«Ich lehre abweichendes Verhalten»

Rolf Schwendter war akademischer Anarchist mit barockem Wissensdrang.

article_2303_schwendter_180.jpg Rolf Schwendter, Sozialwissenschaftler, Autor, Organisator, Genießer und prinzipiell Unorthodoxer, ist am 21. Juli im Alter von 73 Jahren gestorben. Schwendter war so etwas wie ein wandelnder Widerspruch, der sich selbst immer wieder kreativ auflöste. Er war dreifacher Doktor und provozierend krähender Trommler, er schrieb Katertotenlieder und wissenschaftliche Abhandlungen, er brachte ständig jede Menge Leute zu Aktionen zusammen und verweigerte moderne Technologien weitgehend.

Gerald Jatzek / 20.08.2013

Schwendter wurde 1939 in Wien als Rudolf Scheßwendter geboren und wuchs zweisprachig (ungarisch, deutsch) auf. An der Universität Wien erwarb er bis 1968 drei Doktorate und organisierte die informelle Gruppe zu Wissenschaft und Kunst, die sich im konservativ-katholischen Österreich - bisweilen durchaus im Wortsinn - Freiräume schaffte und mit internationalen Strömungen auseinandersetzte. Was angesichts des damaligen geistigen Klimas in der Alpenrepublik dringend notwendig war: So betrieb der Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz in seinen Vorlesungen offen nationalsozialistische Propaganda. Dennoch wurde er erst 1966 zwangspensioniert - bei vollen Bezügen. Verantwortlich für den großzügigen Abgang war Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic, der den Schriftsteller Thomas Bernhard bei einer Preisverleihung bedrohte und dafür sorgte, dass Arbeiterfamilien praktisch keine Chance auf Stipendien für Höhere Schulen hatten ...
Die Vielfalt der informellen Gruppe, die marxistische Theoretiker ebenso umfasste wie Jazzmusiker, Soziologen, Schauspieler_innen, Maler_innen und Lebenskünstler_innen, prägte auch ihr Gründungsmitglied. Eine bunte, mit dem alltäglichen Leben verschmolzene Kultur war für Rolf Schwendter stets der praktische Gegenentwurf zu den erstarrten Gesten der Repräsentationskultur in feinem Tuch in herrschaftlichen Räumlichkeiten.
Mit vielen Jahren Verspätung gelangten über die Gruppe endlich auch die Ideen des Surrealismus in die Heimatstadt Sigmund Freuds. Mit den Pariser Künstlern und Literaten der Zwischenkriegszeit verband die Wiener Gruppe sowohl die Begeisterung für revolutionäre Veränderungen wie die Aufgabe des bürgerlichen Kunstbegriffs.

Sein Genre: SpokenWordundSoloAcapellaDrumwithoutbass

Ein derartiger Ansatz musste bei Schwendter direkt zur Praxis führen: Als Sänger und Liedermacher setzte er auf eine Antiästhetik, die sich den vertrauten Hörgewohnheiten entziehen sollte, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Der deutsche Musiker Carl-Ludwig Reichert nannte ihn einmal den «Urvater der SpokenWordundSoloAcapellaDrumwithoutbassBewegung». Mit den Wiener Mitstreitern Joe Berger und Otto Kobalek wirbelte er in der Folge das deutsche Waldeck-Festival durcheinander, auf dem musikalische Traditionsbewahrer und dogmatische Linke, also zwei orthodoxe Gruppen, aufeinandertrafen.
Unorthodox zu sein war für Genosse Genosse Genosse Schwendter - so sein gängiger Spitzname unter den Achtundsechzigern - ein Prinzip, das er beständig auf sich selbst anwendete, eine Lebenshaltung gegen die Gefahr der dogmatischen Erstarrung.
Ein schönes Beispiel dafür erlebte ich Anfang der neunziger Jahre bei einer Veranstaltung im Wiener Jazzcafé Bird. Irgendwie kam es dazu, dass Alexander Tichy und ich Rolf spontan mit Quetsche und Gitarre begleiteten. Das Lokal war mehr als gut gefüllt, und so spielten wir links und rechts an ihn gedrückt, während Rolf den Raum mit seiner Stimme und den Raum zwischen uns mit seinem Bauch füllte. Am Ende seiner Version von «Sixteen Tons», während der jeder bemüht war, die Mitspieler nicht mit seinem Instrument zu verletzen, rief Rolf begeistert: «So schön hab' ich das noch nie gesungen.» Was mich vom prononcierten Vertreter der Ästhetik der Verstörung einigermaßen verblüffte.

