Frühstückend Plätze erobern

Heraus zum 1. Mai – zu Permanent Breakfast am Heldenplatz

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Am Morgen des 1. Mai 1996 begann eine Künstlergruppe um Friedemann Derschmidt, öffentliche Räume zu befrühstücken und hörte nicht mehr auf damit. Die Grundidee ist schlicht und durchschlagend: Eine Person lädt zum Frühstück. Die geladenen Personen (in der Regel vier an der Zahl) verpflichten sich, am nächsten Tag (oder zum nächsten ihnen möglichen Zeitpunkt) jeweils ein weiteres öffentliches Frühstück abzuhalten, dessen Gäste wiederum ehebaldigst frühstücken und so fort.

Bildtext:
Desayuno con Viandantes, Frühstücken mit Vorübergehenden, ist der spanische Zweig der Permanent-Breakfast-Bewegung. Hier ein Massenfrühstück in Valencia. 


Walter Pucher / 10.04.2016
Tatsächlich wurde das öffentliche Frühstücken mehr und mehr Kult, konnten immer öfter Menschen beobachtet werden, die sich – auf Plätzen und in Parks, in leeren Springbrunnen und in freien Parklücken – um einen gepflegten Frühstückstisch versammelt hatten, wovon neben hunderten von mündlich überlieferten Frühstücken Fotos, Weblogs und E-Mail-Rückmeldungen mit unzähligen Fotos aus über 30 Ländern der Welt zeugen. Auch die Permanent-Breakfast-Spielregeln sind mittlerweile in über 13 Sprachen übersetzt worden. Die Dunkelziffer ist enorm.
Erwünschte Frühstückswirkungen mannigfaltiger Natur konnten beobachtet werden: Der öffentliche Raum verändert sich, wird er befrühstückt, merklich nach den Bedürfnissen der Frühstückenden. Die Frühstückenden beginnen ohne viel Zutun, allein durch ihre Anwesenheit mit dem Umraum zu kommunizieren, ihr eigenes Medium zu sein, Platz zu greifen, Raum zu nehmen, ihn buchstäblich zu besitzen und ihn bloß durch sich selbst oder aber auch mit einem Anliegen zu besetzen. Es wird kundgetan, weitererzählt, wiedergefrühstückt. Das Spiel geht weiter, solange jemand den Faden aufnimmt.
Am 1. Mai diesen Jahres wird Permanent Breakfast also 20 Jahre alt, nachdem der Faden immer und immer wieder und an den unwahrscheinlichsten Orten aufgenommen wurde. Aus diesem Anlass rufen Friedemann Derschmidt und seine Kolleg_innen auf, am 1. Mai ab Vormittag in alter Tradition den Wiener Heldenplatz radikal zu befrühstücken.
Eine Anmerkung zur Form des gemeinsamen Gelages: «Ein Frühstück ist ein Frühstück und kein Picknick», sagt der Erfinder von Permanent Breakfast. «Ein Frühstück braucht einen Tisch, der gedeckt sein muss. Spartanisch oder lukullisch – aber gedeckt. Die ästhetische Inszenierung macht das Kraut fett.»
Alle die gegen die schleichende Regulierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums ein Zeichen setzen wollen, sind aufgefordert, mit Tisch, Stuhl, Marmeladesemmel, Kaffee, Aufstrichen, Blumen, beliebigen Musikinstrumenten (oder what else) auf das Geburtstagsfest zu kommen.
Walter Pucher / 10.04.2016