Kleine Sprache, große Wirkung

Der Schriftsteller Drago Janar misstraut dem Frieden

article_1602_jancar_180.jpg Er gilt als berühmtester lebender Schriftsteller Sloweniens. Seine literarischen Arbeiten wurden in viele Sprachen übersetzt. Drago Janars bisheriges literarisches Werk zeigt, dass so genannte «kleine Sprachen» proportional größere in ihrer literarischen Schaffenskraft in den Schatten stellen können! Ende September war Drago Janar zur Präsentation seines neuesten Buches «Drevo brez imena/Der Baum ohne Namen» in Wien.
Andreas Novoszel / 03.11.2010
Orientierungslosigkeit, historische Dekonstruktion von Zeit und Raum sind im Roman «Der Baum ohne Namen» Leitmotive der Erzählung. In einem Supermarkt verliert sich die fragile Identität von Janez Lipnik in den Abgründen der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Romanfigur Lipnik, Archivar und Soldat wider Willen, gerät zwischen die Fronten des slowenischen Freiheitskampfes des 20. Jahrhunderts und in die der Kriegsgeschehnisse nach dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens. Drago Janar lässt den Protagonisten Janez Lipnik auf einen kahlen Baum ohne Namen klettern, von diesem herunterfallen und den Verstand verlieren.

Aleksij, ein Offizier der slowenischen königlichen Armee, kämpft gegen die Partisanen, Zala, die Lehrerin, gegen die tradierte katholische Scheinmoral in einem kleinen slowenischen Dorf. In diesem Albtraum wird sich der Archivar Janez Lipnik seiner Erotik gewahr, «die straffen Schenkeln der Lehrerin» lassen ihn einen Augenblick lang seine ausweglose Lage vergessen. Dieser Lichtblick des Erotomanischen als Verdrängungsdroge erweist sich jedoch als Fata Morgana, die ihn gemeinsam mit den Ereignissen der Vergangenheit verschlingt. Die Leserin, der Leser wird durch den fein komponierten spannenden Erzählstil von Drago Janar und von Daniela Kocmuts aus dem Slowenischen ins Deutsche übertragenen Roman in den Sturm der Geschehnisse gezogen.

Drago Janar misstraut der so genannten Friedenszeit! «Mir je vojna» «Friede ist Krieg»! Der 1948 in Maribor/Marburg geborene Autor europäischen Ranges kritisiert in seinen literarischen Arbeiten den überbordenden Kapitalismus als «Krieg im Frieden jeder gegen jeden!» In unserer unsozialen, pseudodemokratischen Ordnung, wo Unrecht zu Recht wird, sieht Drago Janar nicht nur für die Endsolidarisierten, sondern auch für die Slowenen insgesamt eine Herausforderung: «Denn wenn es uns nicht gelingt, unsere Identität und Sprache zu erhalten und weiterzuentwickeln, sind nicht die anderen, sondern wir selber schuld!»

Drago Janar stellte sein neuestes Buch vor kurzem in der Wiener Zentralbibliothek vor. Als slowenischer Autor sieht er sich traditionell mit Wien und Österreich verbunden: «Slowenische Intelektuelle wie Ivan Cankar oder Joe Plenik haben in Wien gewirkt.» SlowenInnen leben u. a. auch in der Region von Triest , in Ungarn, in Kärnten/Koroka und in der Steiermark/tajerska. Slowenische Autoren aus diesen Ländern werden auch in Slowenien anerkannt, sagt Drago Janar, und erwähnt unter anderen Florian Lipu, einen kärntnerslowenischen Autor, und den Doyen slowenischer Literatur, Boris Pahor aus Italien.
Die Kärntner Slowenen erwarten sich für ihre Forderungen nach Erfüllung des Staatsvertrages von 1955 unter anderem das Errichten der erforderlichen mehrsprachigen topografischen Aufschriften sowie mehr Unterstützung durch den Staat Slowenien. Drago Janar zur Frage der zweisprachigen Topographie: «Die sogenannte Mehrheit sollte in einem demokratischen Rechtsstaat der sogenannten Minderheit diese Deklaration der Topografie in der jeweiligen Muttersprache aus freien Stücken geben und sagen: Wir freuen uns, dass ihr da seid!»

Dem von Sprachwissenschaftlern prognostizierten Verschwinden «kleiner Sprachen» sieht Drago Janar gelassen entgegen: «Wenn es uns unter schwierigen politischen Verhältnissen möglich war, die slowenische Sprache und Kultur zu erhalten, kann es auch in Zukunft gelingen!» Er erzählt die Anekdote über einen schottischen Sprachwissenschaftler, der einem slowenischen Kollegen als «schlechte Nachricht» prognostizierte, dass in 100 Jahren die slowenische Sprache verschwunden sein werde, und denselben mit der «gute Nachricht» beruhigte, dass dann auch die deutsche Sprache verschwunden sei.




Info:
Drago Janar, Der Baum ohne Namen. Folio Verlag, Wien/Bozen 2010.
Der Autor liest am Samstag, dem 6. November, um 16.15 Uhr im Rahmen von «Jugoslavija revisited», einer Veranstaltungsreihe der Alten Schmiede, im Theater Odeon, 1020, Taborstraße 10. Eintritt frei.
www.alte-schmiede.at

Andreas Novoszel / 03.11.2010