutsgefährdung auf der anderen. Nicht nur, dass der Anteil der Löhne und Gehälter am gesamten Volkseinkommen gegenüber den Gewinnen zurückgeht (1% Steigerung der Durchschnittslöhne seit 2000 bzw. in Deutschland sogar Rückgang um 4%), auch die Schere zwischen den TOP-Gehältern und den niedrigsten Einkommen geht in immer mehr Betrieben und in der ganzen Gesellschaft auseinander. Aus vielen Vollzeitarbeitsplätzen werden Teilzeitjobs oder geringfügige Jobs, die nicht zum Leben reichen. Die Arbeitslosigkeit wird bis 2010 wahrscheinlich in der Größenordnung von 6% liegen (ohne SchulungsteilnehmerInnen etc, die nicht in der Statistik aufscheinen). Wir haben fast schon Vollbeschäftigung, hat jüngst Vizekanzler Molterer in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ verkündet.
Die Gründe für diese Entwicklung werden von den Betroffenen oft selbst genannt. Vor allem die fortschreitende Flexibilisierung und Rationalisierung scheinen sie zu fördern. Immer mehr kann durch immer weniger produziert werden. Am unteren Ende tobt der Überlebenskampf bzw. der Kampf um Erwerbsarbeit wird immer bitterer. Der Staat reagiert mit verschärften Kontrollen und Auflagen bei der Gewährung von existenzsichernden Sozialleistungen. Erwerbslose, prekär Beschäftigte, Lohnabhängige – sie alle werden gegeneinander ausgespielt.

Hintergrund für die Untersuchung ist die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Nach Ansicht der AktivistInnen ermöglicht es Freiheit und Sicherheit für alle. Es anerkennt, dass Arbeit mehr ist als Erwerbsarbeit. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen würde es für alle möglich, mehr Gestaltungsraum zu bekommen. JedeR könnte selber entscheiden, welche Form der Arbeit (Erwerbsarbeit, Familien, Soziales, Kulturelles, Eigenarbeit etc.) er/sie in welchem Ausmaß wann wählen möchte. Nicht mehr länger wäre es ein Privileg einer bestimmten Gruppe ist, nicht mehr arbeiten zu müssen.

Runder Tisch Grundeinkommen: Bei Interesse (bitte Bundesland angeben): grund.einkommen@yahoo.de

Die Kriterien
Grundeinkommen ist ...
eine bedingungslose,
finanzielle Zuwendung,
die jedem Mitglied der Gesellschaft
in existenzsichernder Höhe,
ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise
als Rechtsanspruch zusteht und
eine Krankenversicherung inkludiert.

 

• Straßenmusik

Einfach nur zuhören
Straßenmusik in Öffis? «Wiener Lilien» befragten Fahrgäste


Die MitarbeiterInnen des fiktiven „Büro für Öffentlichkeitsarbeit und KundInnenzufriedenheit der Wiener Lilien“ hatten sich für die „Imagekorrekturkampagne“ den geeignetsten Tag ausgesucht: Freitag, den dreizehnten April. Ihr Beitrag zu den F13-Aktivitäten: Eine Fahrgästebefragung, die die Akzeptanz von StraßenmusikantInnen im U-Bahnbereich erheben sollte. Die subversive Imitation funktonierte perfekt. Die DarstellerInnen ziehen im Folgenden die Bilanz ihrer „Amtshandlung“, deren Ergebnisse für die echte Direktion der Wiener Linien zumindest aus einem Grund nicht gänzlich belanglos sein sollten: Viele auskunftbereite Fahrgäste ahnten nichts vom Fake.
Musik im öffentlichen Raum hat eine große Tradition. In vielen Metropolen ist es bereits Usus geworden, sich mit dieser Tatsache seitens der Behörden nicht nur abzufinden, sondern das Phänomen in den jeweiligen Zuständigkeitsbereich einzubinden.
In Wien sieht der Umgang mit StraßenmusikerInnen allerdings so aus, dass jede Art von musikalischer Darbietung in den Bereichen des öffentlichen Verkehrs kategorisch unterbunden wird und es obendrein auch noch eine offizielle Aufforderung an Öffi-BenutzerInnen gibt, kein Geld an StraßenmusikerInnen zu geben. Der belehrende Ton dieser Durchsagen wirkt, in Verbindung mit dem Hinweis, wem man doch lieber sein Geld spenden sollte (nämlich anerkannten Organisationen), bevormundend. So viel zur Situation zwischen Fahrgästen und den Wiener Linien. Die KünstlerInnen freilich sind die eigentlichen Leidtragenden, müssen sie doch ständig das Einschreiten seitens der Behörden und damit verbundene Strafen fürchten.
Diese restriktive Politik gegenüber MusikerInnen im öffentlichen Verkehrsnetz hat uns dazu veranlasst, mittels einer gefakten Imagekampagne der Wiener Linien („Wiener Lilien“) die “Musikverträglichkeit“ der Öffi-BenutzerInnen an Ort und Stelle zu testen. In Verbindung mit einer F-13 Aktion, bei der AkkordeonistInnen im U-Bahnbereich auftraten, schlüpften wir in die Rollen von zwei fiktiven Angestellten des „Büros für Öffentlichkeitsarbeit und KundInnenzufriedenheit“ im Auftrag der Wiener Lilien, teilten Informationsblätter aus und befragten die PassantInnen zu ihrer Einstellung zu Musik im U-Bahnbereich.

