Dragan

17 Purzelbaum

Dragan

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Heute hab ich schon viel gemacht, ich war bei der Krankenkassa, am Meldeamt und am Arbeitsamt. Nächste Woche muss ich in den 21. ins Arbeitsamt, weil ich jetzt im 21. in der Siemensstraße* wohne. Mein eigenes Reich ist es ja nicht. Das wäre meine eigene Gemeindewohnung. Da kann ich 17 Purzelbaum machen, es geht keinen was an. Ich hab in Notquartieren geschlafen – nie wieder. Weil da musst du mit offenen Augen schlafen, und du musst raus um halb 8, und erst ab 18 Uhr kannst du wieder rein. In der Siemensstraße ist das anders. Es ist aber nicht das Wahre. In dem 10-Quadratmeter-Zimmer dort kriegst du irgendwann Platzangst. Ich kann wegen der Meldebestimmungen erst mit 50 auf eine Gemeindewohnung einreichen. Da hab ich auch schon ein halbes Jahrhundert hinter mir, und mit 51 oder 52 hab ich dann vielleicht meine Gemeindewohnung, das kann´s auch nicht sein. Ich hab mir gedacht, mein Leben wird anders sein. Man ist 48 Jahre alt, in zwei Jahren ist man 50. Unterkriegen lass ich mich nicht, das ist nicht meins.
Geboren bin ich in Jugoslawien, Staatsbürgerschaft Österreich. Ich bin schon knappe 45 Jahre in Österreich, bei Pflegeeltern aufgewachsen. Meine richtigen Eltern kenne ich seit zirka 25 Jahren. Mein «richtiger» Vater ist vor ungefähr einem Jahr gestorben. Meine Mutter möchte Kontakt zu mir haben, aber ich brauche keinen Kontakt mehr zu ihr. Wenn sie sich nicht um mich, als ich klein war, gekümmert hat, brauche ich das jetzt auch nicht mehr. Ich bin alt genug, dreifacher Vater, ich weiß, wovon ich rede. Über meine Kinder lass ich nichts kommen. Auch, wenn ich meine beiden Mädchen nach der Trennung von meiner Freundin wahrscheinlich nicht mehr sehen kann. Aber mit meinem Sohn treffe ich mich, wenn es geht.
Meine Pflegeeltern sind beide an Krebs gestorben. Die Pflegemutter habe ich bis zum Schluss gepflegt, das war 1990. Sie wollte mich adoptieren, aber da war es schon zu spät. Sonst wär´s mir nicht so dreckig gegangen, dass ich in eine Gasse geraten bin, wo ich nicht mehr rauskönnen habe.
Durch einen Freund, den Andi, bin ich da her zum Augustin gekommen. Dem verdanke ich viel. Den hat es schlimm erwischt, so wie den Jones – beim Fußballturnier auf dem Feld an Herzirnfarkt gestorben. Das waren gute Freunde, mit denen wir viel Spaß gehabt haben. Bei SW Augustin bin ich der Kapitän. Wir haben viermal das Hallenturnier gewonnen. Wir haben gefeiert bis zum Gehtnichtmehr. Beim Tischtennis bin ich auch dabei und bei der Radiowerkstatt. Beim Theater bin ich nicht dabei. Das liegt mir wahrscheinlich auch nicht. Man gibt überall das Beste. Jetzt wäre es wieder an der Zeit, dass wir mit dem Augustin Fußballteam ein Turnier gewinnen. Im Februar beim Obdachlosenturnier werden wir es dann eh sehen, ob wir bereit sind für den Turniersieg. Im August oder September haben wir am Slovanplatz den Cup der Guten Hoffnung. Die zwei Turniere spiele ich noch, dann höre ich langsam auf. Hau die Bock am Nagel. Im Fußball hab ich schon alles erreicht, was ich erreichen wollte.

Foto: Mario Lang

* Haus Siemensstraße, Übergangswohnhaus für Männer