Texte, die abholen, und Texte, die locken

Betrachtungen eines Korrekturlesers, Teil 5

In der letzten Folge seiner Serie zu Sprache und Sprachkritik geht Richard Schuberth der Frage nach, womit mehr zu gewinnen ist:  mit einer Sprache, die sich der Allgemeinheit anpasst, oder einer Allgemeinheit, die sich von den Möglichkeiten der Sprache Neues beibringen lässt.
Richard Schuberth / 13.03.2017

Sprache verändert sich nun mal. Ist das natürliche Evolution? Oder gar ein demokratischer Prozess, in dem freie Bürger und Bürgerinnen selbst ausdiskutieren, was in der Sprache schön und nützlich und wertvoll ist? Ist unser Sprachgebrauch etwa so frei, wie wir selbst es sind, die wir zu Lohnarbeit, Freizeitgestaltung und alle paar Jahre zur Wahl der jeweiligen Verwalter_innen unserer Entmündigung genötigt werden? Sind wir hilflos wie Planeten ohne Atmosphäre den Asteroidschauern aus Phrasen, Jargons und Moden ausgeliefert?

Die Selbstbeherrschung der Duracell-Hasen

Es gibt Herrscher_innen und Beherrschte. Anstatt dieses Verhältnis abzuschaffen, hat die Kulturwissenschaft die Kultur der Herrscher_innen und die Kultur der Beherrschten erforscht. So müsste es doch auch eine Sprache der Herrscher_innen und eine der Beherrschten geben.
Der Neoliberalismus ist ein schlauer Kerl. Er hat es fertiggebracht, die Herrschaft in die Beherrschten selbst auszulagern und sie das als ihre größte Freiheit, ihren größten Fun empfinden zu lassen. Wie Duracell-Hasen mit Pulsgürtel beherrschen sie sich in Arbeit, Fitnesscenter, Urlaub und Klub, und selbst in ihrer Enthemmung waltet Herrschaft, denn sie trommeln vor lauter Freude um ihr Leben, um ein Leben, das sie per Selbstoptimierung von dem Defizitwesen befreien wollen, das zu sein man ihnen eingeredet hatte.
Was hat das mit Sprache zu tun? Sehr viel, aber zuerst muss geklärt werden, was es mit Narzissmus zu tun hat. Narzisstisch ist die typische Persönlichkeitsstruktur in der neoliberalen Gesellschaft. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern die Erkenntnis vieler, die sich damit auseinandergesetzt haben: Richard Sennett, Byung-Chul Han, Elfriede Jelinek oder Theodor W. Adorno (obwohl er noch nicht von Neoliberalismus, sondern von Spätkapitalismus schrieb). Das Ich der Menschen ist dort sehr fragil und muss es auch sein, weil das System sie zu Dingen gemacht hat, zu Kosten-, Einsparungs- und Konsumvariablen; das spüren sie natürlich; und dieser völlig logische Mangel an Selbstwert muss kompensiert werden. Aber wodurch? Na, durch synthetischen Selbstwert. Und schon kommt das System, das den Menschen den Selbstwert klaut und in seinen Wachstumsöfen verheizt, und verkauft ihnen Surrogate, Ersatz dafür, verkauft ihnen das Gefühl, die wunderbarsten, interessantesten und liebenswertesten Wesen der Welt zu sein, auch im Sonderangebot für die kleine Brieftasche. Weil die Durchökonomisierung so total geworden ist, dass es nichts geben darf, was nicht verwertbar ist, und jedes Molekül des Widerstands noch in Ware verwandelt wird. Am meisten boomt der Markt für Zertifikate persönlicher Integrität. Auch Kapitalismuskritik verkauft sich wieder gut. Natürlich bleibt das Ich fragil und würde sich auflösen, wenn es nicht mindestens einmal pro Stunde ein Selfie von sich auf Instagram stellen würde. Und was hat das mit Sprache zu tun? Wartet noch ein Weilchen! Na gut, aber nur ein Weilchen.
Das System hält uns narzisstische Selbstausbeutungsvariablen im Stadium verwöhnter kleiner Kinder: Je mehr Lebensgrundlagen, Chancen und Ressourcen man uns nimmt, desto schneller dürfen wir unsere künstlichen Bedürfnisse künstlich befriedigen. Natürlich wird alles aus dem Weg gekehrt, was den Selbstwert von uns demokratischen Sklav_innen trüben könnte. Alles was Erfahrung, Spontaneität, Skepsis, Bewusstseinsbildung verspricht, also die Sklav_innen zu freien Menschen machen könnte, welche die totale Shoppingmall, die unsere Lebenswirklichkeit geworden ist, erkennen und von innen zerstören.

