«Meine Aura trägt ein sattes Gösser-Grün»

Wie das Schreiben bei Stefanie Sargnagel funktioniert

article_3807_sargnagel_esther_ojo_180.jpg

«Littérature terrible» könnte man das Genre nennen, dem Stefanie Sargnagel huldigt – und mit dem sie manchen alteingesessenen österreichischen Autor auf die Palme bringt.  Das Publikum des Bachmannpreises pries sie für ihren Humor und ihre Schlagfertigkeit. Die Autorin Lydia Haider hat sie gefragt, ob ihr Erzählbedürfnis jemals nachlassen wird, wie Archivar_innen ihre schnelllebige Internet-Literatur sichten sollen und wo sie einmal begraben werden möchte.

Foto: Esther Ojo


Lydia Haider / 22.11.2016

Ich wollte dich als Einstieg nach deiner Lieblingsfarbe fragen, hab dann aber in «Fitness» gelesen: «Meine Lieblingsfarbe ist alle Farben.»
Ja, weil das etwas ist, was Kinder so sagen ... Aber ich hab so was gar nicht – eine Lieblingsfarbe.
Welche Farbe hat deine Aura?
Dunkelgrün. Ja, ein sattes Dunkelgrün, nicht so ein Olivgrün, sondern eher ein Wirtshausdunkelgrün. Gösser-Grün.
Die Frage ist: die Frage. Welche Fragen stellt man dir noch?
Ja, nachdem ich immer gleich alles poste – was kann man da noch groß fragen? Ich erzähl eh alles über mich, die ganze Zeit eigentlich ...
Liest du den Augustin?
Ich muss sagen, früher habe ich ihn mir immer gekauft, als Schülerin. Komischerweise jetzt nicht mehr – das liegt vielleicht daran, dass es so viele Verkäufer und Verkäuferinnen gibt, dass ich mich nicht entscheiden kann, bei wem ich ihn kaufen soll. Früher gab’s halt den einen, bei dem ich ihn immer gleich gekauft hab, wegen der Strawanzerin, dem Gratisprogramm. Ich hab mir das regelmäßig angeschaut, denn ich hatte viel Freizeit – ich hab ja die Schule abgebrochen und in den Tag hineingelebt und geschaut, was es gratis in der Stadt gibt. Jetzt kann man das gut im Internet recherchieren, damals war das noch nicht so.
Mich interessiert dein Schreibprozess: Schreibst du überhaupt noch auf Papier?
Nein, nur die Cartoons, die ich mache, zeichne ich auf Papier, vor dem Computer. Wenn auf Lesereisen manchmal Zettel kaputtgehen, muss ich mit der Hand Sachen nachschreiben. Da merk ich, wie schwer mir das schon fällt und wie lang das dauert. Aber an sich schreib ich nichts per Hand. Ich bin ja extrem chaotisch, ich hätte eine Zettelwirtschaft, die sich bei mir nur vernudeln würde, verlieren, verschwinden. Auch viele meiner Originalzeichnungen hab ich irgendwo verramscht ...
Und keine Zettel, die du dann irgendwelchen Archiven vererben könntest?
Bei mir hat das ja mit der Posterei angefangen, weil ich gleich direkt mit den Leuten kommunizieren wollte. Das Bedürfnis, für mich selber etwas festzuhalten, war nicht da, ich hab auch nie Tagebuch geschrieben. Ich fühl mich zum Schreiben nur dann motiviert, wenn es jemand liest und sich davon unterhalten fühlt. So für mich, oder dass ich dann herum- oder ausprobier, mach ich nicht. Ich hätt auch null Bedürfnis danach – ich brauch immer gleich die Belohnung.
Hast du nicht Angst, dass das dann irgendwann weg ist, wenn’s nur im Netz ist?
Na ja, ich mach die Bücher. Man muss aber schon ein bisschen vorsichtig sein: Es kann ja sein, dass dein Account unwiderruflich gelöscht wird oder so ein Scheiß und dann ur viel weg ist.
Dein aktuelles Schreibprojekt, dein viertes Buch, sind keine Postings mehr.
