13. Juni 2003

13. Juni 2003

article_3300_13.06.03ohnemacht_180.jpg • Freifahrtaktion
• Lesung
• 11% K.Theater
• Begründetes Denken
• Schlafzone
• ohnEmacht
• Slow Forward
• Permanent Breakfast
• Struwwelpeter
• F13-Volxküche
• Freifahrtsausstellung

 

Wir stehen auf Grund

Ein- bis dreimal im Jahr schenkt uns der Kalender die mythische Datumskombination Freitag, der Dreizehnte. Ein Netzwerk von Gruppen aus dem sozialen und künstlerischen Bereich will die Bedeutung "Unglückstag" umdrehen und ist dabei, einen neuen urbanen Volxbrauch zu entwickeln: F13. Am 13. Juni wird Wien mit einer Vielzahl von Aktionen überzogen, denen zumindest eines gemeinsam ist: Sie sind ein Appell gegen die soziale Ausgrenzung "unerwünschter" und "ökonomisch unnützlicher" Milieus, Gruppen und Individuen. Eine (unvollständige) Liste der Ereignisse dieses Tages:

• Projekt Öffentliches Verkehrszimmer

Wir machen die Straßenbahn zum Wohnzimmer, lautet das Motto dieser Straßenbahnaktion. Die Forderung: Das öffentliche Verkehrsmittel muss als öffentlicher Raum akzeptiert werden – Straßenbahn für alle. Logischerweise setzt das den Nulltarif voraus.
Treffpunkte: 10.30 Uhr, Bürogemeinschaft Schottengasse 3a/Tür 59 oder 11 Uhr Straßenbahnstation Lange Gasse/Alserstraße.
Kontakt: rotkraut@gmx.at

Subversiver Babyboom im Untergrund – grenzenloses Gratisfahren im
Kinderwagen (in rosa und hellblau)

Immer noch gibt es für Obdachlose, SozialhilfeempfängerInnen und Flüchtlinge nicht einmal ermäßigte Verkehrstarife, geschweige denn Nulltarif. Die Ärmsten der Armen müssen den vollen Preis zahlen. Da liegt es nahe, in die Babyrolle zu schlüpfen, um nicht als SchwarzfahrerIn sanktioniert zu werden. AktivistInnen der Flüchtlingsberatung organisieren eine Kinderwagendemo auf den Wiener Linien.
Treffpunkt: 10.30 Uhr, Bürogemeinschaft Schottengasse 3a/ Tür 59.

"Zitate im Sonderangebot"
Der F13-Beitrag der ARGE Randkunst: eine Lesung in der U-Bahn. Verwendet werden Artikel zur Arbeitsmarktsituation aus dem U-Express, versetzt mit heißen Zitaten "unserer" PolitikerInnen. Dauer einer Lesung ca. 20 Minuten, wird in allen U-Bahnlinien wiederholt.
Treffpunkt: 13 Uhr, U 3-Station Westbahnhof
Kontakt: 0 664 475 58 63 oder: schoiswohl_m@hotmail.com


• 11 % K.Theater spielt unbegründet

Die Theatertruppe der AUGUSTIN-KolporteurInnen weist mit ihrer Straßenperformance auf die bisher absurdeste Form der Bekämpfung von Randgruppen durch Exekutive und konservative Politiker hin, auf die missbräuchliche Anwendung des § 78 der Straßenverkehrsordnung ("unbegründetes Stehenbleiben") gegen Obdachlose, Junkies und Alkoholiker.
Ab 13 Uhr am Bundesländerplatz (Mariahilfer Straße, gegenüber Generali-Center)
Ab 15 Uhr in der Karlsplatz-Passage (Rondo)


• Begründetes Denken gegen unbegründetes Gesetz

Eine gemeinsame Aktion der Künstlergruppen United Aliens und ohnEmacht. Wie Anwälte werden die TeilnehmerInnen Wörter und Passagen aus Gesetzestexten (in dem Fall §78 StVO – "unbegründetes Stehenbleiben") aus- und verlegen. Aber im Gegenteil zu Anwälten dienen sie nicht der zahlungskräftigen Elite, sondern solidarisieren sich mit jenen, die durch ihren Mangel an Geld aus den meisten Bereichen des Lebens ausgeschlossen werden, indem sie die Überflüssigkeit und Ungerechtigkeit des Gesetzes anklagen und aufzeigen.
Ab 14 Uhr, Kärntner Straße


• Aktion Schlafsack für Wohnungslose

Von 14 bis 16 Uhr beim Obdachlosen-Tageszentrum Josefstädter Straße (bei der U6-Station).
Kontakt: christine.cote@aon.at


• Projekt zur Öffentlichkeitsbewirtschaftung

Eine Aktion der Gruppe ohnEmacht. Auf der Meidlinger Hauptstraße wird ein Pilotprojekt zur Öffentlichkeitsbewirtschaftung vorgestellt, das der praktizierten Politik der ÖVP/FPÖ-xRegierung, aber auch den momentanen europäischen Werten mehr verkörpern würde als ein plumper §78 in der StVO. Über eine ”Public-Privat Partnership” wollen die VeranstalterInnen günstige Stehplätze in Containern an unbegründet herumstehende Heimlose und Drogenkranke vermieten. Das Projekt soll den anachronistischen, wenig subtilen und willkürlichen §78 durch eine moderne, rentable, und der Verwertungslogik entsprechende Unternehmung ersetzen. "Unästhetische Elemente an stark frequentierten Plätzen beeinflussen das öffentliche Stadtbild extrem negativ. So schaden sie ungewollt dem Tourismus, der eine Haupteinnahmequelle unserer Heimat darstellt. Noch viel stärker wiegt, dass primär das Stadtbild das österreichische Image im Ausland prägt, wie aus wissenschaftlichen Untersuchungen hervorgeht, und dadurch ein wesentlicher Standortfaktor im wirtschaftlichen Wettbewerb ist. Unser Projekt würde daher nachhaltig zu Wirtschaftskonjunktur führen und dadurch neue Arbeitsplätze und allgemeinen Wohlstand schaffen", heißt es in einer Ankündigung,
Ab 16 Uhr, Meidlinger Hauptstraße 60
Kontakt: arno.uhl@reflex.at


