Linksrustikaler Demonstratenser

Vincenz Wizlsperger vom Kollegium Kalksburg über Musik und Politik

article_1417_wizlsperger_180.jpg Einmal im Monat, bis zu Sommerpause, steht im Porgy ein musikalisches Pantscherl zwischen begnadeten Jazzern und den drei Wienerlied-Dadaisten des Kollegium Kalksburg auf dem Programm. Der nächste Termin: Freitag, 29. Jänner. Kalksburg-Sänger Vincenz Wizlsperger, Meister des Understatements: «Ausnahmemusiker werden in dieser Reihe den schwierigen Versuch unternehmen, uns drei Vorstadtschlurfe behutsam in die Welt des Jazz und der Musik einzuführen.» Im Augustin-Gespräch gings freilich nicht nur um Musik
E.M. Hinterwirth, Sabina König, Vene Mayr / 13.01.2010
Manche Konzerte gelingen, manche nicht aus der Sicht des Publikums. Wie macht man gute Konzerte?
Manchmal sind die Voraussetzungen ideal, und es wird ein schlechtes Konzert, manchmal sind die Voraussetzungen nicht optimal, und es wird ein gutes Konzert. Das hat viel zu tun mit der Auflehnung gegen die äußeren Umstände, man ist wütend und man hat plötzlich wieder die Energie eines 20-Jährigen. Wenn man allerdings langweilige Perfektion vorfindet, kann das ein genauso langweiliges Konzert bedeuten. Das heißt aber nicht, dass ich mir nicht immer perfekte äußere Bedingungen wünschen würde.
Was bringt dich zum Nachdenken? Was interessiert dich politisch so, was ärgert dich? Oder, anders gefragt: Möchtest du manchmal die Welt verbessern?
Irgendwie habe ich die Erfahrung gemacht, dass eh niemand drauf hört, wenn ich was Gscheites sag abgesehen davon, dass ich nicht viel Gescheites zu sagen habe und darum überlege ich mir mittlerweile auch nichts mehr. Ich versuche möglichst wenig wahrzunehmen von der Welt. Die schrecklichen Dinge erfährt man sowieso. Ich habe seit einigen Jahren keinen Fernseher mehr. Ich bin ein Suchtmensch früher habe ich angefangen, Vorabendserien zu schauen. Am Anfang hab ich mich aufgeregt, weil alles so manipulativ ist. Aber nach einem Jahr hat mich nichts mehr gestört, da hat die Gehirnwäsche schon Wirkung gezeigt. Alles, was mich vorher aufgeregt hat, war mir dann vollkommen wurscht. Serien wie Eine himmlische Familie sind die reine Gehirnwäsche. Man hat jetzt oft den Eindruck, das die Emanzipationsbewegung einfach vom Tisch gewischt ist, nur durch die Modeindustrie und die Kosmetikindustrie. Wenn ich mir anschaue, wie sich manche 14-jährige Madln heute anziehen! Die Werbung ist ziemlich mächtig, seit sie entdeckt hat, dass Kinder auch Taschengeld bekommen das sind Rückschläge.
Die Jugend ist schon vifer geworden, als wir es waren, wir sind wesentlich weniger aufgeklärt gewesen, auch politisch. Aber ich komme ja auch aus der Provinz. Wo bist du aufgewachsen?
Bis zu meinem 18. Lebensjahr bin ich im Weinviertel aufgewachsen, in Wolkersdorf. Ich bin 1963 geboren, also bin jetzt 46, und lebe seit meinem 20. Lebensjahr von der Musik. Damals sehr schlecht und jetzt besser. Meine Eltern hatten in Wolkersdorf eine Kaffee-Konditorei, und die hätte ich übernehmen sollen. Ich hab im elterlichen Betrieb eine Zuckerbäcker-Lehre gemacht und abgeschlossen mit der Gesellenprüfung. Da hab ich aber schon gewusst, dass ich das nicht machen will. Ich bin dann nach Wien und wollte Makramee-Blumengehänge machen.
Was ist das?
Makramee, das war damals sehr modern ... Man knüpft das aus Hanfschnüren oder so, und da kannst du dann einen Blumentopf reinhängen. Dazu kam es aber nie, ich habe es nie gelernt. Also hab ich mich arbeitslos gemeldet. Und dann war ich eine Nullidentität im Gemeinwesen. Das hab ich als ungerecht empfunden. Die Studenten können gratis mit der Straßenbahn fahren und kriegen Kinderbeihilfe und sind versichert und so, und ich war genauso arm und hab nichts gekriegt. Und so bin ich auf die Idee gekommen, Musik zu studieren und habe dann die Aufnahmeprüfung für Kontrabass gemacht.
Auf einer Akademie?
Am Schubert-Konservatorium. Bei der Aufnahmeprüfung hat der Kontrabasslehrer am Klavier irgendwas gespielt, und ich habe dazu spielen müssen. Dann hat er mich gefragt, warum ich das machen will. Und ich hab wahrheitsgemäß gesagt: Wegen der Kinderbeihilfe, und damit ich versichert bin und umsonst mit der Straßenbahn fahren kann. Das hat ihm gefallen.
Hast du dort auch was gelernt?
Na sicher. Wenn man jahrelang in der Kantine vom Konservatorium herumsteht und sich vom Lehrer einladen lässt, lernt man auf jeden Fall irgendwas.
Und seither lebst du von der Musik.
Ja, da gabs die Erste Wiener Cajun Combo, und danach sechs Jahre zu dritt Franz Franz and the Melody Boys. Und dann waren wir zwei Jahre zu viert, da hat der Paul Skrepek, der jetzt bei uns Kontragitarre spielt, Schlagzeug gespielt.
Habt ihr schon immer Wienerlieder, Dialektlieder gemacht?
