Die unsichtbaren Schmähführerinnen

Humor-Arbeit: Männer empfehlen Männer, Männer stellen Männer ein

article_1410_schmähführerinnen_180.jpg Hierzulande machen meist Männer die Witze zumindest in den Medien. Für Karikaturistinnen, Fernsehkabarettistinnen und Kolumnistinnen ist es aufgrund von Seilschaften und Zugangsbarrieren schwieriger als für ihre männlichen Kollegen, in der Öffentlichkeit humoristisch aufzutreten.
Bettina Figl / 17.12.2009
42 Prozent der JournalistInnen sind weiblich, doch im Humorbereich sind es weit weniger: Karikaturen, Glossen und witzige Kolumnen stammen selten von Frauen. Auch in Fernsehkabarettprogrammen wie der ORF-Donnerstag Nacht dominieren Männerrunden. Mit diesem Ungleichgewicht und den Gründen dafür befasst sich eine aktuelle Masterarbeit.

In der ORF-Ratesendung Was gibt es Neues wird den Kandidatinnen der Zugang erschwert, indem immer nur einer der fünf Plätze im Rateteam für eine Frau reserviert ist so schreibt es die Sendeleitung vor. Diese beruft sich auf die Publikumsnachfrage. Die Kabarettistin Susanne Pöchacker ist gelegentlich Teil des Rateteams von Was gibt es Neues. Sie erzählt: Die Kollegen im Team kennen sich oft schon seit Jahren und arbeiteten gemeinsam in vielen Produktionen. Das ist wirklich teilweise wie Schmähführen unter Freunden, sagt die Kabarettistin, und unter alten Bekannten renne der Schmäh nun mal besser. Außerdem sind Humorschaffende stark vernetzt, und Frauen sind (noch) nicht im gleichen Maße wie ihre männlichen Kollegen integriert: Männer empfehlen Männer, Männer stellen Männer ein. Ein Karrierehindernis, wie es auf viele Branchen zutrifft, genauso wie die Unvereinbarkeit von Job und Familie, der vermehrten Heim- oder Teilzeitarbeit, die von Macht- und Hierarchiekämpfen fernhält. Immer noch sind Journalistinnen in Top-Positionen die Ausnahme. Während in Österreichs Medien fast jeder fünfte Mann (18,5 Prozent) eine leitende Funktion ausübt, ist es bei den Frauen knapp eine von zehn (9 Prozent). Chef-Posten und der Humor-Bereich in den Medien (Kabarett, Karikatur, Kolumne) haben etwas gemeinsam: Sie sind hoch angesehen und Frauen sind rar darin. Das zeigt die im Rahmen der Masterarbeit durchgeführte pressestatistische Erhebung.

Sind Frauen als Humorproduzentinnen öffentlich aktiv, erfordert es einen doppelten Tabubruch: Einerseits funktioniert Humor inhaltlich, indem Tabus gebrochen werden oft mittels sexueller Anspielungen, Aggressivität und Herabsetzung anderer.
Pöchacker sagt in diesem Zusammenhang: Meine Kollegen bei Was gibt es Neues können durchaus von Oaschpudern reden, und wenn ich einmal das Wort Tampon nenne, werdens alle komplett weiß, als hätte ich auf den Tisch gekotzt. Das ist ein Unterschied! Sie meint, sie könne die tiefen Witze ihrer Kollegen jederzeit unterbieten. Aber das will keiner sehen. In den Medien würde ich eine Frau, die so tief ist, auch nicht sehen wollen.

Witze reißende Frauen gelten als weniger attraktiv


Humor widerspricht dem konventionellen Bild der Frau und dient nicht der Steigerung ihrer Attraktivität. Zusätzlich brechen witzige Frauen mit dem konventionellen Frauenbild. Der Kabarettist und Kolumnist Thomas Maurer erklärt das so: Wir leben nach wie vor in einer stark männlich dominierten Gesellschaft; der Mann wird bewusst oder unbewusst als Regelfall verstanden, weshalb es auch für Männer leichter ist, von der Norm abzuweichen und sich selbst irgendwie als komische Figur einzubringen. Frauen sind noch mehr damit beschäftigt, Klischeebildern zu entsprechen, und das dann gleichzeitig so zu machen, dass es lustig auch noch ist, ist sicher schwieriger.

