Die beste Rabenmutter aller Zeiten

Im Kunstmuseum Linz darf Mutterschaft auch ganz unidyllisch sein

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Wer hat eigentlich behauptet, dass Muttersein großartig ist? Eine identitäre Wendung, der frau sich mit Freudentränen in den Augen stellt? Eine glückseligmachende Selbstaufgabe? Das Linzer Kunstmuseum Lentos erzählt die Gegengeschichte und hält die Rabenmutter hoch. Sarah Diehl hat sich dort mögliche Mutterdarstellungen der letzten Jahrhunderte angeschaut.

Bild: Hannah Hoech «Frau und Saturn»


Sarah Diehl / 24.11.2015
Der Titel der Ausstellung ist gut gewählt: Denn der Absolutheitsanspruch an das Mutterideal macht aus Frauen früher oder später immer Rabenmütter, da sie die überhöhten Ansprüche nicht erfüllen können. Die Frau gefährdet ihr Kind durch ihr schlichtes Menschsein, wenn sie auch eigene Bedürfnisse hat. Das ist die Verwirrung, die die ganze Ausstellung so schön illustriert: Ist die Darstellung der Mutter gleich der Darstellung der Frau? Wo bleibt die Individualität der Frau, wenn wir Mütterlichkeit – das immer ein Kümmern um einen anderen Menschen beinhaltet – mit Weiblichkeit, mit dem Dasein der Frau verbinden? Wie attraktiv oder grauenvoll ist das Versprechen der Liebe, wenn es zum Käfig in der Isolation und Überarbeitung in der Kleinfamilie wird?

Gibt es ein Leben nach dem Nachwuchs?


Die Ressource «Frau», die in unserer Gesellschaft für unbezahlte Fürsorgearbeit kontinuierlich und selbstverständlich angezapft wird, spricht in dieser Ausstellung durch die Kunst. Das «Ideal verhindert scheinbar die Entwicklungen und Visionen, Wünsche und Fantasien, wie ein glückliches Leben mit Kindern realisierbar wäre», schreibt die Mitkuratorin Sabine Fellner im Katalog. Dieses Ideal und der dazugehörige Realitätscheck durchziehen die Ausstellung mit Werken der letzten einhundert Jahre, wobei das Urbild der Mutterschaft in der Kunst – die Madonna mit dem Kinde – als patriarchale Lüge entlarvt wird, die Frauen seit jeher mundtot gemacht hat.
Das krasseste Gegenbild zu eben dieser Madonna stellt Jeanne Mammens Kindesmörderin von 1910 dar; es bezeugt, dass es ein integraler Bestandteil des Mutterideals ist, dass soziale Normen alleinstehenden Frauen ein Leben mit unehelichem Kind verunmöglichten, sodass sie keine andere Wahl hatten, als das Kind «loszuwerden»: An den gekreuzigten Christus erinnernd sehen wir eine Frau an den Pranger gestellt, umzingelt von einem spektakelhaschenden Pöbel, während im Hintergrund der Kindsvater das Weite sucht.
Dass aber auch die Wahrheit aus Bildern spricht, die nicht unbedingt die 180-Grad-Wendung zur entrückten Madonna darstellen, bezeugt die Fotografin Tina Barney, die sich mit ihrem erwachsenen Sohn in ausgelassener Stimmung beim Biertrinken zeigt. Dass es ein neuartiger – durch Frauenbewegung und Zugänglichkeit von Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbruch ermöglichter – Luxus ist, Mutterschaft einfach als schön empfinden zu können, spiegelt sich in den Darstellungen von Käthe Kollwitz und Alfred Kubin wieder, in denen die schwangere Frau sich in Todesnähe befindet. Schließlich war es bis vor Kurzem allzu oft eine Katastrophe, wenn die Schwangerschaft eben nicht in den von gesellschaftlichen Normen erzwungenen Formen stattfand und zu einer Quelle von Ausgrenzung, Missbrauch, Armut, Krankheit und Zerstörung von Handlungsoptionen für die Frau wurde.

