Wo Linz rebellisch war/ist

Aus der Kulturhauptstadt: Geschichte(n) erfahren mit dem Omnibus

Rebellinnen.jpgVon einem Kampf zum anderen, sechste Station: Altenbergerstraße Nummer 35 in Linz. Alle steigen aus dem roten RebellInnen-Omnibus und begeben sich in ein eigentlich recht unauffälliges Haus. Hier gibt es keine offiziellen Gedenktafeln oder Erinnerungsformen.


Büro trafo.K / 15.09.2009
Und doch ist hier einiges geschehen: Die Wohnanlage in der Altenberger Straße war im November 1980 Ort politischer Forderungen der Frauenbewegung in Oberösterreich. Das Linzer Frauenaktionskomitee besetzte das damalige StudentInnenheim und forderte die Gründung eines Frauenzentrums in Linz. Fünf Tage später erfolgte die Räumung durch die Polizei.

Der Saal, den wir besuchen, ist der originale Schauplatz eines historischen politischen Kampfes. Davon ist im Raum zunächst nicht viel zu sehen. Alle versammeln sich im leeren Saal um einen Kassettenrekorder und hören HausbesetzerInnen, die von den Ereignissen und ihren Forderungen erzählen. Außerdem werden historische Fotografien gezeigt. Und während sie noch die Runde machen, beginnen sich Bilder, über das, was damals geschehen ist und geschehen sein könnte, zu konkretisieren. Neben den Interviews ist leises Flüstern zu hören: Einigen scheinen die Bilder von damals vertraut. Im Gespräch stellt sich heraus, dass ZeitzeugInnen in der Gruppe sind. Die Erzählungen aus dem Kassettenrekorder finden eine unerwartete Fortsetzung im realen Raum. Fragen von jungen FeministInnen verbinden die Strategie der historischen Hausbesetzung mit eigenen Erfahrungen.
Bei der Weiterfahrt im Bus werden bei einer mehrstimmigen Performance Zeitungsberichte vom November 1980 vorgelesen. Das Ereignis formiert sich aus Geschichtsbildern, eine Collage unterschiedlicher Formen und Medien der Vermittlung beleuchtet verborgene Geschichten von verschiedenen Seiten.

Worüber die Tourismuswerbung schweigt


Von Station zu Station, von Fahrt zu Fahrt wird die Sammlung von Berichten umfangreicher. Das Projekt RebellInnen! Geschichten erfahren mit dem Omnibus begibt sich im Rahmen von Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas 15 Mal auf eine Spurensuche nach Geschichte und Gegenwart sozialer Kämpfe und feministischer Forderungen in und um Linz.

Manche Geschichten werden durch die Tourismuswerbung, offizielle Stadtgeschichten, Gedenkfeiern, Jubiläen oder Denkmäler fest- und fortgeschrieben. Andere Geschichten finden keine Aufnahme in die Repräsentation einer Stadt; sie werden verschwiegen, verdeckt oder einfach ausgelassen. Solche marginalisierten Geschichten stehen im Zentrum der Recherchen und der Auseinandersetzung des Projekts. Recherchiert und erarbeitet wurden sie in kollaborativen Prozessen mit unterschiedlichen AkteurInnen: der Gewerkschaftsjugend Oberösterreich, der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, der Kunstuniversität Linz und Radio FRO. Die Übertragung der Ergebnisse aus dieser Zusammenarbeit in eine Bustour hat die Dramaturgin Marty Huber unterstützt, für die Gestaltung zeichnet das Wiener Büro Toledo i Dertschei verantwortlich.
Die unterschiedlichen Zugänge zur Stadt manifestieren sich in der Auswahl der Stationen, der erzählten Geschichten und ausgewählten Ereignisse. Sie laden dazu ein, den Blick zu wechseln, die Geschichte des Protests und die Geschichte der sozialen Kämpfe in Linz neu zu lesen und in der Stadt neu zu verorten. Vom Zentrum in die Peripherie und wieder zurück werden unterschiedliche Formen und Medien der Vermittlung erprobt: Performances, Interviews, Filme, künstlerische Arbeiten und Musik. Dabei werden klassische Formate wie Stadtrundfahrten und Sightseeingtouren inhaltlich ebenso wie formal unterlaufen.

