«Öl schwimmt immer oben»

Filmemacher Severin Fiala über seine Arbeit, die Filmakademie und «Onkel» Ulrich Seidl

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Severin Fiala dreht seit Kleinkindalter Filme, gründete als Teenager die Ölfim Productions und studiert seit 2005 Drehbuch bei Walter Wippersberg an der Wiener Filmakademie. Der Film «Elefantenhaut», den er zusammen mit Ulrike Putzer drehte, zeigt den drückenden Alltag Österreichs samt Altenpflege, tristen Firmenfeiern und einer dubiosen Elvis-Personifikation. Diese Darstellung regionaler Härte setzte sich auch auf internationalen Filmfestivals durch und schraubt die Erwartungshaltung auf Fialas nächste Arbeiten auf eine ordentliche Höhe.


Clemens Marschall / 01.06.2011

Severin Fiala, 1985 im niederösterreichischen Horn geboren, fackelte nicht lange herum: Schon im zarten Alter von vier Jahren hat er mit der Filmemacherei begonnen, «als Spiel», wie er selbst sagt: «Wir hatten eine Kamera, und damit haben wir unsere Zeit verbracht. Das ist nach wie vor mein Idealbild vom Filmemachen: Zeit mit Leuten verbringen, die man gerne hat. Und mit denen gemeinsam etwas entstehen lassen.» Zu seinen Filmkameraden zählten Bruder Valentin Fiala und Freund Nikolaus Eckhard. Spontaneität und die Freude am Machen waren die Eckpfeiler, in den Filmen konnte alles passieren: von inszenierten Action-Szenen über Alltagssituationen bis zur Improvisation. Fiala: «Das ist auch jetzt noch wichtig für mich. Wenn man die verschiedenen Wege des Filmemachens nicht verliert, macht es einfach mehr Spaß.» Die Eltern tolerierten das Filmschaffen der Youngsters eher, als es konkret zu fördern, so Fiala: «Die haben nicht gedacht, dass wir das vielleicht auch später wirklich machen wollen.» Wobei das in Fialas Familie gar nicht so abwegig wäre: Einer seiner Onkel ist Ulrich Seidl, der einschneidende, semi-dokumentarische Filme wie «Hundstage» und «Import Export» geschaffen hat. Ob «Onkel» Ulrich ein großer Einfluss in Fialas Jugend war? «Gar nicht, ich hab seine Filme lang nicht gesehen. Der war lang mit dem Großvater nicht gut und bei den Familienfesten nicht da. Es hat immer geheißen: Ja, der Onkel macht Dokumentarfilme, und ich habe mir was mit Tieren vorgestellt, so wie Universum.» Erst später, als Seidl doch wieder zu Familientreffen kam, hat Fiala die schonungslos-geniale Dokumentationsform des Onkels entdeckt. «Aber da war für mich schon lang vorher klar, dass ich Film machen will.» Als Teenager war er dann gelegentlich Babysitter bei seinem Onkel und verdiente sich neben seinem Taschengeld auch vertiefende Filmkenntnisse: «Da hab ich das Kind um acht ins Bett gebracht und mich dann durch seine Videosammlung gearbeitet, oft fünf Filme hintereinander angeschaut.» Auch heute ist es keine Seltenheit für Fiala, sich an einem Abend drei Filme anzusehen.