• Slow Forward Aktion «9 X nein»

Die Gruppe «SF» (slow forward) wird die Aktion «9 X nein» am Stephansplatz aufführen. 9 Menschen in weißen Gewändern und einer Augenbinde bewegen sich in Zeitlupe in einem «X 9» Schritte großen eld, welches mit 9 Türmatten umrahmt ist. Jede Matte steht für eine Randgruppe. 3 Menschen mit Megaphon animieren die ZuschauerInnen, sich auf der Matte die Schuhe abzuputzen. Wird nun so eine Matte von ZuschauerInnen betreten, wird ein Text mittels Megaphon gesprochen, und eine(r) der 9 PerformerInnen reagiert darauf.
Ab 16 Uhr, Stephansplatz; Dauer:ca. 45 Minuten.


• Kein Aufruf zu stehen!

"Wir stehen auf Grund. Und zwar auf öffentlichem. Daher werden wir begründet stehen, weil anders zu stehen gar nicht möglich ist", proklamiert die Künstlergruppe Permanent Breakfast. "Wir werden keine Versammlung sein, denn jede(r) von uns nimmt ihren/seinen individuellen Standpunkt ein. Dass unsere Standpunkte genau innerhalb eines Rasters sein werden, wird Zufall sein und nicht beabsichtigt. Der Abstand zu den Nächststehenden nach vorn, nach hinten und nach der Seite wird spontan und ungeplant 2 Meter betragen und wir werden am Gehsteig der Mariahilfer Straße stehen, etwas stadteinwärts von der Neubaugasse aus gesehen. Wir werden etwa 2 1/2 Stunden dort stehen, am Freitag den 13. Juni." Friedemann Derschmidt: "Ich werde, sollte ich gefragt werden, warum ich hier stehe, mit dem Stehsatz antworten: Ich bestehe darauf, dass der öffentliche Raum für alle da ist zur freien Benützung und dass ich es nicht hinnehme, wenn seitens der Polizei auf Veranlassung von Geschäftsleuten, anständigen Bezirkspolitikern etc. an unseren Grundfreiheiten mittels windiger Paragraphen herummanipuliert wird. Das betrifft alle auf kurz oder lang." Warum die anderen stehen werden, möge man sie selber fragen. Dass man selber dort mit einstehen könnte, möge man bedenken. Das hier ist KEIN AUFRUF. Niemand kann aber viele daran hindern, dort hinzukommen, um zu stehen.
Ab 16 Uhr, Mariahilfer Straße/Neubaugasse.
www.permanentbreakfast.org


• Struwwelpeter im Himmel

Hubsi Kramars Version der unseligen Kinder-Geschichte – einer Untertanenerzeugungsindustrie-Lektüre, in deren Logik die Leute in den 1.und dann in den 2. Weltkrieg marschiert sind. Und heute sind wir wieder so weit: "Sei hübsch ordentlich und fromm ..."
16 Uhr im KABELWERK, Oswaldgasse 35, 1120 Wien


• F13-Volxküche

Volxküche im Tüwi: Gratisspeisen für die Verwunschenen und Verlorenen.
Ab 17 Uhr, Wien 19, Peter-Jordan-Straße 76 (bei der BOKU).
Tel.: (01) 476 54-2008


• Eröffnung der Fotoausstellung FREIFAHRT

Würde wächst nur aus dem Handeln: Mario Lang, Fotograf der Obdachlosenzeitung AUGUSTIN, hat die Serie der Straßenbahnbesetzungen begleitet, mit denen die Wiener Straßenzeitungs-KolporteurInnen Nulltarif für Obdachlose und SozialhilfeempfängerInnen forderten. Langs Fotos zeigen Momente der demonstrativen Schwarzfahrten, die als "Tage der freien Fahrt" gleichsam Sternstunden einer neuen Sandlerbewegung waren. Die Vernissage ist gleichzeitig das Abschlussfest des F13 Aktionstages, die Besucherinnen erwartet das "Stimmgewitter Augustin, Wiens erster Obdachlosengesangsverein", mit dem neuen Programm.
20 Uhr, Café 7Stern, 1070 Wien, Siebensterngasse 31


Drei F13-"Regeln"

1. Jede(r) ist zu einem F13-Beitrag eingeladen. Es gibt keine zentrale F13-Organisation. Jede Gruppe verwirklicht ihre Idee autonom und kann sich des F13-Labels bedienen. Das Logo ist von www.augustin.bus.at bei Bedarf herunterzuladen. Die Dokumentation im AUGUSTIN ist ein freies Angebot. Ob die teilnehmenden Gruppen ihre Actions polizeilich anmelden, ist ihre Sache.
2. F13 ein Tag der künstlerischen und sozialen Aktionen, jede Seite gebraucht ihre eigene Aktions-"Sprache".
3. Selbstorganisation bzw. -mitwirkung der von sozialer Ausgrenzung Betroffenen muss ermöglicht und angestrebt werden.