Heidi

Ich trage gerne Hüte

Heidi

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Mein Handicap ist das Auswendiglernen von Texten. Nicht unproblematisch, wenn man etwas Theater gespielt hat. Hingegen improvisiere ich sehr gerne. Ich notiere Stichworte, die ich zu Kurzgedichten ausschmücke. Ich könnte keine zwei Seiten niederschreiben. Bevor ich zur Augustin-Schreibwerkstatt gekommen bin, ist für mich Schreiben überhaupt kein Thema gewesen. Der damalige Leiter der Schreibwerkstatt hat aber keine Ruhe gegeben, besser gesagt, er hatte die Geduld, mich nicht aufzugeben.
Ich soll ein Beispiel bringen? Gut, es ist eine Art Traum, der mit meiner Leidenschaft, dem Tanzen, zu tun hat: «Die Leit applaudiern, daun schenkt er mir a rote Rosn und fordert mich auf zum Wiener-Walzer-Takt. Laungsam schweben wir hinaus ausm Lokal. Und daun, weg is a, mei Dancing Star. Der Duft der rotn Rosn bleibt …»
Ich gehe regelmäßig zum Seniorendancing, weil es für mich auch gesundheitliche Aspekte hat. Das Tanzen ist für mich Fitnessprogramm und Koordinationstraining. Meine Gesundheit ist schon recht angeschlagen und erlaubt es kaum noch, den Augustin zu verkaufen.
Ich spare immer wieder auf Last-Minute-Reiseangebote ans Meer, weil mir das Spazieren am Sandstrand einfach gut tut. Das ist natürlich ein heikles Thema, eine Augustin-Verkäuferin fährt ans Meer! Ich muss auch schiefe Blicke über mich ergehen lassen, weil ich es mir erlaube, Hüte zu tragen. Die habe ich noch aus dem Geschäft meines Vaters, das ich als Alleinerzieherin aber nicht mehr lange weiterführen konnte. Ich denke, heutzutage ließe sich Kind und Geschäft einfacher schaukeln, aber vor 30 Jahren …
Lange Zeit verkaufte ich den Augustin am Graben. Ich habe dort auch immer darauf geachtet, was die Passanten tragen. Es hat mir auch Spaß gemacht, Fehler im Outfit zu finden, wenn beispielsweise die Schuhe nicht zum Anzug passen. Man sollte aber nicht glauben, dass keine richtig armen Leute über den Graben gehen würden. Diesen Gegensatz zwischen Arm und Reich direkt vor Augen geführt zu bekommen, ist für mich nicht lustig gewesen.
Ich habe auch Verständnis für Leute, die es nicht mehr schaffen, nach Rückschlägen wieder aufzustehen. Der Augustin liefert Angebote, und ich habe auch welche genutzt. Bereits ein halbes Jahr nach seiner Gründung bin ich dazugestoßen. Den Tipp hat mir eine Mitarbeiterin eines Würstelstandes gegeben, die mir immer Milch schenkte. Somit bin ich auch eine der ersten Frauen beim Augustin gewesen. Ich erinnere mich noch an die erste Geburtstagsfeier: eine Sozialarbeiterin und ich unter lauter Männern.
Habe ich etwas Relevantes vergessen? Ja, ich singe gerne beim Stimmgewitter. Dort fühle ich mich sehr gut aufgehoben und brauche mich um nichts zu kümmern – lediglich das Textblatt in die Hand nehmen und singen.