Keiner weiß, wann Pessach ist

«Unendliches Gespräch» Nr. 4 zwei Frauen des Theaters über jüdische Identität und Antisemitismus

Die Kabarettistin, Autorin und Kommunikationstrainerin Jenny Simanowitz trifft auf die Regisseurin, Theaterleiterin und kulturpolitische Aktivistin Eva Brenner. Was sie eint: Beide sind notorisch kritische Protagonistinnen des «anderen Theaters». Ihr «Unendliches Gespräch» erscheint in unregelmäßigen Abständen im Augustin ein Projekt zur Selbstverständigung, das auch offen ist für Zurufe Dritter. In der Ausgabe 312 standen Kategorien wie «postmigrantisches» Theater zur Debatte; im 315er-Heft ging es um die Frage, ob es politisches Theater im revolutionären Sinn auch in hochkulturellen Räumen geben kann; im 319er um die Frage, warum es in Österreich die Freaks so schwer haben. Die Ressentiments gegen «die Anderen» sind im Folgenden Schwerpunktthema.
Julia Krenmayr / 03.09.2012
Jenny Simanowitz: Es gibt in Österreich ein neues Gesetz zu den jüdischen Schulen. Bisher hat der Staat definiert, was die jüdische Schule ist. Nun können das die Juden und Jüdinnen selbst definieren. Was einen Konflikt zwischen den liberalen und konservativen Juden und Jüdinnen schafft. Die orthodoxen Juden und Jüdinnen haben ja eine ganz andere Idee davon, was ein Jude, eine Jüdin ist. Ich bin eine der Jüdinnen, die sich nicht von der Kultusgemeinde vertreten lassen. Im Gegensatz zu Ländern wie USA, England oder Südafrika, wo es eine Hegemonie der liberalen Juden gibt, dominieren in der Wiener Kulturgemeinde die Orthodoxen. Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Ein jüdischer Freund hatte folgende Erklärung: Es stellte sich heraus, dass die aus Wien vertriebenen Juden auch nach dem Sturz des Nationalsozialismus unerwünscht blieben. Sie kamen also aus England, Amerika und so weiter nicht zurück. An ihrer Stelle kamen Juden und Jüdinnen aus Osteuropa. Sie waren in der Regel politisch rechts, fundamentalistisch und orthodox. Und darum haben wir diese Situation in Österreich: das Fehlen einer breiten Schicht des liberalen Judentums.

Eva Brenner: Ich habe als «Halbjüdin» zur jüdischen Community gar keine Beziehung, zur Tradition und Geschichte hingegen eine romantisch-verklärte bzw. sehnsüchtige. Ich bin weder jüdisch noch katholisch aufgewachsen. Gott sei Dank mein Vater hat die Kirche abgelehnt.

Jenny Simanwitz: Womit identifizierst du dich?

Eva Brenner: Ich identifiziere mich mit dem Anders-Sein. Ich bin ja mit 23 mehr oder weniger ausgewandert. Unbewusst habe ich stellvertretend für meinen Vater, glaube ich, das Exil angetreten; ich hatte mir gewünscht, dass Vater sich für die Diaspora entscheidet. Er hat sich das nicht getraut oder wollte das nicht. Er ist in einem militärischen Internat aufgewachsen, wurde auf Militarismus getrimmt und er war blond und blauäugig. So konnte er die Papiere so manipulieren, dass unsere Familie keine Schwierigkeiten hatte. Meine Mutter behauptet, sie habe nie darüber etwas erfahren. Sie kam im Alter von 10 Jahren zum Bund Deutscher Mädchen am Land. Mein Vater dagegen, zehn Jahre älter, hat sich bewusst entschieden, der SA beizutreten, ohne dazu gezwungen zu sein. Ich nehme an, er ahnte nicht, wohin das alles führen werde. Ich fühle mich dem Judentum sehr nahe, aber eher kulturell. Ausgewandert bin ich, um den Faden wieder aufzunehmen. Ich habe in Amerika eigentlich erst gelernt, was es bedeutet, Jüdin zu sein. Ich habe mit Juden und Jüdinnen gearbeitet sowohl in der Universität als auch in der politischen Bewegung und im Theater. Alle meine Lehrer in Amerika waren Juden und Jüdinnen und die meisten waren deutscher, österreichischer oder polnischer Herkunft. Die haben mich geprägt, von meinem 23. bis zum 40. Lebensjahr.

