Außerhalb der Zeit

Zur Ausstellung In The Middle Of The Way von Anna Konik im Künstlerhaus

206_Konik_HansDieter.jpgFür die mehrteilige Videoarbeit In The Middle Of The Way begleitet die junge polnische Künstlerin Anna Konik (geb. 1974, lebt in Warschau) einzelne Obdachlose verschiedener Städte über mehrere Stunden. So sind bis jetzt folgende Teile entstanden: Thaddeus in Warschau (2001), Hermann in Berlin (2002), Svetlana in Moskau (2005), eine nicht genannte Person in Cleveland (2005), Gerard in Cork (2006), Hans-Dieter in Wien (2006) und Jenny and Pele (Zürich 2007). Die Künstlerin ließ sich von ihren BegleiterInnen an Orte führen, welche diese vorgegeben haben, und unterhält sich dabei mit ihnen.


Andrea Domesle / 04.07.2007
Das Thema der Obdachlosigkeit wird in seiner ganzen Härte und mit seinen Auswirkungen im sensiblen zwischenmenschlichen Gespräch schonungslos deutlich gemacht. Alle erzählen zudem von ihren Eltern oder Kindern und versuchen, etwas von ihrer grundlegenden Lebenseinstellung zu vermitteln. Hierdurch bewahren sie in ihrer unwürdigen Situation ihre menschliche Würde.

Anna Konik versteht es, den einzelnen Gesprächspartnern oder -partnerinnen ihren Freiraum zu belassen, den sie für sich gestalten können. Dies führt zu erhabenen Momenten wie z. B. beim alten Fischer in Cork, für den durch die Begegnung mit der Künstlerin ein Traum wahr wurde, nämlich wieder einmal zur See zu fahren. Dies führt auch zu rührenden Momenten, als z. B. Thaddeus, der ehemalige Architekt, die Künstlerin auf eine Vernissage in ein namhaftes Ausstellungshaus in Warschau führt. Die Passage mit Letzterem enthält noch andere Stimmungslagen: Zu ihm baut sich das größte Vertrauensverhältnis auf. Er will Anna in die von ihm okkupierte Wohnung führen, die jedoch nicht betreten werden kann, da das Zimmer voll gestopft ist mit Gegenständen. Hermann gestaltet seinen Handlungsraum so, dass man nicht weiß, ob er extra für die Aufnahme Theater spielt, lügt oder ehrlich ist. Erfundene Geschichten, Spiel und Realität bilden ein surreales Konglomerat. Svetlana nützt die Situation für sich auf ganz pragmatische Weise, um vor und wohl auf Hilfe der Kamera hoffend Geld von einem Verkäufer zu erbetteln. Hans-Dieter, der in Wien die Straßenzeitung Augustin verkauft, macht deutlich, wie sehr er trotz harter und permanenter Arbeit nicht weiterkommt. Der vorhandene Freiraum kippt in Cleveland in Aggressivität um. Der männliche Begleiter projiziert am Ende sein Unglück auf die Künstlerin, bedrängt sie um mehr Entlohnung und beschimpft sie. Daher sind in diesem Filmteil alle Hinweise auf seine Person gelöscht.

Die einzelnen Filmsequenzen greifen über das Thema der Obdachlosigkeit hinaus und sprechen grundsätzliche Lebensfragen an. Das Thema wird mit dem des Reisens und generellen und ständigen Unterwegsseins verbunden nicht nur im physischen, sondern auch im philosophischen und mentalen Sinn: als menschliche Grundgegebenheit. Dies wird deutlich in der Passage über die Künstlerin selbst, zwischen Warschau, Berlin und ihrem Heimatort Dobrodzien reisend (2005) und dabei über ihr Leben reflektierend. Es ist meine persönliche Geschichte, sagte Anna Konik im Gespräch mit der Autorin in Wien im Dezember 2006. Hierbei meint sie nicht nur ihren Part, sondern auch die anderen Teile, die Arbeit insgesamt. Eine Anregung war für Anna Konik Hermann Hesses Den Morgenlandfahrern gewidmeter Erziehungsroman Das Glasperlenspiel, 1931 bis 1942 entstanden. Jeder von uns ist nur ein Mensch, nur ein Versuch, ein Unterwegs, sagt in diesem der Meister zu seinem Schüler.

Die Atmosphäre einer Zugbegegnung

Betrachtet man das gewählte Medium Video, spielen die Faktoren Zeit und Raum eine wichtige, medial definierte Rolle. Da ist natürlich zum einen die reale Zeitspanne der einzelnen Filme, die zwischen neun und vierzehn Minuten dauern. Sowie der Handlungsort, der durch die Auswahl der Städte und Vorgaben der Obdachlosen gegeben ist. Zeit und Raum des Filmes werden aber auch durch die Eigenheiten der ausgewählten Leute, ihre Bewegung (das Wechseln von Restaurant zu Restaurant, das Schwanken auf dem Schiff, das Gehen durch belebte Straßen und U-Bahnen, das Sitzen in einem Postamt oder der Aufenthalt unter einer Brücke) sowie durch die zur Künstlerin aufgebaute Beziehung mitbestimmt. So hat jede Sequenz ihren eigenen Rhythmus. Jede Sequenz besitzt einen bestimmten Bildausschnitt, vorgegeben durch den Standpunkt der Kamera, die sich wiederum nach den äußeren Umständen richtete.

Bezogen auf In The Middle Of The Way als Gesamtes sind Zeit und Raum noch einmal anders zu sehen: Es findet eine Verschränkung, ein Ineinanderfließen von Vergangenheiten und Örtlichkeiten statt zugunsten einer Gleichzeitigkeit und eines übergeordneten Raumes. Die einzelnen Begegnungen sind seit 2001 bis heute in größeren Abständen nacheinander aufgezeichnet. Auch wird der Verlauf der Zeit anhand der in allen Filmteilen aufscheinenden Künstlerin mit ihrer veränderten Frisur deutlich. Dem gegenüber suggeriert die Nennung der einzelnen Städte eine geographische Gleichzeitigkeit. Zeitlos erscheinen die einzelnen erzählten Lebensgeschichten, die für sich genommen keinen eigentlichen Anfang und kein Ende haben. Sie sind in ihrem Erzählfluss nicht linear sondern ausufernd. Die Videoarbeit besitzt die Atmosphäre einer Zugbegegnung: jenseits von Zeit und Ort, irgendwo während der Strecke stattfindend, individuell und überpersönlich zugleich, getragen vom Gefühl, außerhalb der Zeit zu sein.

Kürzung der Erstveröffentlichung in: Beyond Time, in: EXIT, No 1 (69), 2007, January-March, S. 4384-4387 (pl/engl).


Künstlerhaus, Passagengalerie, Karlsplatz 5, 1010 Wien, Eröffnung am 5. Juli, 19 Uhr.
Die Ausstellung ist im Juli zu besichtigen jeweils Donnerstag und Freitag am 6., 12., 13., 19. 20., 26. und 27. Juli von 16 bis 20 Uhr.

Andrea Domesle / 04.07.2007