Die Lüge von der Serviceleistung

Eine narzisstische Kränkung sind Texte, die wir nicht auf Anhieb verstehen, die unsere Allmachtsfantasien infrage stellen, mindestens so schlimm wie 20 unterlassene Likes auf Facebook. Doch auch dafür hat das System eine Lösung: Wir kaufen sie einfach nicht mehr. Dermaßen verschmolzen sind wir mit dem Betrieb, dass was den Betrieb stört, auch unser Ego stört. Weg­scrollen, wegwischen. Es ist wie bei Tinder. Was nicht gefällt, muss ja nicht sein.
Wo dem Menschen kein anderer Wert als der des Konsumenten, der Konsumentin beikommt, muss auch die Welt des Geistes, deren Grenzen auszureizen einzig Reife und Autarkie versprach, in den Dienstleistungssektor outgesourct werden. Nichts drückt dies erschütternder aus als die Phrase von den Texten, die einen abholen. Nicht wir sollen uns um Wahrheiten bemühen, sondern diese mit dem jeweils günstigsten Schnäppchenpreis um uns. Denn der Kunde ist König und die Wahrheit ein Taxiunternehmen: Das je billigste wirft die anderen aus der Bahn. Aber wehe jemand schreibt Texte, die einen gar nicht abholen wollen. Vor 70 Jahren noch hat man den abgehobenen jüdischen Intellekt, der einen auch nicht abholen wollte, abholen lassen. So weit würde man heute nicht mehr und noch nicht gehen, aber als Rute im Fenster jener, die sich frech über unser Verständnis erheben, taugt es allemal. Man braucht sich die Finger nicht mehr schmutzig zu machen: Säuberlich und diskret entfernt die unsichtbare Hand des Marktes die Abholfaulen aus den Servicezonen des Geistes. Mama, warum bin ich eine so uninteressante Persönlichkeit? Weil du dich immer nur hast abholen lassen …? Texte, die einen abholen, tun einem nichts Gutes – nur Texte, die einen nötigen, den Arsch hochzukriegen, stärken die Immunabwehr, die zum Widerstand befähigt und die wir noch brauchen werden, sollten wir dereinst wirklich wieder mal abgeholt werden.

Die Gauner_innen, die wir gern wären

Es stimmt: Vieles an der akademischen Sprache erschwert unnötig das Verständnis, doch schon allein die Verdrängung von kluger und schöner Sprache durch sprachliche Fertigteilsysteme wäre ein hinreichender Grund, diese Sprachschänder_innen aus den Akademien zu jagen, wie Jesus einst die Händler aus dem Tempel jagte. Doch der antiintellektuelle Impuls macht keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Texten mit Anspruch, ihm ist alles verhasst, was er auf Anhieb nicht versteht. Nichts mit Bildung hat das zwingend zu tun, denn denken könnte jede_r, und «Bildungsferne» kann das Interesse an Bildung ebenso dämpfen, wie es einen trotzigen Bildungshunger befeuern kann. Nein, das Intellektuelle ist das lästige Fremde, das stellvertretend für den eigenen prügelnden Vater, die eigene politische Kaste, die eigenen Enteigner_innen geschlagen werden muss, damit die wärmespendende Illusion des Zusammenhalts von Nation, Familie, Clique und Gesellschaft erhalten bleibt, hinter der die wahren Scheußlichkeiten stattfinden.
Die da oben, die es sich auf unsere Kosten richten, sind die Gauner_innen, die wir selbst gerne wären. Packen können wir uns aber stattdessen die, die zwar nicht oben, aber abgehoben sind und dennoch unter uns wohnen, denn sie sind das schwächste Glied im System. Der jüdische Mittelschullehrer, der von Hitlerjungen, die seine Schüler waren, misshandelt wird, ist kein Extrembeispiel, sondern der vorhersehbare Ausdruck eines Musters, das die Moderne seit ihrem Beginn begleitet: der fehlgeleitete Klassenkampf, der animalische Exzess am hilflosen Anderen, am angeblich Elitären, um den wahren Eliten kein Haar krümmen zu müssen. Wer den antiintellektuellen Impuls im modernen Antisemitismus nicht verstanden hat, hat vom Antisemitismus nicht viel verstanden.