Witze reißende Frauen gelten als weniger attraktiv. Der Kabarettist Alfred Dorfer bringt es auf den Punkt: Schönheit ist nicht Witz. Das gilt jedoch nicht für Männer: Witzige Männer, an deren Männlichkeit, an deren Virilität, an deren männlicher Attraktivität zweifelt niemand. Männer finden Frauen selten auf Grund ihres Humors, ihres Witzes, auf Grund dieser Eigenschaften attraktiv.
Das bestätigt seine Kollegin Pöchacker. Sie schlüpft in ihrem Programm in die Rolle der Grete, die das gängige Schönheitsideal umkehrt (Brille; mausgraue Haare; verkrampfte Körperhaltung; biederer Kleidungsstil). Die ZuseherInnen sagen der Kabarettistin oft, wie mutig sie sei, sich so hässlich zu machen. Das Publikum ist teilweise richtig erleichtert, wenn Pöchacker danach auch die schöne Französin Francine verkörpert: Wenn sie sehen, ich bin auch normal, irgendwie.

Kolumnistin Elfriede Hammerl sagt: Frauen müssen immer sehr aufpassen, sich nicht in ein Eck zu stellen, in dem sie nicht landen wollen. Die komische Nudel wird dann selbst sehr leicht als lächerliche Figur betrachtet. Das ist eine Gratwanderung, die Männer in dem Ausmaß wahrscheinlich nicht machen müssen.
Das Bild der politisch desinteressierten Frau stimmt nicht aber Frauen gehen an politische Themen anders heran als Männer. Daten zur geschlechtsspezifischen Mediennutzung zeigen: Frauen sehen mehr fern, Männer lesen öfter Zeitung. Auch ihre Programmvorlieben variieren: Bei Männern liegen die ZiB-Nachrichten neben Sportübertragungen ganz vorne, bei Frauen sind Sendungen wie Dancing Stars oder die Opernballeröffnung am beliebtesten. Eine nahe liegende Erklärung für die wenigen humoristisch-journalistischen Kommentatorinnen wäre daher: Frauen interessieren sich nicht für Politik und reißen deshalb keine Witze darüber. In den Interviews zeigte sich: Frauen greifen sehr wohl politische Themen auf und bearbeiten diese humorvoll. Doch sie widmen sich vermehrt Sozial-, Bildungs- und Integrationspolitik und weniger der Tagespolitik. Sie beleuchten, wie sich Politik auf den Alltag der Menschen auswirkt. Zudem sprechen sie ihr eigenes Geschlecht öfter an: Frauen- bzw. Männerpolitik, Gender oder Emanzipation ist bei Männern kaum ein Thema. Mannsein gilt scheinbar immer noch als Regelfall und muss deshalb nicht extra angesprochen werden.

Z. B.Gemüsepreise: Frauen werden Frauenthemen zugewiesen


Weichere, nicht-tagespolitische und persönliche Themen werden Frauen verstärkt zugewiesen: Die Journalistin Bettina Eibel-Steiner wurde von ihrem Chefredakteur gefragt, ob sie eine Kolumne in Anlehnung an Das Tagebuch der Bridget Jones Schokolade zum Frühstück schreiben möchte. Es sollte kein Kommentar im klassischen Sinn sein (nicht tagesaktuell), sondern über das weibliche Lebensumfeld: Es ging darum, dass einmal eine Frau schreibt, sagt Eibel-Steiner. Hier kam sie zum Zug, indem sie positiv diskriminiert wurde, denn die Chefredaktion wollte nicht noch einen Kolumnisten. Auch zu Beginn von Elfriede Hammerls Karriere sagte ihr (damaliger) Chefredakteur, sie solle in ihrer Kolumne Frauenthemen behandeln dabei schwebten ihm die Gemüsepreise am Naschmarkt vor. Doch für Hammerl war völlig klar, dass sie die gesellschaftliche Situation der Frau ansprechen würde. Als das bei den Lesern ankam, waren die Gemüsepreise kein Thema mehr.