Jenny Simanowitz: Was mich erschüttert, ist, wie wenig die Österreicher_innen wissen über das Judentum. Gar nichts. Ich habe amerikanische Freund_innen, die mich erinnern, dass Pessach ist. Sie wissen das wie selbstverständlich, obwohl sie keine Jüd_innen sind. Sie lernten das in der Schule. Welche_r Wiener_in weiß, was und wann Pessach ist? In Österreich bemerke ich eine Verschlossenheit nicht nur gegenüber dem Judentum, sondern gegenüber allem, was anders ist. Woher kommt dieses Desinteresse, meinst du? Ich bin Ausländerin, ich habe wahrscheinlich einen anderen Blick als Menschen wie du, die hier aufgewachsen sind.

Eva Brenner: Ich versuche einmal in meiner Erinnerung zu kramen. Zunächst aber will ich anmerken: Dass wir kein liberales Judentum haben, hat damit zu tun, dass wir kein liberales Bürgertum haben, das ist durch den Nationalsozialismus dezimiert worden. Das liberale Bürgertum war in Österreich immer eine dünne Schicht, es konnte sich erst Ende des 19. Jahrhundertrs entfalten, als auch Juden die Freiheit erhielten, bestimmte Berufe zu ergreifen. Es blieb keine Zeit mehr für die Entwicklung einer relevanten liberalen, intellektuellen Schicht, und schon gar nicht für ihre tiefe Verankerung. Nach dem Nationalsozialismus hat man die vertriebenen Juden, die einen Großteil des liberalen Bürgertums gestellt hatten, nicht zurückgerufen, im Gegenteil, man hat sie abgeschreckt. Die Devise schien zu sein: abwarten, bis sie so alt sind, dass sich unsere «Gastfreundschaft» erübrigen würde. Das ist ja großteils gelungen. (Ich glaube, das hat eine totale kulturelle und in dem Fall auch eine politische Lücke hinterlassen. Liberalismus oder Liberalität im Alltag das konnte sich in Österreich nicht entwickeln. Obwohl ich der Politik Heide Schmidts kritisch gegenüberstehe, muss man doch schätzen, dass sie sich mit dem Liberalen Forum bemüht hat, diese Lücke zu füllen. Es ist ihr nicht gelungen. Es gibt dafür keinen Humus, es ist nicht mehr da.

Jenny Simanowitz: Ich finde deine Bemerkung über die Liberalisierungsgesetze interessant. Das erinnert mich an den «Hasen mit den Bernsteinaugen», das Buch eines Engländers, der die Geschichte seiner Familie erforscht, der Familie Ephrussi, eine der reichsten jüdischen Familien in Europa. Die Wiener Dependance der Familie war das Palais Ephrussi am Schottenring, gegenüber der Universität, wo früher Casinos Austria beherbergt war. Die Familie konnte sich mit den Rothschilds vergleichen. Wegen seines und anderen Palais des jüdischen Geldadels wurde die Ringstraße damals Zionstraße genannt. Der Neid der Wiener_innen auf die Juden und Jüdinnen äußerte sich darin, dass ein Abgeodneter im Reichstag Schussprämien für die Tötung von Juden und Jüdinnen fordern konnte. Der Kaiser aber verwies die Antisemiten in ihre Schranken, und so sind die Ephrussi kaisertreu. Und sie bleiben auch unter Schuschnigg überzeugte Österreicher_innen; sie unterstützen die Propaganda des Austrofaschisten finanziell. Das hat ihnen nichts genützt, 1938 ist der Wiener Mob in das Palais eingedrungen. In Österreich von Neoliberalismus zu sprechen, hat Ironie, denn wo es Neoliberalismus gibt, gab es vorher Liberalismus, in Österreich eben nicht. Ich weiß natürlich, dass es sich um eine internationale Bezeichnung für ein Wirtschaftssystem handelt, das hat nun mit dem urbanen, bürgerlichen Liberalismus nichts zu tun.

