13. März 2015

13. März 2015

article_3759_6_180.jpg

• Pflückpoesie statt City-Branding
• Vertreibungsprojekt in Meidling
• F13 Fest in Ybbs

• Pflückpoesie statt City-Branding

«Die-Stadt-gehört-uns»: Sichtbarer Widerstand gegen das Monopol der wirtschaftlichen Global-Player.  

«Die-Stadt-gehört-uns»: Der Slogan war vor vier Jahrzehnten noch niemandem geläufig, auch nicht dem Wiener Zettelpoeten Helmut Seethaler. Mit 21 Jahren startete der Dichter, als absoluter «Solist», sein persönliches Projekt zur Aneignung des öffentlichen Raums. Das war 1974! Mit Hilfe eines Klebebandes begann er, stark frequentierte Stellen dieser städtischen «Allmenden» in Poesiegärten zu verwandeln. Die Passant_innen wurden eingeladen, die Gedichte Seethalers, die an den Bändern klebten, reichlich zu ernten. Diese Aktionen, die er bis heute konsequent fortsetzt, haben ihm mehr als 1100 Anzeigen wegen Verschmutzung, Ordnungsstörung oder Behinderung des Fußgängerverkehrs eingebracht. Obwohl Seethaler auf einen richterlichen Spruch verweisen kann, wonach die Herstellung von Pflück-Literatur eine künstlerische Tätigkeit und kein Vandalenakt ist, ist kein Ende der Schikanen gegen den Zettelpoeten abzusehen.
Mit einer F13-Aktion (Freitag, 13. März 2015!) würdigt der lebendig gebliebene Teil der Bewohnerschaft den langen Atem dieses Avantgardisten des «Reclaime The Streets»-Prinzips und vervielfältigt – zumindest einen Tag lang – seine Unternehmungen zur Poetisierung der Stadt. Der Augustin lädt alle Interessierten zu einem zweistündigen Workshop mit Helmut Seethaler ein, wo sowohl über die Technik des Zettelklebens als auch über die gesetzlichen Rahmenbedingungen informiert wird. Die Teilnehmer_innen werden ersucht, eigene oder entlehnte Pflückgedichte in ausreichender Zahl (auf Zetteln von maximal A4-Größe) mitzunehmen. Nach dem Workshop verstreuen sich die Teilnehmer_innnen kleingruppenweise in der ganzen Stadt, hinterlassen ihre Texte und dokumentieren, wie «die Stadt» (u. a. in Form von Behörden) auf die Produkte der «hundert Seethalers» reagiert.
Neben den Hervorbringungen der aktiven Graffiti-Szene könnten die wilden, inoffiziellen Klebe-Poesie-Galerien eine weitere Form von sichtbarem Widerstand gegen das Monopol der wirtschaftlichen Global-Player auf Beschriftung der urbanen Oberflächen sein. Diese Vision soll am Freitag, dem Dreizehnten, spielerisch vorweggenommen werden: Die Herausforderung lautet: «Verjandln wir die durch City-Branding verunstaltete Stadt!»

 

• Vertreibungsprojekt in Meidling

Eine F13-Aktion gab es auch im 12. Bezirk. Am Vorplatz der Arcade Meidling an der Philadelphiabrücke wurde im Sommer 2014 ein Zaun errichtet, der nur einen Zweck hat: Er soll die bisherige Nutzung als Sitzplatz verunmöglichen. Dennn er wurde von vielen Obdachlosen verwendet. Das Obdachlosen-Tageszentrum JOSI hatte ein Ausweichquartier in der nahe gelegenen Koppreitergasse errichtet. Nach ein paar Wochen eigneten sich findige Jugendliche die Sitzplätze wieder an, indem sie sich durch die Barriere schlängelten. Also wurde das Vertreibungsprojekt mit Werbetafeln erweitert. F13-Aktivist_innen be(k)lebten den Zaun mit Protest-Kartons.