Das Gute daran ist das Gute darin!

Ernst Schmiederer («Die Zeit») zum 15. Geburtstag des Augustin

Auf dem Weg ins Büro. Sonntag früh, der letzte im September. Der Sommer hat keinen guten Eindruck hinterlassen, dafür beginnt der Herbst imposant. Es regnet, der Wind pfeift und am iPhone sagen sie, dass das jetzt so bleibt. Die U1 vom Praterstern zum Schwedenplatz ist heute «heute»-frei, zum Ausgleich hängen an den Laternenpfosten der Rotenturmstraße jene Plastiktaschen, die am Wochenende den Gratiszeitungs-Bedarf befriedigen darin auch jene Blätter, die von Montag bis Freitag in dieser Stadt als Qualitätszeitungen durchgehen.
Ernst Schmiederer / 06.10.2010
Weiter gehts am Billa vorbei, wo drei Obdachlose trocken unter einem kleinen Fassadenvorsprung liegen. Diverses Leergebinde am Asphalt, eine lange Samstagnacht in den Knochen, das Warmluftgebläse im Rücken dank der restriktiven Ladenöffnungszeiten genießen die Herren, was auch dem gemeinen Werktätigen Freude bereitet: am Sonntag einmal richtig ausschlafen.

8.45 Uhr, wir sind beim Thema: Obdachlosigkeit & Qualitätszeitungen.
Der Augustin wird 15. Ob man das nicht zum Anlass einer kritischen Würdigung nehmen könnte, hatten die Redakteure Schachner und Sommer gefragt. Maximal 9000 Anschläge, Abgabe Ende September. Aber sicher, gerne doch. Schließlich ist die Straßenzeitung, die einst als Obdachlosen-Selbsthilfe-Projekt gegründet wurde, über die Jahre zu einem der erfolgreichsten österreichischen Qualitätsmedien gereift.
Wie bitte? Erfolgreiches Qualitätsmedium? Genau! Damit sind wir am wunden Punkt: Dass dieses Faktum in der einschlägigen Öffentlichkeit nicht gebührend wahrgenommen wird, ist auch ein Faktum. Leider.
Gerade eben präsentierten sich in der Stadthalle bei den Medientagen die Schönen und Reichen des Gewerbes. «Qualität und Diskurs zuerst» lautete die Losung, «renommierte Medien- und Kommunikationsprofis» wurden als Vortragende eingeflogen. Den «Internet-Vordenker» Jeff Jarvis hatte man aus Amerika nach Amsterdam geholt, damit er von dort «zugeschaltet» über die Zukunft reden sollte, die natürlich gruselig ist (Stichwort: Google). Frank Schirrmacher kam von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in die Wiener Stadthalle und sah zur Beruhigung wie ein österreichisches Qualitätsblatt erleichtert formulierte «eine große Zukunft des Journalismus».

Vom Augustin lernen


In diesem Spannungsbogen wurde dann lauwarm zerredet, was man zuvor brennheiß angekündigt hatte: «Zukunft der Medien, gesellschaftliche Verantwortung der Medien, Vernetzung von Medien, Wirtschaft und Finanzkapital, Fragmentierung der Channels und Medienwelten, radikales Umdenken in Marketing- und Advertising-Strategien: Diese Themen stehen im Zentrum der 20 Diskussionsrunden.»
Dass die Erfolgsgeschichte des Augustin bei alledem mit keinem Wort erwähnt wurde, ist zwar nicht überraschend, aber schade. Denn vom Augustin lernen, heißt siegen lernen.

Ganz ohne Verrenkungen hätte man wiederholt auf den Augustin verweisen können. Er nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung sowohl programmatisch als auch praktisch in einem Ausmaß wahr, das im Wiener Mediengewerbe einzigartig ist. Er ist, was seine Zukunftsfähigkeit betrifft, leidlich gut gerüstet, weil er im Lauf der Jahre brav diversifiziert hat und mit «Radio Augustin», «Augustin TV», «Stimmgewitter» sowie der Augustin-Website schon ganz schön breit aufgestellt ist. Schließlich ist ihm eine zu enge Verzahnung mit Wirtschaft und Finanzkapital eher nicht vorzuwerfen (im Gegenteil: hier wäre nach eingehender Analyse womöglich ein gewisser Entwicklungsspielraum zu finden).
Kurz und deutlich: Da ist, das lässt sich neidlos feststellen, den Augustin-Machern in wenigen Jahren ziemlich viel ziemlich gut gelungen.
Doch der Reihe nach. Der Augustin wurde 1995 höchst professionell als «Erste Österreichische Boulevardzeitung» gelauncht. Intensive Marktrecherchen - in Amerika, Großbritannien und Frankreich gab es solche Straßenzeitungen waren der Unternehmungslust und dem Wagemut des Gründungsteams offenbar so zuträglich, dass es sich schließlich in diese Marktlücke wagte. Man wollte mit dem Verkauf des Blattes Menschen helfen, die aus unterschiedlichen Gründen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind: Obdachlose, Langzeitarbeitslose, Asylwerber. Dabei ging es nicht darum, diese Menschen im Sinne eines Trainings marktkonform auszubilden (wie in Medien-Lehrgängen oder AMS-Kurse üblich). Im Vordergrund steht bis heute ein emanzipatorisches Motiv: Der Augustin soll die Leute unabhängiger machen. Damit er das tun kann, muss er wirtschaftlich erfolgreich und vor allem unabhängig bleiben. Daher der Slogan: «Der Augustin hört auf ... niemanden».

