Gabriela

Ein ganz normaler Job

Gabriela

article_3381_gabriela_180.jpgLibro Wollzeile
Ich liebe Ruhe. Ich liebe Menschen, die korrekt sind, und ich liebe es, wenn ich meinem Sohn bieten kann, was zu einem normalen Leben gehört. Ehrlich gesagt liebe ich auch, wenn er im Zeugnis lauter Einser hat.
Mein Sohn ist elf Jahre alt, und den Augustin verkaufe ich seit zwölf Jahren. Ja, der Alex ist ein richtiges Augustin-Kind. Als ich schwanger war, habe ich Zeitungen verkauft, und als er schließlich auf der Welt war, ebenso. Manche Leute haben nicht verstanden, wieso ich das kleine Kind auf die Straße mitnehme. Aber wenn ein Baby schläft, ist die beste Zeit zum Arbeiten – das ist keine Verkaufsstrategie gewesen, sondern einfach nur praktisch. Wo hätte ich ihn auch hingeben sollen? Und so kam er viel an die frische Luft. Heute sagen meine Stammkundschaften: Ist der aber groß geworden!, und mein Sohn wundert sich, dass alle mich kennen.
Ich verkaufe im ersten Bezirk auf der Wollzeile. Über die Jahre habe ich sehr viele Leute kennengelernt – die hier wohnen, die hier arbeiten, die nur die Zeitung kaufen oder auf ein Gespräch stehen bleiben. Vor allem die alten Leute, die in Pension sind, haben immer wieder Zeit für einen Tratsch. So erfahre ich ihre Geschichten: ihre Familiensorgen und auch die guten Zeiten, die sie mit den Familien haben, was sie übers Wetter denken und über die Politik. Ein Herr kommt jeden Tag vorbei, er lebt seit vierzig, fünfzig Jahren in Wien und spricht ungarisch wie ich – egal wo man ist, die Ungarn finden zusammen!
Ich bin aus der ungarischen Minderheit in der Slowakei. Früher hatten wir alle Arbeit, aber die Wende hat nicht nur die Demokratie gebracht, sondern auch den Verkauf der meisten Betriebe. Heute sind in der Grenzregion, aus der ich komme, 36 Prozent der Menschen arbeitslos. Und die Sozialpolitik in der Slowakei ist eine Katastrophe. Ich könnte mit der Krankenpension, die ich wegen meiner Herzkrankheit bekomme, nicht einmal die monatliche Stromrechnung begleichen.
Zum ersten Mal bin ich mit einer Freundin nach Wien gekommen, die auch den Augustin verkauft hat. Sie hat gesagt, probier’s doch aus!, und ich bin ins Büro gegangen, habe mich angemeldet, einen Ausweis bekommen und mit dem Verkauf begonnen. Neunzig Euro habe ich am ersten Tag verdient! Das war vielleicht eine Überraschung. Aber diese Zeiten sind vorbei. Für mich ist das Augustinverkaufen ein normaler Job, ich mache ihn gern, er interessiert mich, die Leute, die ich dabei kennenlerne, sind hauptsächlich sehr lieb. Aber es ist sehr schwierig geworden, genug zu verkaufen, um mit dem Geld auszukommen. Auf der Straße sind so viele Leute, die auch etwas verkaufen oder nichts verkaufen und nach Geld fragen.
Mein Sohn geht mittlerweile in der Slowakei in die Schule, und ich bin jedes Wochenende bei ihm. Aber ich bin in Wien mehr zu Hause als in der Slowakei, und mein Wunsch für unser Leben ist, dass er nach der Schule studieren, einen guten Beruf finden und den in Wien ausüben kann. Bis es so weit ist, werde ich den Augustin verkaufen.