Meilensteine einer nicht nur begeisterten Mutterschaft


Die Überhöhung der Mutter in der faschistischen Ikonografie zeigt Wilhelm Dachauers Malerei, dessen Titel «Die Fruchtbarkeit» von 1942 verdeutlicht, dass die individuelle Frau hier hinter ihrer Funktion für den Staat verschwindet. Dem gegenüber steht Ernst Haas’ Fotografie einer älteren Frau(«Südbahnhof»), die ihren Sohn unter den zurückkommenden Soldaten sucht, oder Uli Aigners «Keimzelle des Staates», die ebenfalls den Lebensalltag zwischen Multitasking und Verschmolzenheit der Frau mit ihren Kindern zeigt. Denn es ist nicht nur das Leiden am Mutterideal, dem die Ausstellung hier Raum gibt, sondern auch das Leiden an der Liebe, der Abnabelung und der Projektionsfläche, die Mütter und Kinder füreinander werden. Gerade dies erlaubt der Frau in dieser gelungenen Ausstellung als volles Subjekt mit ihren Bedürfnissen zu erscheinen: Ulrike Rosenbach übersät ihr Kind in einem Video küssend mit Lippenstift-Wundmalen. Lenka Clayton hingegen misst in ihrem Video den Abstand zu ihrem weggehendem Kleinkind, den sie erträgt, bevor sie ihm hinterherläuft.
Aber auch das Lustvolle und Humorvolle an der Mutterschaft kommt in der Ausstellung nicht zu kurz. Die Ambivalenz zwischen Hass- und Liebesobjekt illustriert eine Figur von Ron Mueck, bei dem ein lebensechtes Neugeborenes auf dem Bauch seiner erschöpften und verwunderten Mutter liegt. Das Kind belagert den Körper der Frau, was den drastischen Prozess im körperlichen Erleben der Schwangerschaft verdeutlicht. Lange Zeit waren Darstellungen der Körperlichkeit von Schwangeren, die das reinliche Ideal der Mutterschaft konterkarieren, undenkbar. Hierzu gibt es in der Ausstellung Meilensteine der Kunstgeschichte zu sehen, wie Charlotte Berend-Corinths Darstellung einer Geburt von 1908, die lange Zeit zensiert war. Werke wie dieses verdeutlichen die Zeitenwende in der Kunst, seit Frauen vermehrt an der Formierung des öffentlichen Bewusstseins teilhaben können.
Wie Mutterschaft Frauen im öffentlichen Leben aufs Abstellgleis stellt und entmündigt, behandeln Fotodokumente von Lea Lublin, die ihre Mütterlichkeit in den 60er-Jahren in einem Kunstmuseum ausstellte, wo sie das Kinderzimmer ihres neugeborenen Sohn aufbaute und dafür damals viel Kritik bekam. Eine der wenigen Arbeiten, die sich mit Männlichkeit auseinandersetzt, stammt von Hansel Sato, der das Foto eines Mannes – seiner selbst –, ein Baby haltend, mit Begriffen untermalt, die Managementqualitäten bezeichnen. Diese Arbeit spielt damit, wie leicht man die geschlechtliche Arbeitsteilung und die Kompetenzen, die man damit verbindet, umdeuten kann, so, dass es uns allen ermöglicht, Fürsorglichkeit aufzuwerten und als positive Charaktereigenschaft anzunehmen. Denn wenn die Qualitäten der Mutterschaft so hochgehalten werden, fragt man sich, warum Männer sie nicht für sich beanspruchen, womit wir wieder bei der Diskrepanz zwischen Ideal und Realität angelangt wären.
Die Ausstellung sei «eine Auseinandersetzung mit Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Regelwerken». Kunst sei eine «empathische Darstellung, Analyse und Kritik der Welt, in der wir leben – auf dem Weg zu einer Welt, in der wir leben wollen», schreibt Stella Rollig im Vorwort des Ausstellungskatalogs. Tatsächlich hinterlässt der Ausstellungsbesuch eine Sehnsucht in mir; nicht nach dem Ideal der Mutterschaft, sondern nach der Ehrlichkeit, die die Künstlerinnen hier zeigen konnten und die uns allen gut tun würde: Nicht mundtot machende Überhöhung, sondern Anerkennung und geschlechtergerechte Arbeitsteilung sollten den Maßstab für die kommenden Regelwerke setzen.

Sarah Diehl veröffentlichte mit «Die Uhr, die nicht tickt» eine Analyse über gewollte Kinderlosigkeit bei Frauen

 

Infos:

Rabenmütter. Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder von 1900 bis heute bis 21. Februar
LENTOS, Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz, www.lentos.at

Katalog: Verlag für moderne Kunst, 192 Seiten, 29 Euro


Sarah Diehl / 24.11.2015