Der Elvis aus Weitra

Im Gespräch mit Robert Rausch, 81, Recording Artist & Radiostar

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In den späten 1950er Jahren sorgte der sympathische St. Pöltner Robert Rausch als Jugendidol eines goldenen Pop-Zeitalters für Furore. Obwohl er die US-amerikanische Genreschöpfung Rock 'n' Roll dereinst selber nur aus Medien kannte, wurde er unter seinem Pseudonym Robert Benett medial zum «österreichischen Elvis Presley» stilisiert. Anfang der 1960er Jahre verabschiedete er sich überraschend von der Bühne. Albert Sputnik (Text) und Mario Lang (Foto) haben den verschollenen Schnitzelbeat-Wegbereiter ausfindig gemacht und sich mit ihm zum Gespräch verabredet.


Albert Sputnik / 01.03.2016

Es ist 11 Uhr vormittags. Der 81-jährige Robert Rausch hat eine Melange vor sich stehen und überblickt den geräumigen Saal im Café am Heumarkt. Er wirkt gut gelaunt und um einiges ausgeschlafener als der Autor dieser Zeilen. Ich habe viele Fragen; der Einfachheit halber beginnen wir mit der Erfassung biographischer Daten: Geboren 1935 in Weitra im Waldviertel, nach Kriegsende übersiedelte die ganze Familie nach St. Pölten, wo der Vater die Leitung des örtlichen Altersheimes übernommen hatte. Bereits im Schulchor fiel das Gesangstalent des jungen Robert auf und er stieg – «aus Spaß an der Hetz» – als Teenager in einer Amateurband ein. «Ich schätze, dass ich 1954 erstmals auf einer Bühne gestanden bin, bei dem Ball unserer Schule. Dann sind wir mit der Band auch bei anderen Veranstaltungen als Mitternachtseinlage verpflichtet worden. Und da war mein Gesang schon recht gefragt.» Nach der Matura begann er mit einem Architekturstudium und trat als Nebenverdienst nun auch als Solo-Vokalist im Rahmen von Matinéen und Tanzabenden auf. «Ich hatte damals keine großen Erwartungen und wollte auch gar nicht berühmt werden. Das Studium stand bei mir an erster Stelle. Es hat mich aber schon gereizt, auf diese Art Mädchen kennenzulernen», lacht er. Ein ewig währender, nicht zu unterschätzender Antrieb von Popmusik: Teenager exponieren sich im Rampenlicht, um ganz nebenbei und unschuldig dem anderen Geschlecht näher zu kommen. Warum auch nicht.

 

Von Robert Rausch zu Robert Benett

 

Eines Tages gab ein Freund dem jugendlichen Sänger den verblüffenden Ratschlag, sich bei der RAVAG, der staatlichen Rundfunkgesellschaft (dem Vorläufer des ORF) zu bewerben. Nicht im Rahmen eines Wettbewerbs, sondern «einfach so». Rausch tat, wie ihm geheißen, und erlebte beim spontan arrangierten Vorsingen äußerst wohlwollende Reaktionen. Nach ersten Testaufnahmen wurde er prompt vom renommierten Orchesterleiter Ludwig Babinski für eine anschließende Session im Wiener Konzerthaus engagiert. Die erste Single-Schallplatte erschien 1957 bei der kleinen Plattenfirma Viennola und markierte den Beginn einer schillernden Karriere als Recording Artist. Robert Rausch wurde zum unmittelbaren Zeitzeugen einer prosperierenden österreichischen Musikindustrie in ihrer initialen Selbstfindungsphase. Selbst der große Durchbruch, der seinerzeit so vielen jungen Talenten verwehrt blieb, ließ nicht mehr lange auf sich warten: «Ich war über Weihnachten in Weitra, als mich ein Telegramm der Schallplattenfirma Harmona 3D erreicht hat. Ich würde dringend für Aufnahmen benötigt und solle umgehend nach Wien kommen.» Im Harmona-Studio am Kohlmarkt, das seinerzeit im Tagesrhythmus Jukebox-Singles für den heimischen Markt produzierte, wurde Rausch erstmalig als weltgewandter Schlager- und Doo-Wop-Entertainer inszeniert. Insbesondere die getragene Ballade «Alle Wasser der Erde» aus der Feder des Wiener Bandleaders Herbert Seiter entpuppte sich als Überraschungserfolg und mauserte sich zu einem der größten Rundfunkhits des Jahres 1958. Als Rausch seine erste Harmona-3D-Single schließlich in Händen hielt, war das Erstaunen jedoch groß, als er feststellen musste, dass die Plattenfirma seinen Namen – ungefragt – in Robert Benett abgewandelt hatte. «Sie meinten, ‹Rausch› wäre eher der Name für einen Heurigen-Sänger, und das wäre ja kontraproduktiv», erinnert er sich heute schmunzelnd. «Ich war aber nicht beleidigt deswegen. Irgendwie hab ich mit so was schon gerechnet.» Der neue Name schien den Nerv der Zeit jedenfalls zu treffen, wie etliche Presseberichte damaliger Tage belegen, die dem Newcomer Benett eine lange und internationale Karriere prognostizierten. Es folgten nun auch größere Live-Auftritte, etwa in der Wiener Börse, im Konzerthaus oder auf der Löwingerbühne, bei denen der stimmgewaltige Teenager mit Balladen und zeitgenössischem Schlager-Repertoire im Mittelpunkt des Interesses stand.