Doch – ich habe zwar nach dem Bachmann-Ding an einen längeren, durchgängigen Text gedacht, aber ich würd da glaub ich wirklich Schwierigkeiten bekommen. Und viele Leute haben zu mir gesagt: Bleib doch bei dem, was du kannst! Ich denk mir: Das kann ich ja noch immer machen, wenn ich unbedingt will.
Der Bachmannpreistext hat aber super funktioniert.
Ja, aber ich finde meine kurzen Sachen trotzdem lustiger und besser. Und ich hab auch überhaupt kein Bedürfnis danach, so zu erzählen. Ich mag es gern, wenn man möglichst viel weglässt, schnell zum Punkt kommt und viel Witz dabei ist, weniger das Erzählerische und die Situation, in der man ins Detail geht.
Obwohl es – gerade in «Fitness» – auch längere Passagen gibt, die sehr ins Detail gehen.
Ja stimmt, das ist real und funktioniert, weil es so unvermittelt ist. Wenn ich das aber absichtlich mache, dann ist es nicht dasselbe – das ist dann so bemüht. Warum soll man nicht längere Zeit bei einer Form bleiben, wenn die passt? Mir fehlt da das Sitzfleisch: Ich finde daheim zu sitzen und zu schreiben ur langweilig, das mach ich nur bei Auftragstexten, und da bin ich dann auch immer fix und fertig danach. Manche Autor_innen lieben das ja, sich so wegzuspacen in eine Welt, aber ich hab immer eher das Gefühl, ich verpass was in der Zeit.
Aus meiner Erfahrung kann man ja auch einen längeren Text immer zwischendurch, immer irgendwo schreiben.
Ja, vielleicht sollt ich Ritalin oder so nehmen. Ich hab wirklich keine so lange Konzentrationsspanne. Aber ich nehm nicht so gern Tabletten – auch wenn’s vielleicht gesünder wär, als sich jeden vierten Tag anzusaufen.
Du arbeitest jetzt nicht mehr im Callcenter – fehlt dir die Arbeit dort als Input?
Eigentlich nicht. Das war auch nur im ersten Jahr interessant. Ich brauche immer ein bisschen Alltagsstruktur, deswegen fand ich den Job nicht schlecht. Aber jetzt hab ich genug zu erledigen. Wenn ich dann einen halben Monat Lesereise hab, hab ich natürlich nix zu erzählen, weil das monoton ist und fad und man nur von einem Termin zum anderen hetzt, man braucht dann schon auch wieder dieses Nichtstun und Herumsandeln.
Aber du postest in der Zeit?
Ja schon, aber nichts Fantasievolles. Ich poste dann immer aus Mitteilungsdrang, aber nichts besonders Lustiges. Und nach Lesungen sind dann oft ur strange Leute dabei, aber über die will ich einfach nichts schreiben, weil ich denk, die lesen das dann, und da werd ich gehemmt ... Und wenn, dann wär es so frisiert, um niemanden zu nahe zu treten – und dann ist es halt nicht mehr lustig. Wenn ich das machen würde, würde außerdem bald niemand mehr mit mir reden, weil alle verarbeitet werden in den Texten.
Oder erst recht: weil sie verarbeitet werden wollen.
Ja, das hab ich auch schon erlebt, wenn es heißt: Das schreibst du sicher jetzt über uns, oder? Und ich dann: Nein. Und dann sind sie fast enttäuscht.
Das Posten, dieses Mitteilen – ist das dann irgendwie wie reden?
Ja, ich schreib am meisten, wenn ich allein bin. Viele glauben ja und sagen, ich poste immer, und auch besoffen – aber das mach ich nicht, denn wenn ich trinke, bin ich ja mit den Leuten zusammen. Manchmal passiert’s dann aber doch, und das muss ich oft gleich löschen ...
Glaubst du, dass du irgendwann nicht mehr den Drang hast, dich so viel mitzuteilen?