Eva Brenner: Es taugt jedenfalls zum Wortspiel. Ich erinnere mich an die Debatten mit Peter Kreisky: Warum ist dieses österreichische Volk, das aufgrund der multikulturellen Geschichte des Landes eigentlich offen sein sollte, weil es zur Integration so vieler Kulturen bereit war warum ist dieses Volk so ausgrenzend, so speziell antisemitisch geworden? Wie kam es, dass gerade Österreicher zu den brutalsten Schergen und Lagerkommandanten wurden? Die subalterne Grundhaltung der Österreicher_innen, so überlegten wir, reicht zurück bis zu den Bauernkriegen. Hier ist das Genick dieser Gesellschaft gebrochen worden. Die Reformation war zwar sehr stark umso stärker hat die Gegenreformation zurückgeschlagen. Dieser triumphierende Katholizismus wurde die Basis dieser Kultur des Untertanentums, des normiertes Verhaltens, der Unterdrückung der Frau, der Ausgrenzung, der Standespolitik und der Kontrolle. Die Liberalisierung konnte also nicht aus der Mitte dieser konformistischen Gesellschaft kommen. Ich nehme an, dass der unglaubliche Aufbruch rund um die Jahrhundertwende, den wir heute Jugendstil nennen, den wir mit Klimt, Schiele und Otto Wagner assoziieren, ohne den Beitrag der jüdischen Intellektuellen nicht möglich gewesen wäre. Österreich wirbt mit dieser Aufbruchsepoche. Doch die Österreich-PR erwähnt nirgends, dass es sich im Grund um ein primär von jüdischen Künstler_innen und Intellektuellen geschaffenes Wien handelt. Ich besuchte kürzlich die sehr kritisch zu betrachtende Schiele-Ausstellung in Neulengbach. Hier bin ich aufgewachsen, hier realisierte ich mein Schiele-Projekt. Die Gemeinde wollte das nicht, organisierte ihr eigenes Schiele-Fest. Die Ausstellung ist brav und nett und historisierend aufbereitet, es kommt kein einziges Mal irgendein politisches Wort vor, es wird auch keiner der jüdischen Großsponsoren genannt, von denen Schiele ja viele hatte. Das heißt, der gesamte Themenbereich ist ausgeschlossen. Das ist eine Geschichtsklitterung, die ununterbrochen stattfindet. Ich glaube, dieser Gesellschaft ich zitiere jetzt den Peter Kreisky ist ganz früh und unwiderruflich das Genick gebrochen worden. Die Juden und Jüdinnen aber haben sich nicht brechen lassen, trotz Verfolgung, trotz Diaspora. Meine Schwiegertochter, eine Amerikanerin, die in Berlin lebt, fragte mich einmal, ob die Österreicher_innen darüber trauern, dass ihre größten intellektuellen Schätze ausgerottet sind. Was würdest du dazu antworten?

Jenny Simanowitz: «Ausgeschlossen» ist für mich eine Art Schlüsselwort. Liberal sein war ein Schimpfwort in Südafrika: Wir Liberalen wollten eine totale Sozialrevolution. Hier in Wien meint man damit eher «Leben und leben lassen». Mir würde in Wien eine so verstandene Liberalität schon genügen. Vielleicht ist der liberale Mensch ein nicht sehr politisch aktiver Mensch, aber er sagt immerhin: «Homosexuell? Na und? Schwarz? Na und?» Ein solche liberale Haltung fehlt in Österreich, und wahrscheinlich hast du recht: Es stammt vom Katholizismus. Ich nehme Österreich wahr als eine ausschließende Gesellschaft. Ausgeschlossen wird gerne alles, was von der Norm abweicht, von allem, was nicht die Norm ist.

Aufgezeichnet im Café Jelinek von Julia Krenmayr.
Julia Krenmayr / 03.09.2012