Das retrospektiv betrachtet nachhaltigste Betätigungsfeld des Robert Rausch sollte allerdings erst folgen: Als der Sohn des Harmona-3D-Chefs eines Tages die Eingebung hatte, nach dem Vorbild von Peter Kraus und Ted Herold nun auch selber deutschsprachige Cover-Versionen englischer Rock-’n’-Roll-Titel ins Rennen zu schicken, entschied er, dass Robert Rausch – pardon: Robert Benett – den Job machen sollte. «Elvis Presley war in jenen Jahren noch nicht allzu präsent bei uns. Und Rock-’n’-Roller galten im Allgemeinen als Rabauken, aber ich fand die Idee eigentlich ganz gut.» Nach der frischen Rezeptur im Sinne des Zeitgeist entstanden in kurzen Intervallen etliche Aufnahmen, die sich zu Dauerbrennern des heimischen Pop-Radios entwickeln würden: «Insgeheim (Secretly)», «Diana», «Komm zu mir, wenn du einsam bist (Love Letters in the Sand)», «Total verrückt (All shook up)» oder «Sag, wieso (Baby I don't care)». Ein junger St. Pöltner war über Nacht zum ersten österreichischen Rock-’n’-Roll-Star geworden. Bekannt aus Funk und Fernsehen.

 

Raus aus dem Showbusiness

 

Als die Firma Harmona 3D ihre Produktion überraschend einstellte, wechselte Rausch zur deutschen Decca und wenig später zum Wiener Schallplatten-Flaggschiff Amadeo, einer Tochter des amerikanischen Vanguard-Konzerns. Die Hit-Maschinerie war gut geölt, und bis 1960 kamen noch sieben weitere Singles mit Robert-Benett-Beteiligung in die heimischen Läden. Mal Schlager, mal Doo Wop, mal Rock ’n’ Roll. Größere Headlines waren wieder im Juli 1960 zu lesen, als Rausch mit seiner Freundin Edith vor den Traualtar trat. «Ein neues Leben beginnt für den Schlagersänger Robert Benett», textete da die Tageszeitung «Kurier» reflexartig. Und tatsächlich hatte die Schlagzeile den Kern getroffen: «Edith und ich waren uns darüber einig, dass wir eine Familie gründen wollten. Und zwar recht bald. Und da beginnt man schon zu überlegen, was man für ein Fundament dafür hat. Denn mit der Singerei wäre es auf Dauer wohl nicht ganz zielführend verlaufen.»

Rausch veröffentlichte im Jahr 1961 seine letzte Single beim Wiener Indie-Label Accordia, bevor er seinen Rückzug aus dem Showbusiness bekanntgab, um sich ganz auf Beruf und Privatleben zu konzentrieren. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums arbeitete er als Baumeister und Architekt und knüpfte über die kommenden Jahre unzählige internationale Kontakte, die ihn rund um die ganze Welt – von der DDR in die USA und bis in den arabischen Raum – führten. Erst im Jahr 2000 trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Edith ist übrigens bis heute die Frau an seiner Seite. Das Ehepaar ist inzwischen zu zweifachen Eltern und dreifachen Großeltern geworden und lebt zurückgezogen im 14. Wiener Gemeindebezirk. Ob die Nachbarn wohl ahnen, dass eine österreichische Rock-’n’-Roll-Legende Tür an Tür mit ihnen wohnt?

 

Von Elvis inspiriert wurde auch der gebürtige Bad Ischler Alois Koch, der dieser Tage 71 wurde. Wie er als Al Cook aber schließlich zu einer österreichischen Blues-Größe wurde, lesen Sie im Augustin Nr. 410. 
Albert Sputnik / 01.03.2016