Positiv überraschend waren dabei drei Dinge:
1. Die meisten Befragten reagierten wirklich positiv auf den Vorschlag mit der Live-Musik im öffentlichen Verkehr, wobei das auch wirklich Personen jeden Alters und aus allen möglichen Kontexten waren.
2. Niemand regte sich jemals über die Musik und die tanzenden Leute auf (die Befragung wurde in den U-Bahnpassagen durchgeführt, an denen gleichzeitig die F13-Akkordeonkonzerte stattfanden), auch nicht die, die eigentlich nicht mit Musik im öffentlichen Verkehr einverstanden waren. Allerdings ist die Frage, ob das nicht deswegen so war, weil wir beide glaubwürdig als Werbeleute der Wiener Linien auftraten.
3. Die Frage, ob der öffentliche Verkehrsraum ein Treffpunkt für Personen mit verschiedensten Hintergründen sein soll und kann, wurde von erstaunlich vielen Leuten bejaht.

Eine längere Diskussion ergab sich mit einem 50-jährigen, gutsituierten Mann, der meinte, prinzipiell nichts gegen Straßenmusik zu haben, aber er sei für eine "geregelte Straßenmusik", in dem Sinne, dass ausgewiesene Bereiche für StraßenmusikerInnen zur Verfügung gestellt werden müssten. Er begründete seinen Wunsch mit der Befürchtung, dass zuviel Musik im öffentlichen Verkehr einfach zu laut sei, er wolle nicht durch "zuviel Beschallung" gestört werden.
Eine zweite Diskussion, die dann aber zu einem Streit geriet, wurde mit einem Mann Anfang Dreißig geführt. Der regte sich nämlich enorm über "den moralischen Druck" auf, unter dem er sich befinde, weil StraßenmusikerInnen „immer“ (!) kleine Kinder schicken würden, um nach Geld zu fragen. Er wollte uns wohl damit sagen: die StraßenmusikerInnen verarschen uns und nutzen ihre Kinder aus...
Ein denkwürdiger Moment ereignete sich in der U3 zwischen Stephansplatz und Westbahnhof, wo eine (echte) Angestellte der Wiener Linien, bezugnehmend auf die (echte) Politik ihres Betriebes, die MusikerInnen daran hindern wollte, im U-Bahnbereich zu spielen. Die folgende Diskussion zwischen ihr und einem der Akkordeonisten hätte leicht eskalieren können, doch der hartnäckig insistierende Charme des Musikers „I spü eana a Liadl, gnä’ Frau – Gengans, huachns zua: I spü eana a Liadl nua fia Sie“ brachte die zunächst vollkommen zweifelsfreie Angestellte am Ende ein bisschen dazu, ihre Rolle zu vergessen. Der Schmäh des Musikers, selbstverständlich auch in Verbindung mit der stattfindenden Aktion als gesamtes, ist als exemplarisch anzusehen. Es geht eben auch anders, wenn man nur will.
Interessant und witzig war, dass sich viele Leute beim Ausfüllen der Fragebögen damit beschäftigten, welche Musik sie gern hören würden. Einige schrieben sogar Musikvorschläge auf den Fragebogen.
Lustig war auch eine Situation bei unserem ersten Ortswechsel vom Karlsplatz zum Stephansplatz: Vor der Abfahrt wurden zwei anwesende Polizisten gefragt, ob sie mit den MusikerInnen, die auf dem Weg zur U1 waren, mitkommen würden, worauf die Uniformierten meinten, das sei nicht notwendig, weil sowieso „zwei Leute von den Wiener Linien“ dabei seien - also entweder bewiesen sie Humor, oder wir waren wirklich gut verkleidet!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der überwiegende Teil der Befragten sich positiv über die stattfindenden Darbietungen äußerte. Probleme entstanden nur dann, sobald die Verantwortlichen sich bemüßigt fühlten, einzuschreiten. Aufgrund der vielen positiven Antworten von Fahrgästen der Wiener Linien schlagen wir daher eine „Politik der Kooperation“ mit StraßenkünstlerInnen vor - ein Konzept zur Vergabe fixer Plätze für KünstlerInnen im Stationsbereich wäre zum Beispiel eine gute Idee, mit der sich die Wiener Linien beschäftigen sollten! Dann wären die Securities nicht mehr gezwungen, repressive und unmenschliche Anordnungen auszuführen und könnten selbst - einfach nur zuhören!