Genau das tun sie beim Augustin seit 15 Jahren: unabhängig sein und emanzipatorisch wirken. Bis heute dreht sich das mittlerweile groß gewordene Rad ohne Subventionen. Die Kosten werden durch Verkaufseinnahmen, Anzeigengeschäft und Spenden gedeckt. Seit einigen Jahren erscheint das ursprünglich als Monatszeitung konzipierte Blatt gar zweiwöchentlich. Im Schnitt werden so 32.000 bis 35.000 Exemplare verkauft. Dabei verdienen nicht nur Redakteure, Fotografen, Grafiker (ein Blick ins Impressum lässt auf eine imposante Payroll schließen) regelmäßig ihr Geld, sondern auch etwa 450 Kolporteure ihren finanziellen Anteil am Erfolg: Seit 15 Jahren bleibt die Hälfte des Verkaufspreises konsequent beim Vertrieb.
Ganz abgesehen davon, dass solche Erfolgsgeschichten in Zeiten der Digitalisierung selten sind, bleibt eigentlich nur eine Frage: Warum sagen die Augustiner eigentlich nicht laut und deutlich, wie gut sie sind? Der Konsument, durch den von Eigenlob dominierten Branchenlärm in dieser Stadt nahezu taub, könnte diesbezüglich nämlich durchaus ein bisschen Nachhilfe vertragen. Wer will, kann im Rahmen einer kleiner Privatumfrage leicht selbst herausfinden, was der Wiener über den Augustin weiß und sagt. Das Ergebnis sei hier vorweggenommen: Im Wesentlichen wissen die Befragten, dass das Blatt gut gemeint ist. So viel hat sich herumgesprochen. Dass es aber auch wirklich gut gemacht ist, wird zu selten angemerkt.

Geburt die Mutter der Delogierung


Um das im Detail, Geschichte für Geschichte, auszuführen, fehlt hier der Platz. (Zudem weiß der Augustin-Leser eh, wovon die Rede ist, während der Augustin-Käufer auch diesen Text gewohnheitsmäßig übersehen wird). Ersatzweise sei eine Recherche, die das Studium von zwei Dutzend Ausgaben aus den Jahrgängen 1995 bis 2010 umfasste, kurz auf den Punkt gebracht: Die Augustin-Redaktion und ihre Mitarbeiter pflegen erstens einen scharfen Sinn für das Wesentliche und wissen zweitens, wie Lesevergnügen herzustellen ist durch eine gut erzählte Geschichte. Das beweisen sie häufig, und zwar in einer großen Genre-Vielfalt. Ob in Nachrufen («Hansi Lang war einer von uns») oder in Kolumnen («Lokalmatadore»), beim klassischen Report («Wie Arbeitslosigkeit gemacht wird») oder im Abschnitt «art.ist.in» («Musikarbeiter unterwegs») und im «dichter innenteil» («Geburt: Die Mutter aller gewaltsamen Delogierungen») der Augustin ist immer wieder richtig gut.

Nachdem in den ersten 15 Jahren dieses grundsolide journalistische Fundament errichtet wurde, sollte nun in den Aufbau investiert werden. «Radikales Umdenken in Marketing- und Advertising-Strategien», so ist das bei den Medientagen genannt worden. Da sollte der Augustin den Rückenwind des Zeitgeistes nützen: Nie zuvor war Solidarität so wichtig und wertvoll wie heute. Nie zuvor war Finanzkrise plus Eurokrise plus Politikkrise = Vertrauensverlust die Sehnsucht nach dem Echten, nach dem Ehrlichen, nach dem Sinnvollen, nach dem Unverfälschten, nach geistiger Vollwertnahrung also so groß. Trotz unübersehbarer Tendenzen zur Ent-Solidarisierung erkennen doch immer mehr Menschen, dass sie manche Dinge selbst in die Hand nehmen müssen, um die sich in besseren Zeiten der Wohlfahrtsstaat gekümmert hat.
Dafür muss der Augustin noch weiter raus aus seiner Nische. Das gut Gemeinte muss mit dem gut Gemachten im Paket angepriesen werden. Noch mehr Menschen müssen verstehen, was die Herrschaften von «Stimmgewitter Augustin» und «Seven Sioux» längst schon wissen: Der Augustin ist ein «Schmankerl der Schöpfung».
Um diesen Umstand bekannter zu machen, sei auf den beliebten Prozess des Recyclings verwiesen: Dem Augustin wird hiermit die Wiederaufbereitung jenes Slogans empfohlen, den ein Werber vor 20 Jahren für ein deutsches Fertiggericht geschnitzt hat: «Das Gute daran ist das Gute darin!»

Info:
Der Autor ist ein ständiger Mitarbeiter der Österreich-Ausgabe der renommierten Wochenzeitschrift «Die Zeit», Buchautor («Die asoziale Marktwirtschaft», bei Kiepenheuer und Witsch), war USA-Korrespondent des «Profil» und Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins «Format». Mit einem zum Filmstudio umgebauten Transportcontainer ist er durch Österreich unterwegs, um MigrantInnen-Geschichten zu dokumentieren und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Österreich nur als Zuwanderungsgesellschaft lebenswert bleiben kann (http://importundexport.at).

Ernst Schmiederer / 06.10.2010