Nein, damals englische Sachen.
Also eher Blues, rockige Sachen?
Die Wurzel war der Blues, aber es wurde dann ganz was anderes. Der Sterzinger spielte Akkordeon und der Ditsch Fagott und ich habe die Tuba geblasen, also es hat schon irgendwie sehr komisch geklungen.
Ist das Kollegium Kalksburg so etwas wie die Verdichtung, die Quintessenz des bisherigen? Hat es sich logisch dahin entwickelt?
Nein, eine logische Entwicklung würde ich es nicht nennen, aber auf jeden Fall profitieren wir sehr davon, was wir in den acht Jahren Franz Franz gespielt und gelernt haben. Um meine biografischen Daten abzuschließen: Letztlich hat mein Bruder dann das elterliche Café übernommen. Weil er einen Konzessionsträger für die Konditorei brauchte, habe ich dann, mitten in diesem Spielen und Herumfahren, die Meisterprüfung gemacht.
Du wurdest Konditor-Meister?
Ja, daher rührt meine Herzschwäche, ich habe einen Herzfehler seither, weil diese Prüfung so anstrengend war.
Im Ernst?
Ja, bei der Musterung hab ich schon einmal einen Herzfehler gehabt, der dann leider bei der zweiten Untersuchung nicht mehr da war. Aber jetzt kommen wir schon in das Alters- und Gesundheitsthema.
Hast du oder hattest du ein Vorbild?
Vorbilder haben nur dann Sinn, wenn man etwas Eigenes daraus macht. Ich kann nie Qualtinger oder Waits kopieren, aber ich kann aus diesen Einflüssen etwas machen. Letzten Endes hab ich die Stimme, die ich habe. Ich könnte sie mehr pflegen und trainieren, aber ich würde dann auch nicht klingen wie der Qualtinger.
Ist es dir ein Anliegen, aus dem Wienerlied etwas zu machen?
Ein Anliegen? Wenn ich deutsche Texte singen müsste, müsste ich die Sprache trainieren, denn meine Sprache ist der Dialekt und der würde dann immer durchklingen. Oder man singt ein Pseudo-Hochdeutsch wie die Pseudo-Volksmusiker, was dann irgendwie so einen eigenen Klang hat, die klingen dann alle gleich, das ist eine eigene Sprache. Das wäre vielleicht aber eh besser, denn so verdient man sehr viel Geld damit wenn man gut ist.
Was verdient man als Wienerlied-Sänger?
Im Prinzip das, was man sich durch Auftritte erspielt. Also, der Plattenverkauf ist zwar bei uns gar nicht so übel, damit sind wir gar nicht so unzufrieden. Damit finanzieren wir aber eigentlich die nächste Platte. Das Geld, das wir uns zum Leben verdienen, erspielen wir mit unseren Auftritten.
Die Wirtschaftskrise trifft euch nicht?
Wirtschaftskrise das ist ein Reizthema! Inzwischen weiß man, dass keine Lehren daraus gezogen wurden. Dass Geld nach wie vor sehr fleißig arbeiten und alle dabei ins Unglück stürzen kann, das wird in Zukunft auch so sein ... Das ist etwas, was man prinzipiell in Frage stellen muss. Aber die Konsequenzen daraus zu ziehen traut sich kein Mensch, denn es bräuchte eine vollkommen neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.
Kannst du dir vorstellen, dass es ein System außerhalb des herrschenden gibt? Ein anderes?
Nur vorstellen?! Das wäre wünschenswert, weil so ziemlich alles falsch läuft. Am meisten geht mir auf die Nerven, wenn im Mittagsjournal die Chefs von Wirtschaftsforschungsinstituten ihren Senf dazugeben. In der einen Woche heißt es, nächstes Jahr schaut eigentlich ganz gut, wir haben ein Prognose von plus 1,5 %. Und in der nächsten Woche heißt es, nein, es schaut nicht so gut aus, nächstes Jahr werden wir doch viele Arbeitslose haben und vielleicht ein stagnierendes Wachstum oder ein Minus-Wachstum. Ich frage mich, womit verdienen die ihr Geld? Diese Prognosen sind vollkommen unnötig! Was kann man für Lehren daraus ziehen? Keine! Das sind hoch bezahlte Institute, die meist nicht einmal einig sind in ihren Prognosen.
Würdest du was ändern, wenn du politischen Einfluss hättest? Oder hast du irgendeinen Einfluss auf irgendwas?
Nein, wo, wie?
Protestierst du, argumentierst du in deiner künstlerischen Äußerung?
Na ja, du kennst ja ein bisschen, was wir machen. Das ist vordergründig nicht politisch. Ich halte das nicht für ausdrücklich politisch, aber natürlich ist es nicht unpolitisch, denn es ist schon Politik, so etwas zu tun. Mit unseren großartigen Fähigkeiten, die wir alle haben, könnten wir durchaus mehr Geld verdienen. Aber das ist ja auch eine Entscheidung. Sich für diese Lebensform zu entscheiden ist höchst politisch. Und damit habe ich eigentlich eh schon genug zu tun.
Fühlst du dich eher links oder mehr liberal?
Liberal ist so schwammig, da sag ich sicher nicht liberal, eher links, wobei das wahrscheinlich auch nichts mehr heißt heutzutage. Aus der Sicht eines FPÖ-Politikers bin ich wahrscheinlich ein linksrustikaler, pseudo-pazifikischer Berufsdemonstratenser.

Info:

Fr., 29. Jänner, 20:30 Uhr, Porgy & Bess
E.M. Hinterwirth, Sabina König, Vene Mayr / 13.01.2010