Von einem Kampf zum anderen, Kämpfen, sticken und Rosen sowie Papiere, Arbeit, Aufenthalte sind die Titel, unter denen die drei verschiedenen Bustouren gebucht werden können.
Unter dem Motto Von einem Kampf zum anderen wurde gemeinsam mit Karin Hackl, Verena Mayrhofer, Bernhard Pospisil, Ajdin Rexhepi, Verena Schiefermüller von der Gewerkschaftsjugend Oberösterreich und der Wissenschafterin Vida Bakondy und der Künstlerin Eva Egermann eine experimentelle Tour zu unterschiedlichen Arbeitskämpfen, Streiks und Protestformen sowie Ausschlüssen und Marginalisierungen zusammengestellt: Lärmen, protestieren, streiken und sich widersetzen,bBesetzen, aussitzen, aussetzen andere Formen des Protests als Strategien demonstrativer Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes werden bei der Bustour anhand von Orten und ihren Geschichten thematisiert. Im Jahr 1870 wurde das prinzipielle Streikverbot in Österreich aufgehoben, in der Folge kam es zur Gründung erster Gewerkschaftsvereine. Im Laufe der Geschichte entwickelten ArbeiterInnen vielfältige Protestformen: Sie protestierten lärmend mit so genannter Katzenmusik gegen Personen oder Institutionen, stürmten Maschinen oder blieben einfach dem Arbeitsplatz fern.

Verlernen klassischer Bustouren verlangt


Die Tabakfabrik, ein traditionell feminisierter Arbeitsort, ist Schauplatz von Geschichten des Kampfes, Widerstandes und der arbeitsrechtlichen Errungenschaften ihrer ArbeiterInnen. So stellten im April 1888 an die 400 Frauen ihre Arbeit ein, um gegen die ihnen auferlegte elfstündige Arbeitszeit zu streiken. Oder die Arbeiterkammer als Zentrum einer massivsten Streikbewegung in den ersten Jahren der Zweiten Republik. Der so genannte Oktoberstreik 1950 ging als wilder Streik in die Geschichtsbücher ein. Nicht nur die Geschichte von Streiks, sondern auch jene Protestformen, die in den offiziellen Aufzeichnungen der Gewerkschaftsgeschichte ausgelassen bleiben, werden zum Thema gemacht: So etwa Protestaktionen in den ehemaligen Asylheimen in der Lunzer Straße. Den Abschluss der Bustour bildet die eingangs beschriebene Besetzung des ehemaligen Studentenheims in der Altenberger Straße 35 durch das Linzer Frauenaktionskomitee.
Heimarbeit Fabrikarbeit Akkordarbeit verschiedene unsichtbare feminisierte Arbeitsfelder entlang der Geschichte der Textilindustrie sind Ausgangspunkt für die Tour Kämpfen, sticken und Rosen, die feministische Kampfgeschichten und alternative Produktionsformen in Linz zum Thema macht. Gemeinsam mit der Künstlerin Dagmar Höss und der Wissenschafterin Elke Gaugele entwickelten Studierende der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz; Julia Gerstbauer, Iris Harratzmüller, Christiane Heindl, Stephanie Helmberger, Anita Jovi, Elisabeth Keppelmüller, Eva König, Susanne Larson, Christine Reitner und Katharina Schinagl eine Stadterkundung, die die Realität des Arbeitsalltags von Frauen und die Geschichte der Textilarbeit fokussiert.

