Manchmal sollte man siegen dürfen

«Am Vorabend einer Katastrophe»: Konstantin Wecker im Augustin-Gespräch

article_2383_buch_180.jpg Der Musiker und Autor Konstantin Wecker ruft zur Revolte gegen die undemokratischen Auswüchse neoliberalen Wirtschaftens auf - ein Plädoyer für Mitgefühl und Solidarität. Nicht das Privateigentum, sondern das Perverseigentum sei die Crux der Welt, meint er im Augustin-Gespräch.
Gerhard Scholz / 14.11.2013

Du hast gemeinsam mit deinem Freund und Kollegen Prinz Chaos in diesem Herbst einen «Aufruf zur Revolte» veröffentlicht. Wo brennt's?

Überall, es brennt überall. Seit einiger Zeit empfinde ich die gesellschaftlich-politische Situation als äußerst bedrohlich. Das haben wir auch bei den Wahlen in Deutschland gesehen: Es wurden nur Parteien gewählt, die derselben Ideologie dienen, einzige Ausnahme ist «Die Linke». Aber ansonsten hat sich die neoliberale Ideologie in einer Art und Weise durchgesetzt, wie man es sich 1973, als sie unter der Diktatur Pinochets in Chile das erste Mal eingesetzt wurde, gar nicht hat vorstellen können. Und obwohl dieser Versuch in Chile gescheitert ist, hat sich dieser Neoliberalismus in der Folge über die ganze Welt ausgebreitet.

Welche seiner Auswirkungen siehst du als besonders bedenklich an?

Eine verschwindend kleine Minderheit, wir nennen es immer das «eine Prozent», konnte sich dadurch immens bereichern. Aber der Großteil der Arbeitnehmer wurde total verunsichert, so, dass die jetzt nicht einmal daran denken, dagegen aufzubegehren oder sich zu empören, weil sie panische Angst davor haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Und es wurden demokratische Rechte, die über viele Jahrzehnte aufgebaut worden sind, in kürzester Zeit zerstört. Vor ein paar Monaten sind Prinz Chaos und ich nach einem Konzert in der Garderobe gesessen, und beide hatten wir ganz intuitiv das Gefühl, wir sind am Vorabend einer Katastrophe.

Ihr schreibt, es sei schon der Verwesungsgeruch in den Parlamenten merkbar. Stirbt die Demokratie langsam ab?

Unsere Politiker sind gar nicht mehr in der Lage, gegen den Willen der wirklich Mächtigen, gegen die Konzerne und gegen die Banken, auch nur in irgendeiner Weise Politik zu machen. Sie sind völlig abhängig davon. Und der Vorstand der Deutschen Bank oder der von Nestlé wird ja nicht demokratisch gewählt, die sind hierarchisch und profitorientiert organisiert, ohne Verpflichtung dem Allgemeinwohl gegenüber. Diese Vorstände haben alle die private Telefonnummer von Frau Merkel, und wenn den Herrschaften irgendetwas politisch zuwiderläuft, dann genügt ein Anruf, und die Sache wird geregelt.

Du meinst, der Neoliberalismus setzt demokratische Strukturen außer Kraft?

Mehr noch: Wir sind in einer Situation, wo man das Gefühl hat, wir geraten in eine Diktatur hinein. Natürlich sieht diese Diktatur völlig anders aus als der Braunhemden-Faschismus vor 60 Jahren, das ist heute eine viel subtilere Angelegenheit. Und sie bemäntelt sich auch noch mit dem Wort Demokratie. Ich will nicht sagen, dass wir keine mehr sind, aber wir laufen Gefahr, alle demokratischen Rechte zu verlieren. Und das ist es, warum es so brennt.

Wogegen sollen die Menschen deiner Ansicht nach also revoltieren?

Gegen die Entsolidarisierung und das mangelnde Mitgefühl, gegen Verluste von demokratischen Rechten der Arbeitnehmer und gegen diese grausame Form von Hartz IV, weil Hartz IV unmenschlich ist und niemand davon leben kann. Und wir müssen dagegen demonstrieren, dass die Demokratie ausgehöhlt wird, weil Konzerne bestimmen, die nicht demokratisch, sondern hierarchisch geführt werden. Es geht mir gar nicht um ein neues Modell für die Welt, ich will einfach nur die Demokratie bewahren und wiederbeleben.

Unterm Strich ist es aber natürlich auch eine Verteilungsfrage.

