Gernot

Selbstdiagnose: Unterordnungsphobie

Gernot

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Ich wurde 1964 geboren. Meine Eltern stammten aus dem Waldviertel, zogen aber dann nach Salzburg, wo mein Vater, der beim Bundesheer arbeitete, eingesetzt war. Über die Qualität der familiären Verhältnisse möchte ich mich nicht äußern, ich bitte um Verständnis. Es gibt wohl kaum einen, der eine längere Liste von verschiedenartigsten Jobs vorweisen kann als ich. Die Liste wird so um die 30 Arbeitgeber enthalten. Warum die Liste so lang ist, hängt mit meiner frühen Umwandlung zusammen: vom Gesellschaftstrinker zum Spiegeltrinker. Ich hab keinen Chef ausgehalten, und kein Chef hat mich ausgehalten, und auch wenn ich nichts getrunken hätte, so wäre ich doch aus vielen Arbeitsbeziehungen geflüchtet. Ich besitze nämlich die Eigenschaft, mich nicht unterordnen zu können.
Am längsten habe ich es in meinem «intellektuellsten» Beruf ausgehalten: in der Universitätsbibliothek. Am schlechtesten ist es mir im Finanzamt Salzburg Stadt gegangen. Hier bin ich von den Kunden nur beschimpft worden – als sei ich dafür verantwortlich gewesen, dass sie Steuer nachzahlen mussten. Seit meinem 18. Lebensjahr nehme ich Antidepressiva. Wenn du einen Titel für meine Lebenserzählung brauchst, kann ich dir «Multiples Suchtphänomen» anbieten. So hat mich ein Gesprächstherapeut eingeordnet. Neben der Alkoholsucht, die sich auch nach mehreren Entziehungskuren nicht auflösen ließ, bin ich spielautomaten- und tablettensüchtig.
Ich glaube, ich bin nach Wien gegangen, als ich 22 war. Meine Süchte verhinderten eine Stabilisierung. Ich habe die Ehre, einem «lebenslangem Gruftverbot» ausgesetzt zu sein – die Gruft ist das Caritas-Notlager im 6. Bezirk. Andere Notquartiere akzeptierten meine Promillen, aber ich konnte ihre Hausnotstandsgesetze nicht akzeptieren: Um acht Uhr musst du draußen sein, bis 18 Uhr darfst du nicht hinein, dann darfst du es, aber nur bis 22 Uhr. Heute schlafe ich in einem Obdachlosenquartier des Arbeitersamariterbundes. Hier sind die Gesetze weniger rigoros, aber ich glaube, dass sie es auch dort nicht mögen, wenn ich jemanden ins Zimmer mitbringe.

Ich zähle mich zu den Urgesteinen des Augustin. Ja, ich identifiziere mich mit dieser Zeitung, erstens inhaltlich und zweitens, weil sie mir geholfen hat, aus meinen Depressionen herauszukommen. Ich habe auch schon geschrieben für den Augustin; momentan habe ich eine Schreibblockade, die ich überwinden muss. Die Glückspielerei hab ich nun im Griff. Ich habe selbst veranlasst, dass ich registriert werde in der Liste der Menschen, die Casinoverbot haben. Ich habe keine Spielerschulden mehr, nur noch Schulden bei den Wiener Linien, fürs Schwarzfahren. Eine unglaubliche Summe. Ich nehme an den politischen Aktionen des Augustin teil, zum Beispiel – für die Gratisbenützung der Öffis. Und, wie unsere Redakteure und Redakteurinnen fürchte ich mich vor einer Rechtsentwicklung. Bitte erklärt mir, warum ausgerechnet die Menschen, die so armselig sind wie ich, dazu beitragen, dass die Faschisten immer stärker werden! 

Foto: Mario Lang