Die Bildfläche gehört jeder

Jeden ersten Freitag zeigen Becker Mayer Stangl ihre Gemeinschaftsarbeiten

Am Anfang stand der Zufall - ein geglückter Versuch, gemeinsam ein Bild zu malen. Schritt für Schritt hat sich daraus ein in der Malerei ungewöhnliches, seit nunmehr zehn Jahren bestehendes Kunstprojekt entwickelt, das die Künstlerinnen so beschreiben: "Die Leinwand ist die Freifläche, auf der Becker Mayer Stangl Formen der Zusammenarbeit in der Malerei erproben." Statt Selbstverwirklichung und persönlicher Handschrift der Abschied von der Künstlerpersönlichkeit, das Aufgehen im Kollektiv?
Sissy Holzinger / 15.04.2006
Nein. "Wir sind nicht wir! Es geht nicht darum, in der Zusammenarbeit zu einem gemeinsamen Ganzen zu verschmelzen. "Ich und ich und ich malen und zeichnen, ich und ich und ich driften zwischen individueller Identität und Anpassung, ich und ich und ich finden uns ein und treten miteinander in Kontakt." Die Künstlerinnen legen Wert darauf, dass sie drei Individuen mit unterschiedlicher Erfahrung, einer unterschiedlichen Geschichte sind. Sie ergründen, welche Auswirkungen der jeweils eigene Blick auf die Sache, auf den gemeinsamen Prozess der Herstellung von Bildern hat.

Es ist nicht Freundschaft, die die drei verbindet, sondern das gemeinsame Ziel, Bilder zu malen. Sie kennen sich seit der Zeit der Ausbildung. Während der langjährigen Zusammenarbeit hat sich natürlich ein Vertrauensverhältnis herausgebildet. Aber Distanz und Fremdheit, die aufrechterhalten würden, sind die Produktivkräfte, um immer wieder neu auf der Bildfläche in Kontakt treten zu können.

Warum zu dritt malen?


Oft werden sie gefragt, warum sie zu dritt malen. Becker Mayer Stangl finden die Konfrontation mit den spontan auftretenden Situationen auf der Leinwand spannend. Sie finden es aufregend, nicht die komplette Kontrolle darüber zu haben, was passiert. Sie wollen sich auf etwas einlassen, dessen Ausgang offen ist. Sie bewegen sich zwischen agieren und reagieren, zwischen sich einmischen und voneinander abgrenzen. Ihre Erfahrung ist: Der Prozess kann immer wieder scheitern, aber allein der Vorgang, sich diesem offenen Prozess zu stellen und zu sehen, wie sich das Bild quasi selbst hervorbringt, ist das Risiko wert. Sie betrachten ihre Zusammenarbeit als Laborsituation. Das gemeinsame Malen sehen sie als Beispiel dafür, wie Welt entsteht. "Die Welt stellt sich ja auch nicht alleine her, sie bringt sich durch Interaktion ununterbrochen selbst hervor." Sie finden, dass sie etwas ganz Alltägliches nachvollziehen, etwas das jeden Tag geschieht. Die Frage nach dem "Warum zu dritt?" beantworten sie mit der Gegenfrage: "Warum allein malen?"

Der Ablauf ist fast immer der gleiche. Nach dem Ankommen, nach Gesprächen, beginnt der Malprozess auf einer waagrecht liegenden Leinwand. In einer ersten Phase malt jede aus der Stille heraus eher für sich das, was sie ausdrücken will. Dann setzt die Neugierde an dem ein, was auf der Bildfläche noch passiert ist. Sie weichen aus, lassen einander Platz oder kommen sich in die Quere.

"Diese Malerei folgt keinem Entwurf, das Bild kann sich entwickeln, wie es will. Das Wissen um das Bild entsteht im Tun", beschreiben sie den Vorgang. Aus der Interaktion auf der Fläche, die jeder gehört, entsteht eine Dynamik. "Ab einem gewissen Zeitpunkt sagt das verdammte Bild, was zu tun ist."

Das Gesetz der zwei Füße


Eine Grundvoraussetzung ihrer Zusammenarbeit ist die Regelmäßigkeit des Zusammenkommens, aber auch diese Regelmäßigkeit folgt einer Bedingung. Sie sprechen vom "Gesetz der zwei Füße" und meinen damit die Freiwilligkeit des Kommens und Gehens. Das bedeutet für Becker Mayer Stangl so miteinander umzugehen, dass die Lust an der Zusammenarbeit erhalten bleibt. Dazu ist es notwendig, auftauchende Hindernisse aus dem Weg zu räumen und die getroffenen Abmachungen immer wieder auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Es gibt keine ein für alle Mal definierten Regeln. Die Regeln ergeben sich aus der Praxis und verändern sich mit ihr. Wenn etwas unklar geblieben ist, wird so lange darüber geredet, bis Klarheit herrscht. Diese Form der Auseinandersetzung ist Grundbedingung für ihre Zusammenarbeit. Bei grundlegenden Entscheidungen ist Übereinstimmung notwendig. "Oft gehen unsere Auseinandersetzungen an die Grenze des Erträglichen. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir verschieden sind und jede ihre eigene Sichtweise und Wahrnehmung hat."

Sieht man den Bildern ihre Entstehungsweise an? Sagen sie dem Betrachter, der Betrachterin: "Uns haben drei gemalt"? Nicht auf den ersten Blick. Die Bilder faszinieren durch eine Vielfalt der Maltechniken, durch eine Kombination von abstrakten und gegenständlichen Motiven, durch Detailreichtum und große Farbflächen. Das Wissen um den Prozess gehört dazu, um die ungewöhnliche Entstehungsweise wahrzunehmen. Ein Merkmal haben die Bilder doch: Da sie in der Waagrechten entstehen, definieren die Künstlerinnen kein Oben und kein Unten.

Die Bilder sind an einem eigens konstruierten Mechanismus drehbar an der Wand montiert oder werden waagrecht liegend gezeigt. Das ermöglicht der Betrachterin, dem Betrachter, die Bilder immer wieder unter einem neuen Blickwinkel anzuschauen.

Jeden ersten Freitag im Monat zeigen die Malerinnen im Atelier ihre aktuellen Gemeinschaftsarbeiten.

Info:
becker
mayer
stangl

Atelier Intervier
Antonigasse 44-46/6, Hof
1180 Wien
E-Mail: atelier@becker-mayer-stangl.at
Sissy Holzinger / 15.04.2006