Maria

Einmal noch Venedig sehen

Maria

article_3386_maria_180.jpgNaschmarkt
Ich überlege, was mein positivstes und mein negativstes Erlebnis war in den 19 Jahren meiner Augustin-Zeit. Ein negatives fällt mir jetzt beim besten Willen nicht ein. Ich glaube fast, ich bin eine Augustin-Verkäuferin ohne Feinde. Vielleicht mit einer Ausnahme – einer Nachbarin im Gemeindebau. Aber das hat nichts mit dem Augustin zu tun. Positive Erlebnisse könnte ich jede Menge anführen. Zum Beispiel saß ich eines Tages – mein Mann Hans lebte damals noch – im Gasthaus zur Eisernen Zeit. Eine Partie junger Leute setzte sich zu uns. Offenbar haben unsere Gespräche Mitleid mit uns ausgelöst. Sie haben uns einen Hundert-Euro-Schein zugesteckt, komischerweise zusammengerollt und so, dass es keiner sah, heimlich, als ob ein Kontrolleur im Gasthaus sitzt und die Vergnügungssteuer verlangt.
Ein wunderschönes Erlebnis war der Urlaub in Venedig, den ich dem Künstler Hubsi Kramar zu verdanken hab, der einen Film über Outsider im Urlaub machte. «Wonderful» hieß der. Erst gestern hat mich am Naschmarkt wer angesprochen: «Bist du nicht die vom Venedig-Film?» Wenn ich morgen einen Totogewinn von sagen wir 3,5 Mille machen würde, tät ich sofort wieder nach Venedig fahren. Na ja, sofort ginge nicht, denn es gibt niemanden, dem ich meine alte Hündin zur Pflege anvertrauen könnte. Sie sieht nichts mehr, sie hört nichts mehr, und sie hat jede Menge anderer Wehwehchen. Unmöglich, sie nach Venedig mitzunehmen. Sie schafft ja bald nicht einmal, Gassi zu gehen.
Was ich mit den 3,5 Millionen n o c h machen würde: Einen Teil täte ich über arme Menschen verstreuen. Und dann würde ich das Geld in ein Mietshaus anlegen und würde in Hinkunft von den Mieteinnahmen leben. Statt den 3,5 Millionen habe ich aber 808 Euro im Monat – eben die Mindestsicherung. Die Miete abgezählt, bleiben mir 600 Euro im Monat. Davon lege ich was weg für meine Tochter und meine Enkelkinder, falls denen irgendwas passiert. Der Grabstein für meinen Verflossenen kostet mir eh nur ein Drittel des Preises; die Grabsteinfirma war so kulant, nachdem sie meinen Augustin-Ausweis entdeckt hatte. Das heißt, dass ich immer noch 1050 Euro sammeln muss. Ihr könnt euch also ausrechnen, dass ich die zusätzlichen Augustin-Einnahmen unbedingt zum Leben brauche.
Der Hans, diese Legende der ersten Augustinstunde, bekannt auch als Sänger des Stimmgewitters, ist diesen Grabstein wert. Er war auch derjenige, der mich zum Augustin brachte. Da begann die Zeit eines fröhlichen Konkurrenzkampfes. Ich habe meinen Schmäh, der Hans hatte seinen eigenen. Bei Festln hab ich eindeutig mehr verkauft als er.
Ich verkaufe heute die Straßenzeitung nicht nur, weil ich das Geld brauch, sondern weil mir ohne diese Beschäftigung die Decke auf den Kopf fallen würde.