Frances

Frances

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In Wien bewege ich mich zwischen Meidling, dem Praterstern und dem Schottentor. In Meidling wohne ich, am Praterstern arbeite ich und am Schottentor studiere ich. Ich mache im zweiten Semester meinen Master in Soziologie.
Außer mir ist da noch eine einzige andere schwarze Studentin, sie kommt aus Tansania. Den Bachelor habe ich in Nigeria gemacht, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Familie nach wie vor lebt. Ich wollte Universitätsdozentin werden, aber dann sind Dinge passiert, die mich gezwungen haben, wegzugehen. So bin ich auf mühsamem Weg 2010 nach Europa gekommen, und das war eine gute Entscheidung. Von Österreich hatte ich davor noch nie gehört.
Ich kann nicht sagen, dass ich Nigeria als solches vermisse, aber ich vermisse meinen Sohn. Er wird im April fünfzehn, und ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht bei mir gehabt. Wenn mein Asylverfahren endlich abgeschlossen ist, möchte ich ihn wiedersehen.
Den Augustin verkaufe ich seit vier Jahren. Ein Freund hat mir davon erzählt und mich zur Registrierung ins Büro mitgenommen. Anfangs konnte ich mir kaum vorstellen, diese Arbeit zu machen – es ist sehr viel Herumsteherei. Aber ich musste Geld verdienen, von irgendetwas muss man ja leben, und so habe ich mich daran gewöhnt. Die ersten paar Monate war ich in Ottakring, aber das war nicht mein Platz, der Verkauf lief überhaupt nicht. Auf den Hinweis einer Kollegin hin habe ich zum Praterstern gewechselt, und ich muss sagen, ich liebe es, hier zu arbeiten. Die Kundschaft ist immer sehr, sehr nett, mit einigen habe ich mich über die Jahre angefreundet. God bless every single one of them! Ich verkaufe zwischen Montag und Freitag, soweit es mein Studium zulässt, und ich habe in all den Jahren keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nein, wirklich, ich bin sehr gerne hier.
Wenn ich nicht arbeite und nicht an der Uni bin, bin ich hauptsächlich zu Hause. Ich bin ein Indoor-Girl! Im ersten Jahr habe ich in einer Unterkunft für Asylwerber_innen in Greifenstein gewohnt – auch dort war es sehr schön. In der Donau bin ich nie geschwommen! Ich schwimme nicht gern. Aber Musikhören, das mag ich sehr, am liebsten ganz für mich in meinem Zimmer. Ich höre christliche Musik ebenso gern wie Hiphop. Ich gehe in die Kirche und lese viel, vor allem für mein Studium. Für andere Bücher finde ich keine Zeit.
Als ich vor Jahren meinen Bachelor gemacht habe, hat alles noch manuell funktioniert. Heute ist das ganze System elektronisch – die Anmeldung zu den Vorlesungen, zu den Prüfungen, ja, selbst die Diskussionen mit den Vortragenden finden online statt. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Gewöhnungsbedürftig war für mich auch der Akzent der weißen Dozent_innen! Sie reden ganz anders englisch als die Schwarzen. Da muss ich schon sehr genau hinhören, um alles zu verstehen.
Sobald ich mein Masterstudium abgeschlossen habe, möchte ich den Doktor machen. Danach wird sich zeigen, wo ich arbeiten kann, aber das macht mir keine Sorgen. Soziolog_innen braucht man überall!

Foto: Lisa Bolyos