Gemeinsam entstand eine Suche nach dem, was in der öffentlichen Wahrnehmung, auf der Straße, am Arbeitsplatz, aber auch in der Ausbildung marginalisiert behandelt wird. Die Bustour fand reges Interesse bei Schneiderinnen, Weberinnen, ArbeiterInnen aus der Textilindustrie ebenso wie bei feministischen Historikerinnen, die sich immer wieder einbrachten und ihre Erfahrungen mit den Ansätzen der Studierenden verknüpften. Die Tour fährt entlang der Geschichte der Textilindustrie Orte der Arbeit und der alternativen Produktionsformen, an denen die Entwicklung der Arbeitstrukturen festgemacht werden. Kleinmünchen als Zentrum der Textilindustrie, der Hafen als Ort, an dem die internationale Arbeitsteilung und die Verlagerung in so genannte Billiglohnländer als auch autonome TextilproduzentInnen im Zentrum stehen und den Faden bilden für die Recherche und Sichtbarmachung von Arbeitsverhältnissen und unsichtbarer Arbeit sowie aktuellen Protestformen wie EuroMayDay und Netzwerken, die sich mit kollektiven alternativen Lebensformen auseinander setzen. In Form von feministischen und globalisierungskritischen Raps und Spoken Words thematisiert die Poetry-Slammerin Mieze Medusa die Prekarisierung von Frauen in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft. Eine literarische Textcollage der Aktivistin Rosi Kröll beleuchtet die Wirkungsmacht feminisierter Stereotypen.
Der Nachmittag zum Thema Papiere, Arbeit, Aufenthalte widmet sich den Themen Arbeit und Migration, staatlichen Regulierungen und Formen der Selbstermächtigung. Im Laufe des Projektprozesses ist eine diskursive Tour entstanden, die ein Verlernen von klassischer Bustouren verlangt. Im Zentrum stehen dabei Schwerpunkte wie feminisierte Arbeitsmigration am Beispiel der Fischfabrik Warhanek, der Zugang zu Arbeitsrechten generell bis hin zur Sichtbarmachung der aktuellen Prekarisierung von Leben und Arbeit z. B. in der Sex-Fürsorge-Pflegearbeit. Damit einher geht der Kampf um Bedingungen, die Migrantinnen ein gerechtes und sicheres Leben in Österreich garantieren. Eine Route der Regulierungen thematisiert strukturelle Rassismen, Normierungen und Ausschlüsse.

Denn Linz ist nicht gleich Linz, je nachdem, ob jemand das Recht auf Rechte hat oder eben nicht. Entstanden ist die Bustour in Zusammenarbeit mit Studierenden der Kunstuniversität Linz und den KünstlerInnen Stefanie Seibold und Alexander Jöchl. Der Bus, die Bustour und deren Orte der Auseinandersetzung werden mit künstlerischen und diskursiven Beiträgen von Sabrina Kern Gerda Martinez-Lopez, Andrea Sasaran, Helene Siebermair, Christine Pavlic, Katharina Struber und mit Beiträgen von iftaf institut für transakustische forschung ergänzt. Die Diskussionen mit Gergana Schrenk, Vlatka Frketi und Vida Bakondy geben den Themen diskursiven Raum. Eine Abschlussdiskussion findet bei Radio FRO statt.

Bei allen Bustouren trafen die ohnehin bereits zahlreichen und unterschiedlichen AkteurInnen auf TeilnehmerInnen der Bustour, die ebenfalls inhomogene Gruppen darstellten und unterschiedliche Interessen und Motivationen hatten, sich an der Bustour zu beteiligen. Dabei kam es zu zahlreichen Diskussion, die dazu beitrugen, die Widersprüche, die aus den Themen entstehen, nicht zu verdecken, sondern sichtbar zu machen. Denn nur weil sie im Linzer Kulturhauptstadtjahr bei einer Bustour Thema werden können, sind die Gründe zu fordern und zu kämpfen ja keineswegs weniger geworden.

Info:
Informationen unter:
www.trafo-k.at

Büro trafo.K / 15.09.2009