Vielleicht hab ich irgendwann nicht mehr Lust, mich SO VIELEN Leuten mitzuteilen, weil ich schon mitgekriegt hab, dass es nervt, wenn dann so komische Kommentare kommen, von Leuten, die das gar nicht checken und mich nicht verstehen, so dass ich von vornherein keine Lust hab, das aufzuschreiben. Drum kann ich mir schon vorstellen, dass ich mich irgendwann zurückzieh.
Aber von Reaktionen lebt es dann doch, dein Schreiben ...
Ja, viele Leute schauen sicher auf die Seite, weil sie dann reagieren können. Aber ich hätt gern manchmal die Kommentarfunktion abgestellt. Früher, als es noch Subkultur war, kamen noch echt oft lustige Comments, und jetzt ist sehr viel Schwachsinn dabei, sodass selbst meine Freunde sagen, sie können das nicht mehr lesen, weil so viel Scheiß drunter steht, oder würden selber nichts mehr dazuschreiben wollen wegen dieser Kommentare. Es ist wie ein Zeitungsforum. Andererseits find ich’s ganz interessant, wenn ich so Pseudopolitisches poste und dann Rechte drauf anspringen und man nicht nur in seinem eigenen Saft köchelt.
Manche deiner Sachen sind sehr politisch.
Ja sicher, wenn mich gerade etwas stört. Aber als politisch engagiert würd ich mich nicht bezeichnen.
Und wenn du auf ein FPÖ-Fest gehst?
Ich bin halt immer gern auf komische Veranstaltungen gegangen, weil ich mir das gern angesehen hab, wie die Leute drauf sind. Einmal hätt im Fünften ein Suchtzentrum eröffnet werden sollen, da sind wir zum Stammtisch mit Gudenus, haben uns extra unauffällig angezogen, inkognito sozusagen. Es gab Freibier, und wir haben uns halt dazugesetzt und mit den Leuten unterhalten, einfach nur, weil’s interessant war. Millieustudie.
Geht das jetzt überhaupt noch – weil dich die Leute erkennen?
Ja, mich kennen die Rechten schon teilweise. Wobei – wenn ich meine Kappe nicht aufhätt, würden es viele auch nicht gleich checken, wer ich bin.
Wäre das eine Option?
Ja, aber ich bin da schon generell paranoider – und dann macht’s nicht mehr so viel Spaß. Obwohl: Letztens war ich am Viktor-Adler-Markt bei der Strache-Kundgebung, auch mehr aus Interesse, so ein bisschen sich am Grauen ergötzen, und da war ich mir sicher, dass mich fix irgendwer anspricht. Aber es war nicht – der Mob kennt mich dann eh nicht.
Gehst du dann hin, nur um zu schauen, oder willst du auch anecken?
Eigentlich nicht. Ich geh nicht hin, um zu provozieren, sondern um mir das zu geben, und vielleicht, weil es mich aufwühlt. Oder weil’s einfach arg ist. Weil die Leute echt arg sind, so emotionalisiert: Da sind Leute, die weinen, wenn sie alle irgendwas mit Österreich singen. Vielleicht ist es psychologisches Interesse.
Du findest dann immer eine sehr treffende Sprache.
Ich analysier das jetzt nicht so. Bei mir kommt das sehr impulsiv.
Aber das passiert in einer gewissen «Literarisierung der Rede», und dieses Redebedürfnis wird nicht nachlassen ...
Ja, das glaub ich nicht! Ich glaube, das ist mehr so eine Gehirnveranlagung. Außer, ich krieg einen Schlaganfall oder so.

Wo möchtest du einmal begraben sein?
Am Zentralfriedhof. Ehrengrab. Schade ist, wenn man so narzisstisch ist, dass man die eigene Beerdigung nicht miterlebt. 

Stefanie Sargnagel:
Binge Living. Callcenter-Monologe, redelsteiner dahimène edition 2013
In der Zukunft sind wir alle tot, mikrotext 2014
Fitness, redelsteiner
dahimène edition 2015
www.facebook.com/stefanie.sargnagel 


Lydia Haider / 22.11.2016