Männer arbeiten vermehrt mit Schadenfreude und haben weniger Hemmungen, sich über andere Menschen zum Beispiel Politiker lustig zu machen. Frauen distanzieren sich vom aggressiven Humor eher, ganz deutlich tut dies die Karikaturistin Doris Schamp: Deswegen mag ich die politische Karikatur nicht, weil da geh ich auf jemanden explizit los meistens auf Politiker. Das interessiert mich gar nicht. Mich regt die Politik oft so auf, dass ich keine Lust hab, auch noch jemanden von denen zu zeichnen.

Oft ist Humor für Männer wie Frauen eine Möglichkeit, etwas, das sie ärgert oder frustriert, aufzuarbeiten. Und die Witze von Frauen und Männern haben noch etwas gemeinsam: Sie funktionieren ähnlich (etwa durch Überraschung und Tabubruch), und Schenkelklopfer sind weitgehend verpönt die HumoristInnen versuchen auf subtilere Weise witzig zu sein.

Es hängt nicht zuletzt von den KommunikatorInnen selbst ab, ob sie Gender konstruieren, indem sie sich als weibliche Frau oder männlicher Mann präsentieren, oder aber diese Kategorien dekonstruieren. Gerhard Haderer distanziert sich beispielsweise davon, mittels Humor Hierarchie aus zu verhandeln: Es gibt eine Beziehung zwischen Macht und Humor, da gibts einen unglaublichen Begriff: Schmähführer, das ist derjenige, der die Macht hat, das Wort, den Schmäh zu führen. Es gibt auch so was wie echte Hierarchieschlachten, wo sich Männer über Humor und über ihre Präsenz Hahnenkämpfe liefern, und derjenige, der die meisten Lacher hat, ist der Mächtige () Das ist nicht ganz meine Position. Meine ist etwas verhaltener. Ich bin auch kein großer Gesellschaftsunterhalter. Das kann ich nicht. Im Kreise von Schmähführern habe ich mich immer sehr unwohl gefühlt.
Die männliche Dominanz im medialen Humorbereich geht mit der Diskriminierung von Frauen einher. Denn Humor ist in unserer Gesellschaft überaus positiv konnotiert und wenn Frauen nachgesagt wird, ihnen fehle diese Eigenschaft, werden sie dadurch abgewertet bzw. gering geschätzt: Indem humoristische Frauen in den Medien selten sichtbar sind, wird das Uralt-Vorurteil, Frauen seien weniger witzig, medial reproduziert. Schließlich sind Medien an der (Re-)Produktion von Geschlechterkonstruktionen maßgeblich beteiligt: Sie verdichten gängige Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte und stereotypisieren diese. Dies lässt den Schluss zu: Indem Kommunikatorinnen als Schmähführerinnen in den Medien auftreten, tragen sie dazu bei, dass mit dem Klischee der unwitzigen Frau gebrochen wird.


Info:
Bettina Figl hat ihre Masterarbeit am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien geschrieben. Für die Arbeit interviewte sie acht österreichischen HumoristInnen: zwei Kolumnistinnen und zwei Kolumnisten, eine Fernsehkabarettistin, einen Fernsehkabarettist sowie einen Karikaturist und eine Karikaturistin. Die gesamte Arbeit mit dem Titel Von Schmähführern und Schmähführerinnen. Eine qualitative Befragung österreichischer KarikaturistInnen, KolumnistInnen und FernsehkabarettistInnen ist im Internet abrufbar: http://textfeld.ac.at/text/1574/ Bettina Figl ist 25 Jahre alt und lebt in Wien. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und Niederösterreich.
Bettina Figl / 17.12.2009