Immer mehr in das Filmschaffen vertieft, gründeten Severin und Valentin Fiala, Nikolaus Eckhard und Klaus Haidl 2003 die Ölfilm Productions eine skurrile Einheit, die bisher vier Filme gedreht hat. Warum der Name «Ölfilm»? Fiala: «Öl schwimmt immer oben.» Die Probe aufs Exempel sollte folgen, sagt er: «Wir wollten beim Shorts on Screen-Kurzfilmwettbewerb teilnehmen und haben uns gedacht, wir überschwemmen die jetzt mit Filmen. Jeder von uns vier sollte einen Film abgeben, im Endeffekt haben wir es nur auf zwei gebracht. Die Devise war: Nicht zu viel Zeit investieren, ein Tag musste reichen. Wir haben meinem Bruder drei Wörter gegeben und gesagt, mit denen müssen wir einen Film machen. Ich glaube das waren Blau, Gras und Samuraischwert.» Wie man nun bereits ahnen kann, sind die Ölfilme äußerst eigenartige Mischwesen: trashige Goldstücke, die mit Konventionen brechen und jegliche Erwartungshaltung aus dem Weg räumen. Den Handlungslauf vorauszuahnen ist schlicht unmöglich: Es gelten nur die eigenen Gesetze, und die folgen keinem greifbaren System. Mit Zitaten aus Western, Fantasy und Heldenepen in Low-Fi-Qualität kann etwa der Nachspann länger dauern als der eigentliche Film. Im Ölfilm «Paradise Frost» hört man Ö1-Sprecherin Mirjam Jessa aus dem Off verkünden: «Die Welt ist ein Meer aus Abschaum. Man kann in ihr nur überleben, indem man auf der obersten Abschaumkrone dahinsurft. Das mach ich. Ich bin Future Duke. Und mein Leben ist im Arsch.» Kostümierte Cowboys und -girls bewegen sich vor bizarren Kulissen in Eislaufschuhen. Future Duke wird von einer Dose geführt, die eine Mischung aus GPS und göttlichem Blechwesen ist. Hier wird der Zuseher nicht für blöd verkauft, sondern noch ernst genommen.

Nicht nervös werden

Der Plan, die Filmakademie zu besuchen, stand schon mit 14, 15 Jahren fest 2005 fing Fiala dann tatsächlich an. «Niki und ich haben schon immer davon geredet. Er hat sich dann in eine andere Richtung Film entwickelt, ist auf die Akademie der Bildenden Künste und wär auf der Akademie wahrscheinlich nicht glücklich geworden. Was man da gelehrt kriegt und machen soll, ist ja relativ eng gehalten. Die experimentellen Sachen haben da nicht wirklich Platz.» Wie er mit diesem Korsett zu Recht kommt? Fiala lacht: «Super! Das Spannende ist, wieder rauszufinden, weil man sich dauernd rechtfertigen muss. Daraus lernt man, was einem selber wichtig ist und warum das für einen selber anders funktioniert. An der Filmakademie ist es nicht das Herumspielen, Probieren, Freude mit Freunden haben aber für mich ist das das Wichtigste, und das weiß ich erst, seit ich es anders lernen musste. Filmemachen ist ein Beruf, aber es ist nicht notwendig, den so auszuüben, wie einem das von oben erklärt wird. Haneke hat seine Methode gefunden, die für ihn funktioniert. Auf der Akademie glauben Leute oft, dass das die allgemeingültige Methodik ist, die für jeden funktioniert, was aber absolut nicht der Fall ist. Die Methode von Haneke ist perfekt für Haneke aber für sonst niemanden. Jeder muss seinen eigenen Zugang finden.»

Abgesehen vom Handwerklichen und der Selbstverortung ist die Filmakademie für Fiala als sozialer Ort sehr wichtig. «Ich habe dort einige Leute kennen gelernt, die ich unglaublich gern mag und mit denen ich gerne Filme mache.» Ulrike Putzer etwa. Mit ihr schrieb er das Drehbuch für den Film «Elefantenhaut» (2009), der eine Vielzahl von Preisen, u. a. von der Grazer Diagonale, einheimsen konnte. In der Eingangssequenz von «Elefantenhaut» wird der triste Alltag in einer Druckerei durch lange Einstellungen greifbar gemacht. Hauptdarstellerin Elfi (Elfriede Schatz) gehorcht in der Arbeit dem Takt der Maschine, zu Hause dem ihrer renitenten Mutter, einem Pflegefall. Bei der deprimierenden Firmenfeier tritt Ricardo überragend gespielt von Michael Thomas (u. a. «Import Export») als zweitklassiger Elvis-Imitator mit zweifelhaftem Charme auf. Man sieht ihn später in der Vorstadtdisko: besoffen, schwitzend, mit Flinserl und Peckerl. Die versteckte Grausamkeit des an sich unspektakulären Alltags wird durch die dokumentierende und nicht analysierende Darstellung auf eine neue Art erfahrbar: Elfi, in ihrem Leben mehr gefangen als ihre bettlägerige Mutter, kämpft sich jeden Tag aufs Neue durch diesen Parcours trostloser Konstanten.

