Ernö

Ernö

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Ich bin Ungar und seit neun Jahren in Österreich und auch beim Augustin. Ich bin 68 Jahre alt, gleich alt wie Arnold Schwarzenegger. Von Beruf war ich Spengler, ich habe immer gearbeitet und heute bekomme ich eine Pension von 30.000 Forint, das sind umgerechnet 100 Euro. Ich habe in Deutschland gearbeitet, in Berlin, Hamburg, Karlsruhe, Stuttgart, Frankfurt – in allen großen Städten. Das ist lang schon vorbei. Es war über eine ungarische Firma, und es wurde nicht viel bezahlt.
Ganz hier in der Nähe vom Augustin-Büro ist eine Pension, wo ich für 10 Euro pro Tag übernachten kann. Das sind dann auch 300 Euro im Monat. In einem Zimmer sind sechs Leute. Es sind vielleicht 15 Quadratmeter. Und ich muss dafür zahlen, sonst bin ich auf der Straße. Fürs Essen brauche ich auch etwas. Es bleibt nur wenig übrig, und das schicke ich nachhause zur Familie. Ich habe drei Töchter, die noch zur Schule gehen. Die beiden jüngeren gehen aufs Gymnasium, die älteste geht auf die Polizeioberschule. Alle drei sind sehr, sehr hübsch. Meine Frau ist 56 Jahre alt. Sie ist krank, sie hat Brustkrebs. Es sieht leider nicht gut aus. Sie kann nicht arbeiten, bekommt fast kein Geld, und das Kindergeld ist auch nicht viel. Manchmal habe ich eine gute Woche, dann kann ich ihr und den Töchtern einen Geldbetrag schicken. Ein ganz schweres Leben. Aber ich habe großes Glück, ich habe noch Kraft mit fast 69.
Mein Verkaufsplatz ist vor einem Supermarkt in Petersdorf (= Perchtoldsdorf, Anm.). Es gibt dort einen Multimillionär. Er hat sechs Autos und einen schönen Hund, eine französische Dogge, auf die ich manchmal aufpasse, dann gibt er mir einen Euro. Ein evangelischer Pfarrer hilft mir oft. Den Kontakt gibt es, weil der frühere Pfarrer dieser Kirche aus Ungarn war. Der jetzige Pfarrer ist Österreicher und unterstützt mich, zum Beispiel, wenn ich eine Fahrkarte brauche, um nachhause zu fahren. Und das, obwohl ich selbst katholisch bin.
Acht, neun Stunden jeden Tag, Montag bis Freitag bin ich auf meinem Platz und biete den Augustin an. Ich bin schon neun Jahre dort bei dem Supermarkt und helfe immer ein bisschen, etwa Einkaufswagen von der Garage holen, Saubermachen und so weiter. Deswegen kann ich in der Winterzeit ins Geschäft hineinkommen. Der Chef ist ein sehr guter Mensch, aber manchmal kam diese alte Dame und fragte: «Wieso sind Sie nicht draußen?» Sie meldete es der Zentrale der Firma, und am nächsten Tag war ich draußen. Ich habe einen Bekannten gebeten, mir etwas zu schreiben (zeigt einen Brief an die Leitung der Supermarktkette mit der Bitte, ihm bei Kälte den Aufenthalt im Geschäft zu erlauben, im Anhang eine lange Unterschriftenliste). Und der Chef hat mir bald danach gesagt: «Alles wieder in Ordnung.» Und jetzt kann ich wieder hinein.

Foto: privat