Die ehrlichste Gage
Zur baldigen Abschaffung der Straßenmusik-Verordnung


Der Musiker Walther Soyka hat am Freitag, den 13. April (F13) an dem „kleinen Wiener Akkordeonfestival“ im U-Bahnnetz teilgenommen, weil er dessen Zielsetzung unterstützt: Beseitigung der bürokratischen Hürden für die Straßenmusik in der „Hauptstadt der Musik“. Dem Augustin berichtete er, welche Rolle die Straße in seiner Künstlerbiografie spielte und wie wenig die Hüter der Verordnung vom Sinn der Kunst begreifen.

Meine Laufbahn als Akkordeonist hat 1979 begonnen, auf der Kärntnerstraße.
So wie viele andere Musikstudenten bin ich zum Üben lieber dorthin gegangen als zu Haus die müde Mutter zu sekkieren. Natürlich war meine Absicht nicht, irgendwen zu belästigen - die Intention war, was ich gelernt hatte unmittelbar weiterzugeben. Und es haben sich immer Menschen gefunden, die das Gehörte zu schätzen wussten. Dort habe ich gespürt, was sich zwischen ehrlicher Begeisterung und brutaler Ablehnung alles erfahren lässt, und ich habe gelernt, für jeden einzelnen Schilling, den mir jemand gegeben hat, dankbar zu sein. So geht Kultur.
Die meisten Menschen, die auf Straßen musizieren, tun das nicht, weil sie in der gewerblichen Vermarktung von künstlerischen Leistungen keine Chance für sich selber sehen, sondern weil sie diesen komplizierten Vorgang der Musik selber, die sie wie eine Person betrachten und verehren, nicht antun wollen. Und genau darin unterscheiden sie sich von so genannten "Profis", die jede Bezahlung als Folge ihrer persönlichen Leistung missverstehen. Die Behauptung, was nichts koste, sei auch nichts wert, habe ich von solchen viele Male staunend gehört und betrachte sie heute als Ausdruck einer kollektiven Geisteskrankheit.
Heute bin ich überzeugt, dass das Geld, das ein Straßenmusikant bekommt, die ehrlichste Gage ist, die überhaupt möglich ist. Die ZuhörerInnen haben die seltene Gelegenheit, ihre Bewertung des Gehörten selbst und freiwillig vorzunehmen, dabei lernen sie etwas über sich selbst. Niemand versucht, sie über die Qualität des Gebotenen zu täuschen, niemand zwingt sie, zuzuhören oder gar zu bezahlen, und so war ich als Musikant immer in der Rolle des Gebenden. Jedes Stück Musik war zuerst ein Geschenk an die Welt, und nur wer dafür Verständnis hatte, hat zugehört oder gar - aus purer Freude - etwas zurückgegeben.
Seit dem Tag, an dem ich von einem (eh recht höflichen) Polizisten erfahren habe, dass ich jetzt eine Genehmigung (damals noch Gratis- Platzkarte) brauche, um hier zu musizieren, war ich um eine ganz wichtige Seite meiner Persönlichkeit ärmer: Das Gefühl, etwas zu geben zu haben, hat sich später nie wieder in vergleichbarer Weise eingestellt. Als hätte ich kein Recht dazu.
Die Verbote und Einschränkungen der Straßenkunst-Verordnung zwingen Künstler letztlich in eine gewerbliche Haltung, die überhaupt nicht dem eigentlichen, nämlich immateriellen, Charakter von Musik (oder sonstiger Kunst) entspricht. Das soll bitte nicht esoterisch oder romantisierend verstanden werden, aber jeder Ton, den jemand spielt oder singt, macht die Welt, und damit unser aller Leben, tatsächlich reicher. Die UNESCO versucht weltweit, Regierungen von dieser Tatsache zu überzeugen - und wird zugleich von kurzsichtigen Lokalpolitikern, die Verordnungen wie diese aufrecht erhalten zu müssen glauben, ad absurdum geführt.
Viel zu oft werden Menschen durch Regulative vor sich selbst, vor dem Entwickeln ihrer natürlichen Eigenheiten "beschützt". Potentielle Wege der Identifikation und Integration werden dem Vermeiden potentieller Konflikte geopfert; die Entwicklung einer Diskurskultur findet wegen kontur- und sprachloser Konfliktparteien nicht statt; schließlich muss jeder Bereich des städtischen Zusammenlebens an bezahlte Spezialisten delegiert werden, die wegen absichtslos erzeugter Mängel völlig absurde Expertenpositionen einnehmen. Irgendwo in dieser Kette finden sich vermeintliche Kulturträger in der paradoxen Situation, in Konkurrenz zu einem ruhebedürftigen Bauunternehmer "gewerblichen Lärm" zu produzieren, während speziell geschulte Polizisten Deeskalation üben an Leuten, die nur einfach nicht gelernt haben, zusammen zu singen.
Das nenn’ ich Chaos, daraus kann uns nur eine veritable Anarchie retten.