«Elefantenhaut» ist das Ergebnis von Fialas und Putzers Mut zum Beschreiten eigener Pfade. Fiala: «Am Anfang der Filmakademie macht man Übungsfilme, genau nach den Regeln und mit zu wenig Zeit und Material da ist ein Scheitern quasi vorprogrammiert. Elefantenhaut war das erste Mal, dass wir gesagt haben, wir machen das so, wie wir es für richtig halten.» Möglich war das nur mit einer sehr kleinen Filmcrew: normalerweise sind ca. 20 Leute am Set, doch, so Fiala, «die teilen sich das bissl Arbeit auf, stehen herum und es ist ihnen fad das macht mich nervös. Wir waren manchmal nur zu dritt: Ulli, ich und der Kameramann. Sonst noch ein Tonmensch und vielleicht einer, der Licht macht. Da hat man immer was zu tun und das sind sehr gute Freunde.» Mit seinen 35 Minuten Spielzeit fügt sich «Elefantenhaut» auch nicht den gängigen Formaten: für einen Kurzfilm zu lang, für einen Spielfilm zu kurz. Fiala: «Das ist eigentlich die blödeste Länge. Da hat man wenige Chancen, wenige Verwertungsmöglichkeiten. Aber wenn man versucht, einen Film auf eine genaue Länge hinzubiegen, kann das nur schief gehen. Man behauptet ja immer, dass man im Film alles genau berechnen kann und dass alles Eigenleistung ist aber in Wirklichkeit ist wahnsinnig viel Glück und Zufall dabei. Die Leistung ist vielleicht, dass man diese Dinge passieren lässt und nicht nervös wird.»

Eigene vs. andere Ansprüche

Für seine Filme bekommt Fiala manchmal Förderungen, andere sind No-Budget-Produktionen. «Mit Förderungen ist es so eine Sache: Man braucht irrsinnig lange, bis man Geld kriegt, und dann macht das Geld alles noch komplizierter. Also ich bin manchmal sehr froh, dass ich kein Geld hab», lacht er. «Die Ölfilme sind ganz ohne Geld und deswegen auch viel spontaner. Das ist eine befreiende Art, Filme zu machen.»

Mit Ulrike Putzer schreibt Fiala gerade am nächsten Drehbuch; mit Veronika Franz, der Frau von Ulrich Seidl, arbeitet er an einer Dokumentation über Schauspieler und Regisseur Peter Kern. «Längerfristig will ich alles weiter machen wie bisher: eigene Filme machen und Drehbücher schreiben, auch für andere Leute oder mit anderen.» Ein Thema für eine Doku brennt Fiala schon länger unter den Nägeln: Sicherheit: «Dass Leute sich immer sicher fühlen wollen und was sie alles machen, um dieses Gefühl zu erreichen. Was sich Leute antun, nur damit sie ein Gefühl befriedigen, und sich dabei schaden. Oder auch nicht vielleicht funktioniert das für die sogar, nur für mich nicht.» So arrogant, eigene Ansprüche mit denen von anderen gleichzusetzen, ist Fiala nicht. Er will die verschiedenen Lebensarten dokumentieren und neben-, und nicht übereinander stellen. Denn wie er schon gesagt hat: «Jeder muss seinen eigenen Zugang finden.»


Clemens Marschall / 01.06.2011