Progressive und regressive Subkulturen


Seine Rolle als Professor für Devianzforschung an der Universität Kassel erklärte Rolf Schwendter gerne mit einem prägnanten Satz: «Ich lehre meine Studenten abweichendes Verhalten.» Die Berufung an die Hochschule erfolgte 1975. Vier Jahre davor war der Band «Theorie der Subkultur» erschienen, in dem er Randgruppen und ihre Organisationsformen, Werte und Rituale darstellt und auf ihr Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft untersucht. Anhand der Positionen zu Herrschaftsstrukturen und deren möglicher Überwindung unterscheidet Schwendter progressive von regressiven Subkulturen, als deren negative Utopie er das Führerprinzip herausarbeitet. Er entwickelte damit im Alleingang eine Methodologie, die in den Grundzügen den Arbeiten des berühmten Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham entsprach.
Rolf Schwendter war ständig in Bewegung, körperlich wie geistig, zwischen Wien und Kassel, zwischen Literatur und Wissenschaft und immer wieder auf neuen Gebieten. Wenn er im Café Weidinger schrieb, wippte er mit dem Oberkörper vor und zurück, ein Kopfarbeiter, der seine Denkmaschine in Schwung hält, deren Output handschriftlich auf Zetteln festgehalten wurden. Themen konnten zeitgenössische Spielarten des Anarchismus, das Verhältnis von Sexualität und Literatur, Antipsychiatrie, aber auch Verhaltensweisen von Katzen sein.
Dank seiner geistigen Beweglichkeit entwischte er der dreifachen akademischen Sozialisation zum Trotz den Schubladen der Wissenschaft. Im Gegenteil, statt Lebensregungen und Verhaltensweisen sofort in soziologische, psychologische, anthropologische Kategorien einzubauen, konnte er staunen, wie es die meisten Menschen nur als Kind vermögen. Möglicherweise lag es daran, dass er sich vor Neuem und Unbekanntem nicht fürchtete. Rolf Schwendter war sicher, dass er spätestens nach etwas Nachdenken und Recherche eine Erklärung - mitunter waren es auch mehrere - finden würde.
Die Analyse war für Schwendter, so sehr er sich an theoretischen Spitzfindigkeiten erfreuen konnte, eben nie Selbstzweck. Ihr Ziel war immer, den Weg vom Noch-Nicht-Sein (Ernst Bloch) zum Sein zu finden. Dafür ist jedenfalls auch die Analyse der eigenen Geschichte notwendig, mit der sich Schwendter etwa in zwei Bänden «Zur Geschichte der Zukunft» auseinandersetzte.
Die Verweigerung der Anpassung drückte Schwendter auch im Besitz aus. Kleidung musste vor allem praktisch sein, also über viele Taschen verfügen, und für den Transport von Büchern und Manuskripten reichten Plastiksackerln. Das konnte durchaus zu komischen Situationen führen. Bei einem «Club 2» zum Thema «Sandler» hielt ihn der Bezirksvorsteher der Inneren Stadt für einen Obdachlosen und den im Anzug erschienenen Obdachlosen für den Uniprofessor.

Der antiautoritäre Patriarch, der nicht Ordnung, sondern Chaos stiftete


1990 gründete Schwendter gemeinsam mit Freunden wie Manfred Chobot, Brigitte Gutenbrunner, Evelyn Holloway, Ottwald John, Hansjörg Liebscher und Günther Nenning das «Erste Wiener Lese- und zweite Stegreiftheater», eine lockere Gemeinschaft von Theaterinteressierten, die seither rund 1500 Veranstaltungen, darunter auch Chansonabende und einen Marathon mit dem vollständigen Text von James Joyces «Ulysses» durchführte. Schwendter befand sich stets im Mittelpunkt dieses vielfältigen Zusammenschlusses. Für den unvoreingenommenen Betrachter sorgte er in schöner Widersprüchlichkeit als antiautoritärer Patriarch - nein, nicht für Ordnung, sondern für so etwas wie ein strukturiertes Chaos.

Darüber hinaus engagierte sich Rolf Schwendter in der Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG APAK), in der Grazer Autorenversammlung, deren Präsident er seit 2006 war, und als Präsident der Erich Fried Gesellschaft (2001-2005). Er verfasste als leidenschaftlicher Esser eine Sozialgeschichte der europäischen Gastronomie und lud alljährlich zum Katzenkarneval. Ein Fixpunkt in seinem Leben war das von ihm mitbegründete Open Ohr Festival in Mainz, das bis heute Musik und Texte zur aktuellen Lebenswelt verbindet und damit Tausende Besucher anzieht.
Wenn ein Weiterleben im materialistischen Sinne in der Anwendung von weitergegebenem Wissen besteht, so lässt sich sagen: Mit seinen Ideen und Anregungen wird Rolf Schwendter noch viele Jahre unter uns weilen.

Gerald Jatzek / 20.08.2013