Harald

Einer von der Auslader-Partie

Harald

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Ich stehe jeden Tag um vier Uhr in der Früh auf, denn um halb fünf mache ich bereits ein bisserl Ordnung vor dem Supermarkt, wo ich den Augustin verkaufe. Zuerst sammle ich die Einkaufswagerl ein und kehre Mist weg, bevor ich mit dem Zeitungsverkauf beginne. Als Gegenleistung erhalte ich vom Supermarkt warmes Essen und kann mich unter Dach aufhalten.
Samstags gehe ich, um mir das Ticket zu sparen, zu Fuß, von mir im zehnten Bezirk weg zu Heurigen in Liesing und Meidling, um den Augustin zu verkaufen, oder ich fahre zu einigen raus nach Brunn am Gebirge.
Beim Augustin bin ich seit rund 15 Jahren und gehöre auch zur Auslader-Partie. Die Druckerei liefert immer drei mit Augustin-Hunderterpackerln beladene Paletten, für die Weihnachtsnummer werden sogar fünf benötigt. Zur Partie gehören rund zehn Verkäufer, die diese Packerl vom Hof, wohin sie geliefert werden, in den Vertriebsraum schupfen.
Seit fünf Jahren habe ich auch eine Wohnung, vorher bin ich sieben Jahre lang obdachlos gewesen. Ich übernachtete teilweise in Abbruchhäusern und verköstigte mich in Klosterausspeisungen. Ich hatte damals auch eine Freundin, die mit mir herumgezogen ist. In der Wohnung bin ich nun alleine, was mir nicht immer leicht fällt, aber die eigenen Wände sind mir sehr wichtig. Daher habe ich auch mit dem Trinken aufgehört, denn ich hatte Angst, im Suff die Wohnung zu verlieren. Ich habe es ganz alleine geschafft, trocken zu werden. Als Art Ersatz nehme ich jetzt Energydrinks zu mir – sehr viele, und mir ist bewusst, dass das auch nicht das Gesündeste ist.
Aufgewachsen bin ich im Burgenland, bis meine Mutter nach Wien gezogen ist. Sie ist wieder zurückgegangen, ich hingegen bin geblieben. Ich besuche sie noch regelmäßig und kann dort die Natur genießen, bloß finde ich keine Schwammerln mehr, weil immer schon alles abgegrast ist, wenn ich in den Wald komme.
Was ich mir vom Augustin wünsche? Davon habe ich ganz klare Vorstellungen: Erstens soll die Sommerpause aufgehoben werden, d. h. auch im Juli und im August soll jede zweite Woche eine neue Ausgabe erscheinen, denn der Zeitraum von vier Wochen ist einfach zu lang. Und der Augustin darf keinesfalls teurer werden. – Ginge es nach mir, würde ich den Verkaufspreis sogar wieder auf zwei Euro runtersetzen!

Foto: Mehmet Emir