Die Volkstribunen des imaginären Plebejertums

Nun gibt es aber linke Aktivist_innen, sie sind Intellektuelle mit intellektuellem Selbsthass und ihre Heimat ist der Mond, die den Rechtspopulist_innen den Rang ablaufen wollen, indem sie sich ihrer Fiktion von einfachen Menschen und Plebejer_innen anbiedern. Sie diffamieren mies bezahlte Vertragsdozent_innen und prekäre Bildungsarbeiter_innen als Elite, weil diese andere durch ihre elitären Fachsprachen mit böser Absicht ausschlössen. Als würde man Geistes- und Kulturwissenschaften nur studieren, um sich Schlösser an der Loire zu kaufen. Als wären die Intellektuellen neben Grundherr_innen, Prälaten und Kapitalist_innen der vierte Ausbeuterstand, unter dessen Knute arme Proletarier_innen bei Telenovela & Gabalier darben müssten. Ein Prozent der Menschheit besitzt bekanntlich 90 Prozent des weltweiten Vermögens, analog dazu sperrt eine winzige Schicht aus dämonischen Hirnis 90 Prozent des Weltwissens von den Menschen weg, indem es dieses per Geheimcodes chiffriert.
Ein klassischer Fall eines falschen Problems mit falschen Widersprüchen, falschen Akteuren und falschen Lösungen. Es werden nicht mehr Floridsdorfer_innen Soziologie studieren, sobald man die Klassiker der Fachtheorie in Floridsdorfer Übersetzung lehrt (was Favoritner Begehrlichkeiten wecken könnte), sondern sobald man die Hürden des Zugangs zur Bildung für alle restlos beseitigt hat.
Selbst wenn man die Gesellschaftswissenschaften vom Fachjargon befreien würde (und vieles spräche dafür): Die Themen und Fragen erforderten Abstraktion, und die ist nur durch Denkarbeit und Denkerfahrung zu meistern, von Menschen, die spüren, dass die Befreiung aus der narzisstischen Selbsttäuschung durch die Überwindung geistiger Hindernisse erfolgt – und Texte, die ihre Geheimnisse nicht gleich preisgeben, vielleicht delikatere Belohnungen versprechen als die schnelle Textnummer in der U-Bahn. Kurzum: dass kritisches Bewusstsein sich nicht so schnell reinziehen lässt wie ein Menü beim Mackie.
Die Wiener Arbeiter_innen um 1920, die mit Begeisterung zu den bestimmt nicht einfachen Lesungen von Karl Kraus gingen, und die Wiener Plebejer_innen, die sich 1840 bei den hintergründigen Pointen Nestroys nachweislich krummlachten, hätten dem kleinbürgerlichen Störenfried, der dazwischenriefe: «Kann man das bitte sehr nicht so sagen, dass es die einfachen Leute auch verstehen?!», bestimmt eins auf die Nase gegeben. Oder zwei. Das ist dafür, dass du uns «einfach» genannt hast, und das, weil du uns für bled hältst.
Man erhebt die Gebückten, indem man ihnen die Last von den Schultern nimmt, und nicht, indem man sich zu ihnen runterbückt, bloß weil das Buckeln zum eigenen Naturell geworden ist. Genauso wie Kinder nicht dadurch gehen lernen, dass man daheim ständig ihnen zuliebe auf allen vieren herumkrabbelt. Mit erhobenem Haupt durchs Leben gehen hat mehr Vorbildwirkung. Die das für arrogant halten, haben bloß Angst vor dem kalten Wind, der da oben weht, wenn man das Rückgrat wieder einmal auf Homo-sapiens-Niveau streckt.

Richard Schuberth / 13.03.2017