Ein Leben, zersplitterbar wie Glas

ImPulsTanz-Sonderprojekt mit jungen Flüchtlingen

article_3179_tanz_carolinafrank_180.jpg Mitte August werden die verzweigten Gänge des Weltmuseums am Wiener Heldenplatz während der Aufführung des Stückes «Songs of the Water / Tales of the Sea» mit zeitgenössischem Tanz und Gegenwartsgeschichte gefüllt. Im Rahmen von ImPulsTanz öffnet das bis Herbst 2017 wegen Umbauarbeiten geschlossene Museum seine Pforten für sechs junge Männer, die ohne ihre Familien von Somalia, Afghanistan und der Elfenbeinküste nach Österreich geflüchtet sind. Text: Sandra Voser und Michael Franz Woels. Fotos: Carolina Frank.
Sandra Voser und Michael Franz Woels / 04.08.2015
Die sechs jungen Flüchtlinge – Jasin, Hamid, Hassan, Muhammed, Rohulla und Sidibe – haben, zumindest bis über ihren Asylantrag entschieden wird, im Diakonie-Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im burgenländischen Rechnitz Obdach gefunden.

Die von Liz King gegründete choreografische Plattform D.ID lud die bei einem Casting ausgewählten Asylwerber dazu ein, ihre aufwühlenden Fluchtgeschichten tänzerisch zu vermitteln. Die aus England stammende Choreografin, die Tanzen ebenso wie Asyl als ein grundlegendes Menschenrecht versteht, weiß von ihren zahlreichen Projekten, dass sich durch Körperarbeit die Wahrnehmung von sich selbst und anderen – im Raum und in der Gesellschaft – verändert. Berührungsängste können dadurch abgebaut und gesellschaftliche Barrieren überwunden werden.

Das Konzept von «Songs of the Water / Tales of the Sea», definitiv kein rein informatives Doku-Tanztheater, entwickelte Magdalena Chowaniec, die ihre «Rechnitz Crew» bereits letztes Jahr mit einer Improvisation des afghanischen Kriegstanzes Attan auf die ImpulsTanz-Bühne brachte (der Augustin berichtete). Die Choreografin, Tänzerin und Frontfrau der Post-Punkband «The Mob Fixing Freedom» wurde heuer von Mani Obeya unterstützt, seinerseits Tänzer und Singer/Songwriter der «Sofa Surfers». Drei Monate lang probte die Gruppe mehrmals wöchentlich in Pinkafeld, bis es im Mai zur Uraufführung in Oberwart kam.


Wasser als Metapher für Überleben


Bei ImPulsTanz fungiert die imperiale Architektur des ehemaligen Museums für Völkerkunde als monumentales Bühnenbild und wirft – indem es kulturelle Vielfalt abbildet, aber auch das Machtgefälle zwischen Nord und Süd manifestiert – neue Fragen auf. Es stellt einen Reflexionsraum über unser Verhältnis zur Welt, den Umgang mit anderen Kulturen und Migration dar, erklärt Michael Stolhofer, während er die eindrucksvollen Raumfluchten durchwandert. Das Ziel des Kurators der ImPulsTanz-Sonderprojekte ist es, dem Publikum nicht historische Artefakte oder Tatsachen, sondern Bilder und Geschichten aus der Sicht der Künstler_innen mit bleibendem Eindruck zu präsentieren.

Mani Obeya, der vor Jahrzehnten selbst aus Nigeria nach London flüchtete und somit für die heranwachsenden Männer eine Vorbildfunktion übernimmt, beobachtete während der Proben wie die Integrität und der Bezug zum eigenen Körper, der durch die traumatischen Fluchterlebnisse verloren gegangen war, Stück für Stück wiederhergestellt wurde. Mittels Kindheitserinnerungen, Lieblings- und Liebesliedern sowie Bühnenpseudonymen – die Jungs wählten die heroischen Spitznamen Prince, King, Wolf, Father of Love, Drogba und Messi – versuchte er sie spielerisch dem Thema anzunähern. Da fast alle der Tänzer unter anderem per Boot flüchteten, wird Wasser als (Über-)Lebens-Metapher verwendet. Legendenhaftes und eigene Erzählungen verschmelzen, indem ihre persönlichen Fluchtdramen mit der antiken Tragödie Odysee in Verbindung gesetzt werden.

Der Afghane Jasin zählt sich zu den Glücklichen, da er es bis nach Österreich geschafft hat: «Auf der Flucht war ich wie aus Glas. Das Leben hatte ich zusammengepackt und es hätte jederzeit runterfallen und zersplittern können.» Für ihn, der bereits bei ImPulsTanz 2014 den Kriegstanz Attan aufführte, stellte sich die Frage, wie subjektive Fluchterlebnisse nachvollziehbar dargestellt werden können, denn: «Dein Leben wird deine Reise und deine Reise wird dein Leben.» Doch auch der Prozess um das Bleiberecht ist zermürbend, geprägt von zahlreichen bürokratischen Hürden und allem voran verunsichernden Wartezeiten. Dass die Potenziale der Jugendlichen nicht anerkannt werden, obschon sie einen Erfahrungsschatz und eine Determiniertheit mitbringen, die Teenagern oftmals abgesprochen wird, frustriert Chowaniec. Sie wurde Zeugin der im Vergleich zum letzten Jahr steigenden Hoffnungslosigkeit – und träumt von einem Residency Programm im Rechnitzer Heim, das Künstler_innen und Flüchtlinge für kontinuierliche Kooperationen zusammenbringt.

Denn auch wenn die Diakonie-Mitarbeiter_innen alles Erdenkliche leisten, um den Jungs trotz des knappen Budgets ein Zuhause zu bieten und eine möglichst gute Bildung zu ermöglichen: Es bleibt schwer, wirkliche Lebensperspektiven in der neuen Heimat zu generieren. Zumindest wurde den sechs Tänzern mit dem Entwicklungsprozess von «Songs of the Water / Tales of the Sea» ein Instrument gegeben, um sich auszudrücken, und eine Erfahrung, die ihnen nicht mehr genommen werden kann.

Der Augustin lädt seine Leser_innen und Verkäufer_innen gegen das Vorweisen der Ausgabe 395 dazu ein, die Vorstellung am 14. August um 21 Uhr kostenlos zu besuchen.

Sandra Voser und Michael Franz Woels / 04.08.2015