Klarerweise muss die Frage nach privatem und öffentlichem Eigentum gestellt werden, aber wir rufen nicht zum allgemeinen Kampf gegen das Privateigentum auf. Allerdings sind wir der Ansicht, dass über alles, was allgemein benötigt wird, auch allgemein verfügt werden sollte, beispielsweise über angemessene Wohnungen, öffentliche Verkehrsmittel oder ein gutes Gesundheitssystem. Aber wir sind gegen die irrwitzige Ansammlung von horrenden Vermögen bei einigen wenigen Reichen. Das Problem ist nicht das Privateigentum, sondern eben dieses Perverseigentum. Es heißt immer, es sei kein Geld mehr da und wir müssten sparen. Das ist eine große Lüge, das Geld ist ja da, es ist nur woanders.

Wo zum Beispiel?

Wir sehen das in Österreich und Deutschland zum Beispiel in den Städten, wo in den schönsten Vierteln die Mieten immer teurer werden, so teuer, dass nur mehr die ganz Reichen sie sich für ihre Zweit- und Drittwohnungen leisten können. In München gibt es schon einige solche Reichen-Ghettos, abgesperrt und mit Security gesichert, damit nur ja kein Falscher Zutritt findet, und oben hast du dann Dachgeschosswohnungen um drei bis vier Millionen Euro, wo dann zwei- oder dreimal im Jahr überhaupt jemand da ist.

Manche Leute würden sagen: eben hart erarbeitet.

Ja, würden sie sagen, das ist aber Blödsinn. Das läuft ja so: Die meisten dieser Banker und Spekulanten arbeiten mit virtuellem Geld, das nie einen Gegenwert hat, aber dann kriegen sie am Ende des Jahres ein paar Millionen Euro Bonus, und dieses Realgeld setzen sie dann in konkretes Eigentum um. Wenn das so weitergeht, werden wir die schönsten Plätze der Erde an private Eigentümer verlieren. Und auch dagegen müssen wir revoltieren, gegen diese fortschreitende Privatisierung öffentlichen Gutes. Wie Jean Ziegler sagt: Wir sind zurückgefallen in eine Zeit des Feudalismus.

Wer sind nun also die Adressaten eures Aufrufs?

Es geht um die wenigen, die schon im Geist der Revolte unterwegs sind - denen wollen wir mit unserer Botschaft Mut machen. Die meisten Reaktionen kommen von Menschen, die sagen: Das erleichtert mich, zu sehen, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass immer weniger Leute auf die Straße gehen, dass aber im Netz eine große Community entsteht. So wie auch die Aktionen in Kairo und in Istanbul von einer derartigen Vernetzung mitgetragen wurden. Wie ich meinen Blog gegen Obama geschrieben habe, in dem ich ihm die moralische Kompetenz zum Angriffskrieg abgesprochen habe, haben das 350.000 Leute im Netz gelesen.

Habt ihr Vorschläge, welcher Methoden sich die Revolte bedienen soll?

Arno Grün schreibt in seinem neuen Buch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die ausschließlich von der Ratio ausgehend sich ihre Wirklichkeit geschaffen hat, dabei aber vergessen hat, diese Ratio anzubinden an Herz und Gefühl. Viele Menschen meinen ja, dass das immer schon so gewesen sei. Aber es ist kein Grundphänomen des Menschen, kein Mitgefühl zu haben. Kinder sind noch empathisch, aber das wird ihnen systematisch aberzogen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Empathie wieder eine Chance bekommt. Wir wollen eine Revolution der Liebe.

Zum Schluss: Was wollt ihr mit eurem Aufruf bewirken?

Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Dieses Lebensmotto von mir gilt auch für meine ganze politische Arbeit. Man muss nicht sofort immer etwas bewirken, aber man bezieht Position und sendet Signale aus, die bei vielen anderen Menschen ankommen. Im besten Fall machen sie Mut und sind noch für Generationen von Menschen erlebbar und nachvollziehbar. Aber wie der Prinz zu mir sagte, als wir es mit der Demonstration im dritten Jahr geschafft hatten, die Neonazis aus Dresden zu vertreiben, die ganz kläglich den Schwanz einziehen und wie geprügelte Hunde wieder zurück in ihren Zug kriechen mussten: «Manchmal ist es schon auch gut, wenn man siegt, oder, Konstantin?»


Der 50-seitige Text «Aufruf zur Revolte» von Konstantin Wecker und Prinz Chaos steht als PDF oder E-Book kostenlos als Download zur Verfügung.
www.wecker.de

 



Gerhard Scholz / 14.11.2013