Ich bin ein Stehaufmanderl

Sängerknabenverein überhäuft ParkschützerInnen mit Klagen. Darunter Eva Hottenroth

article_1496_augartenspitz_180.jpg Auch am Augartenspitz zeigt der «Rechtsstaat» Österreich sein realistisches Gesicht. Während immer anschaulicher wird, dass sämtliche Bauvorbereitungsarbeiten rechswidrig sind, werden die seit Jahren friedlich für den Erhalt des denkmalgeschützen, historischen Parks Augarten kämpfenden AktivistInnen unter dem Motto Gegner fertig machen schnell den Bau durchdrücken wenn nötig über Leichen gehen mit einer Flut von Klagen überhäuft. Darunter Eva Hottenroth, Parkanrainerin, Restauratorin, Mutter eines kleinen Mädchens und Sprecherin des Vereines «Freunde des Augartens».
Josef Spitzwieser / 21.04.2010
Nach zahllosen Kunstaktionen, Baumpatenschaften, 13.000 Unterschriften und starker Öffentlichkeitsarbeit, blieb zuletzt nur noch die mutige Besetzung des Geländes, die im März niedergesägt wurde, während Michael «mein Name ist Hase, ich weiß von nichts» Häupl sich im Rathaus versteckte. Eva Hottenroth, als Sprecherin exponiert, spürt die harten Bandagen der mächtigen Männerbund-Seilschaft Baumagnat-Sängerknaben-Politik besonders krass. Sie spricht mit dem Augustin darüber, wie sich Gewalt von oben anfühlt, und was das mit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Verein Wiener Sängerknaben (WSK) zu tun hat.

Wie hast du dich gefühlt, als du das erste Mal von dem Bauvorhaben am Spitz erfahren hast?

Als ob mir jemand die Kehle zuschnüren würde. Es war zuerst abstrakt, aber dann ist es als Bedrohung relativ schnell real geworden. Es war klar, dass, wenn da so ein Klotz hinkommt neben den Ort, wo ich wohne, dass das alles wegnimmt, was mir an diesem Ort bis jetzt heilig war: die Bäume, die Luft, das Licht. Das war 2005. Im Jahr darauf haben meine ersten Beratungsgespräche im Verein stattgefunden.
2008 kam der «Leitbildprozess Augarten».

