Traude

Traude

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Ich bin 2004 aus Italien zurückgekommen. Nach Italien bin ich eigentlich wegen der Arbeit. Ich war im Gastgewerbe und habe rundumadum in Österreich gearbeitet und in Wien natürlich. Eine Freundin von mir ist nach Südtirol gegangen. Sie hat erzählt, es ist so super und da verdienst du so gut. Willst du nicht auch herunterkommen?
Und so bin ich los, hab mir gedacht, ich werde mir das anschauen. Aus dem Anschauen sind 20 Jahre geworden. Durch einen Schicksalsschlag habe ich später alles verloren. Und als 2002 der Euro gekommen ist, ist alles über Nacht fast doppelt so teuer geworden. Du hast allein keine Wohnung mehr erhalten können. Ich habe mich zwar durchgekämpft bis 2004, aber dann habe ich gesehen, dass ich obdachlos werde und mir gedacht: Bevor ich hier obdachlos bin, bin ich es lieber bei mir daheim. Ich bin mit einer großen Reisetasche nach Wien gekommen, das war alles, was mir übrig geblieben ist von den 20 Jahren.
Ich habe im Wohnheim Gänsbachergasse gewohnt. Dort war eine Frau, die war bei der Augustin-Schreibwerkstatt und bei der Theatergruppe. Ich habe ihr erzählt, dass ich auch gern schreibe. «Na, dann komm zur Schreibwerkstatt», sagt sie. Das war 2005. Da bin ich zuerst zur Schreibwerkstatt, dann zum Radio und erst 2007 bin ich zum 11% K. Theater gekommen. Gleichzeitig habe ich mit dem Augustin-Verkaufen begonnen. Seit 2011 schreibe ich gemeinsam mit meinem Mann und Kolleg_innen abwechselnd Kritiken für die KulturPASSage im Augustin*. Seit 2006 bin ich bei der Armutskonferenz. Ich war schon vier Mal bei den großen Armutskonferenz-Treffen in Brüssel, die es einmal im Jahr dort gibt. Ich bin auch im Sozialministerium im Arbeitskreis Mindestsicherung. Der trifft sich einmal im Jahr und da bin ich die einzige Betroffene.
Den Augustin verkaufe ich am Naschmarkt. Es ist schwieriger geworden. Es werden weniger Zeitungen als früher verkauft, das hat wohl auch mit der Wirtschaftslage zu tun. Leider kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr länger als zwei Stunden lang verkaufen gehen.
Mein Mann Rudi und ich haben uns bei der Theatergruppe kennengelernt. Er hat am 17. Jänner Geburtstag und ich am 21. Ich wollte ihn im 2008er-Jahr zu meinem Geburtstag einladen, aber er war schon weg. Als wir wieder eine Theaterprobe gehabt haben, habe ich gesagt: Du warst nicht bei meiner Feier, also gehen wir heute was trinken, und seit dem Tag sind wir zusammen. Genau ein Jahr später haben wir geheiratet, 2009. Das war ein Glückstreffer.
Ursprünglich wollte ich aufs Reinhardt-Seminar und meine Lehrer haben das auch befürwortet. Nur meine Mutter war dagegen. Und dann habe ich sehr, sehr lang warten müssen, bis ich endlich Theaterspielen hab dürfen. Und jetzt bin ich sehr glücklich, dass ich bei der Theatergruppe bin. Damit hat sich ein Traum von mir erfüllt. In diesem Jahr bin ich übrigens in der Jury vom Dorothea-Neff-Preis. Darauf bin ich sehr stolz, das ist klar, es ist eine Ehre dabeizusein.


*Aus der KulturPASSage: Auf S. 34 dieser Ausgabe (405) schreibt Traude Lehner über das Stück «Hakoah».
Foto: Mario Lang