Helmut

Acht Wochen Stadtpark

Helmut

article_2945_helmut_180.jpgU1/U3 Stephansplatz Passage Aufgang Stephansplatz
Heute hab ich wieder meine Saufkumpls besucht im Stadtpark, die Eva und den Roman. Sie schlafen immer noch dort, wo ich im November und Dezember vergangenen Jahres geschlafen hab, unter der Kleinen Ungarbrücke beim Wienfluss. Eva sagt, niemand könne sie herausholen aus dem Park. Sie werde bleiben, wo ihr Freund Ali gestorben ist. «Auch ich werde hier sterben», sagt sie. Ali, Roman und Eva kommen aus der Slowakei. Roman ist ein Phänomen. Er spricht sieben Sprachen. Die drei leben schon drei bis vier Jahre in Wien. Eva war es, die den bewegungslosen Ali als Erste gesehen hat. «Ali nix Puls», sagte sie. Und ich war es, der die Rettung anrief. Dadurch weiß ich erst, wie unser Übernachtungsort heißt; die Beamten mussten ja den Ort des Einsatzes protokollieren: Kleine Ungarbrücke.

Als ich in den Stadtpark kam, waren wir oft zu fünft unter der Brücke. Es war auch einer dabei, den wir «Pumpi» nannten. Der sagte eines Tages, er werde zum Friseur gehen - und wir sahen ihn nie wieder.

Eigentlich habe ich ja eine kleine Gemeindewohnung im 22. Bezirk. Dass ich sie mit dem Stadtpark getauscht habe, geht auf den Alkohol zurück. Ich war halt in eine tiefe Saufphase geraten, hatte entsprechende Kumpels kennen gelernt. In der Wohnung war ich isoliert, im Stadtpark war ich immer mit Leuten zusammen. Außerdem war der November ausgesprochen warm, da hat man es im Park ausgehalten. Umso mehr, als wir von Sozialarbeitern mit guten Schlafsäcken versorgt wurden. Nur einmal, als es zu diesem Großeinsatz der Kieberer gegen die Parkschläfer gekommen ist, flüchteten wir aus unserem Domizil und versteckten uns irgendwo im Park. So retteten wir unsere Sachen, anderen wurde ja ihr ganzes Hab und Gut weggenommen und der MA 48 als Mist übergeben. Gelebt haben wir vom Schnorren, mein Schnorrplatz war ein Supermarkt in der Landstraßer Hauptstraße. Zum Augustin hatte ich ja damals keinen Zugang, im angeheiterten Zustand hab ich nicht verkaufen dürfen.

Dass diese Sache mit der Sandlervertreibung in allen Medien groß herauskam, hat dann positive Auswirkungen gehabt. Roman und Eva haben mir erzählt, dass die Leute, die vorübergehen, nun viel hilfsbereiter sind. Jemand hat ihnen einen Hund geschenkt, ein anderer brachte einen Wasserkocher. Sie leben jetzt wie in einem Wohnzimmer unter der Brücke. Ich werde sie gelegentlich besuchen. Sie sind meine Freunde.

Ich selbst leb seit Jänner wieder in meiner Wohnung und verkaufe wieder den Augustin; ich war ganz überrascht, als mein Sachwalter mich informierte, dass ich nach meinen zwei Park-Monaten noch nicht delogiert sei. Sechs Jahre hab ich die Wohnung schon. Vorher war ich lange Zeit obdachlos, zuletzt hab ich in der Waggonie beim Südbahnhof geschlafen. Das wäre heute nicht mehr möglich, glaube ich. Auch damals war es nicht mehr leicht: Wie oft sind wir von Securities aus den Waggons gejagt worden, mitten in der Nacht.