Der war für mich vor allem ein LEIDbildprozess; BürgerInnenverarschung auf höchster Ebene um 150.000 Euro! Gerade DIE beiden Problemprojekte Konzerthalle und Datencenter Flakturm wurden eisern ausgeklammert. Und obwohl wir GegnerInnen eine tolle Gemeinschaft bildeten, war nichts zu machen. Ich bin bald ausgestiegen, weil ich das emotional nicht verkraftet habe. Das hat mich so wahnsinnig wütend gemacht, dass ich dort schon mal Brüllattacken hatte ...
Da habt Ihr euch aber nicht gerade schwache Gegner gesucht.
Da holt man sich schon mal eine blutige Nase. Wir haben lange auf sehr wohlwollende Art versucht, mit dem WSK ins Gespräch zu kommen. Die sind damals schon auf einem hohen Ross gesessen: «Ja, bitte, i woa jo mit dem Herrn Bürgermeister abendessen, und er hat mir gsagt, dass das gebaut wird.» Das ist natürlich ein Wahnsinn, wenn da jemand so vorgreift und ein Projekt, das noch nicht genehmigt ist, so pauschal bewilligt. Ich finde, die Staatsanwaltschaft sollte sich anschauen, ob hier die Behörden wirklich alle rechtlichen Bestimmungen beachtet haben.
Immerhin konnte die Bevölkerung dem Bundesdenkmalamt (BDA) jene Arbeit abnehmen, das Gesindehaus und die Umgebungsmauer vor dem Totalabriss zu schützen.
Wir wussten ziemlich bald, dass das gesetzlich nicht halten wird. Wir haben gekämpft, bis die BDA-Präsidentin zu verstehen gegeben hat, dass der Entwurf so nicht durchgehen wird. Dann wurde neu geplant, wiewohl wieder auf Kosten des barocken Ensembles. Diese Version wurde genehmigt. Aber was hochrangige Juristen zu diesem Bescheid sagen, wissen wir ja.
Du kämpfst nun seit etwa fünf Jahren unaufhörlich. Wird man da nicht müde?
Es ist ein Wechselbad. Ein toller Moment war, als das Josefinische Erlustigungskomitee eingestiegen ist. Die hochkarätigen Kulturevents am Spitz haben mir immer so viel Kraft gegeben, dass es dann schon wieder gegangen ist. Die haben dieses Künstlerische, Leichte, Genießerische reingebracht. Da ist der Spitz zu dem wunderbaren Ort geworden, wo sich alle getroffen haben. Trotz Schwangerschaft, Beruf und Kleinkind hüten hab ich das Augartenretten bis jetzt nicht aufgegeben, obwohl ich es eigentlich sollte, weil es mir teilweise nicht so gut tut.
Von rechter Seite werdet ihr regelmäßig als von den Grünen bezahlte Berufsdemonstranten diffamiert. Das ist aber harmlos gegen das brutale Vorgehen, um euch körperlich wegzuschaffen. Es gibt aggressive Postings, Drohungen und jede Menge Klagen gegen euch.
Die jenseitige Beflegelung durch eine Sängerknabenmutter hat mich auch sehr aufgewühlt. Oder ein Vater, der es unerhört fand, dass wir diese Missbrauchsgeschichten auf unserer Homepage hatten. Wobei ich dazu stehe. Ich fühle mich auch als Opfer der Wiener Sängerknaben. Und ich glaube, dass so wie sie nach außen agieren, sie auch nach innen agieren. Das ist genau dasselbe. Das sind brutale Machtmenschen, die für Geld über Leichen gehen. Der Verein WSK hat für mich jegliche Legimitation verloren. Er vertritt seine Interessen auf eine brutale, sehr unangenehme Art und Weise. Diese Leute erinnern mich an die grauen Männer bei Momo, die sind genau so.
Du bist gleich dreimal mit Gewalt weggetragen worden, als du deine geliebte Ulme schützen wolltest.
Das Verletztsein vom Weggetragen-Werden hat mich ganz schön gedämpft. Ich hatte ein Hämatom von 15 cm Durchmesser am Oberschenkel. Die glatzköpfigen, schwarz gekleideten Securities waren sehr grob. Mich hat so schockiert, wie die Bäume geschlachtet wurden und wie massiv die Leute auf den Bäumen von den Kettensägenwahnsinnigen gefährdet wurden. Der hat mit der Motorsäge über, neben und hinter denen gesägt und hat sich durch nichts und niemanden abbringen lassen, das war unglaublich! Das war ja auch der Grund, warum ich unter die Ulme gesprungen bin. Er hat gesägt, bis nur mehr der Stumpf da war. Was ich so arg finde an dieser Methode, ist das moralische Niedermachen des Gegners mit reiner Gewalt. Das ist den Sängerknäbleins und einer Demokratie unwürdig! Wenn wirklich was ganz Schlimmes passiert wäre an diesem Tag, dann würden viele jetzt wahrscheinlich anders denken. Das war in Hainburg auch so: Das Bild einer blutüberströmten Studentin hat damals den Ausschlag für eine Wende gegeben. Ich verstehe nicht, dass erst was passieren muss, bevor die Leute aufgerüttelt werden.
Welche Klage läuft gegen dich?
Ich bin wegen Besitzstörung verurteilt worden, weil ich auf einen LKW gegangen bin, um ihn am Abladen von Baumaterial zu hindern. Wenn man in der Gruppe ist, fühlt man sich stärker, wenn man dann aber allein nach Hause kommt ... Da wird man halt entmutigt, wenn die die Gewalt auf ihrer Seite haben. Man muss schauen, wie man sich schützt, weils sonst unerträglich ist. Dazu kommt, dass es einen Richtermangel gibt, das stammt noch aus der rechten Regierung, wo die Justiz geschwächt wurde. Man hat wenig Zeit, will schnell abarbeiten. Zuerst kommen die Flüchtinge dran, die eh gar keine Rechte haben; und dann kommen die Normalbürger dran. Ein nicht funktionierender Rechtsstaat ist so ziemlich das Demokratiefeindlichste, was es gibt. Und diese Richterin, die sagt: Irgendwo müssten Grenzen gesetzt werden. Ich bin mir vorgekommen wie eine gemaßregelte Schülerin. Dass die Sängerknaben das so ausnützen können, hat mich geärgert und macht mich verzweifelt. Der Verlust dieses Platzes, den wir liebten, wo wir uns alle getroffen haben, wo ein schönes Leben möglich war. Und der Bürgermeister eröffnet Schanigärten.
Wirst du weiter kämpfen?
Ich bin ein Stehaufmanderl. Man darf die Welt nicht den Bösen überlassen. Mein Anwalt hat mir, als er bemerkte, wie mich das getroffen hat, das Lied Ermutigung von Wolf Biermann geschickt. Solche Sachen haben mich dann schon wieder aufgebaut. Und wenn Leute anrufen und fragen, wie es mir geht. Als ich unter der Ulme stand, hat mein Papa mir über die Mauer einen Strauß mit Rosen geschickt und dazu den Satz: «Zum wahren Heldentum gehört auch die Ausweglosigkeit.» Da hab ich ziemlich heulen müssen. Langfristig wird mir das nützen, weil diese Energie weiterlebt. Nelson Mandela war 30 Jahre im Häfn und hat am Schluss gesiegt. Es zahlt sich schon aus zu kämpfen. Und ich bin eine Kämpferin.
Infos und juristische Stellungnahmen: siehe www.erlustigung.org und www.baustopp.at
Josef Spitzwieser / 21.04.2010