Zuhause in der fremden Sprache

Kultivierung des gemeinsamen Schreibens: Wiener Wortstätten

Wortstaetten.jpgVergangenen Monat hat in Wien das Festival Roter Oktober stattgefunden, das Teil des interkulturellen Autorentheaterprojekts Wiener Wortstätten von Hans Escher und Bernhard Studlar ist. Wer wie wann und mit wem geschrieben hat, lesen Sie hier ...


Valerie Kattenfeld / 24.11.2008
Deutsch ist meine Sprache, es ist meine Arbeitssprache, es ist meine Lebenssprache. Auf Türkisch schreibe ich höchstens noch Liebesbriefe, wenn ich in einen Türken verliebt bin. So erklärt die in Wien lebende Autorin Seher Çakir den aktuellen Stand der Dinge, der mit ihrer Muttersprache nicht mehr sehr viel zu tun hat. Mit 12 Jahren ist die heute erwachsene Frau nach Wien gekommen. Damals hat sie gar nicht gesprochen, kein Wort, etwa ein Jahr lang. Sie wollte erst damit anfangen, wenn sie es auch kann. Mittlerweile kann sie Deutsch nicht nur sprechen, sondern auch schreiben was ihr die Teilnahme an dem interkulturellen Autorentheaterprojekt Wiener Wortstätten ermöglicht hat, mit deren Unterstützung sie am 20. Oktober erstmals ihr Stück Sevim und Savas Liebe und Kampf vor einem Publikum im Theater an der Gumpendorfer Straße präsentierte.

Die Wiener Wortstätten wurden 2005 von dem Regisseur Hans Escher und dem Autor Bernhard Studlar gegründet. Das primäre Anliegen hierbei war, die Produktionsbedingungen für Autoren zu verbessern und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Texte permanent diskutiert und im wahrsten Sinne des Wortes auf die Probe gestellt werden können. Genau darum geht es nämlich: die Theaterprobe als erste Feuerprobe des Stücks. Das bloße Schreiben ist die eine Sache. Aber das In-den-Mund-Nehmen der Worte, der Umgang der Schauspieler mit dem Text, die Verbindung von Replik und Aktion all das ist eine Ebene, die innerhalb von üblichen Arbeitsprozessen an Theaterhäusern vom Autor getrennt gehandhabt wird. Dient in der Regel das Drama einer Inszenierung, so soll hier die Inszenierung zur weiteren Entwicklung des Textes beitragen, erklären die Organisatoren Escher und Studlar im Interview.

So weit kommt es allerdings erst in der Wortstatt Stufe II, die dieses Jahr Ende März losging. Bereits im Herbst 2007 wurden die vier Autoren Ursula Knoll (Österreich), Sina Tahayori (Iran), Semir Plivac (ehem. Bosnien-Herzegowina) und Seher Çakir (Türkei) ausgewählt. Bis Jahresende wurden innerhalb der Wortstatt I Konzepte entworfen, dann begann das Schreiben der Szenen, und schließlich standen die ersten Fassungen der Stücke im Frühling. Sie alle kreisen um die Themen Identität, Heimat, Suche, Reise, Beziehungen. In Sina Tahayoris Eine kurze Sequenz des Begehrens trifft der Iraner Bobby auf eine verflossene Liebschaft. Ungünstigerweise ist sie die Mutter seines derzeitigen Partners. In Ursula Knolls Der Weg ins Glück beweist die Designermöbelhändlerin Brigitte mit flinken Händen und scharfer Zunge ihre unumstrittene Kompetenz in Sachen Teint und Wimperntusche, wird aber steif wie eines ihrer Möbelstücke, sobald jemand versucht, sich ihr emotional zu nähern.
In Seher Çakirs Sevim und Savas Liebe und Kampf kommt es zum Konflikt zwischen der jungen Sevim und ihren konservativen Eltern, da die sunnitische Familie den alevitischen Freund der Tochter nicht akzeptiert. Dass sie in Österreich leben, Sevim von ihm schwanger ist und er sie heiraten möchte, ändert nichts an der konsequenten Ablehnung.

Mutter vermisst die Melange-Sessions


Traurigerweise stammt die Inspirationsquelle für das Stück aus der Realität bei einem Aufenthalt in Tirol erfuhr Seher Çakir von einem Paar, das in derselben Situation war. Weil die Unterschiede in der Religionszugehörigkeit unüberbrückbar waren, wurden die beiden in den gemeinsamen Selbstmord getrieben. Die Autorin fühlte sich durch diesen Vorfall sehr berührt und kann nur schwer nachvollziehen, dass im 21. Jahrhundert, noch dazu in einem liberalen Gesellschaftsumfeld, solche Dinge passieren. Ihre eigene Familie hingegen hat sich in das österreichische Leben bestens integriert. Wenn ihre Eltern im Sommer nach Hause in die Türkei fliegen, so hält es ihre Mutter dort kaum länger als zwei Monate aus. Sie vermisst ihre Melange-Sessions in den Kaffeehäusern und ihre Radtouren entlang der Donau, erklärt Seher Çakir mit einem Schmunzeln.

Neben dem Projekt der langfristigen gemeinschaftlichen Stückentwicklung haben die Wiener Wortstätten noch anderes auf dem Programm. So ist bei ihnen jedes Jahr der Oktober rot und vollgespickt mit Schreibwerkstätten und Veranstaltungen. Während des diesjährigen Roter Oktober-Festivals entstand beispielsweise die erste Fassung des Donaudramas, welches zehn Autoren aus zehn an der Donau liegenden Ländern gemeinsam in Wien erarbeiteten. Am 10. Oktober fand die Premiere von Through the Balkans, einer österreichisch-mazedonischen Koproduktion unter der Leitung von Hans Escher, Volker Schmidt und Dragana Lukan, in Skopje satt. Das multilinguale Stück wurde mit Schauspielstudenten aus Graz und Skopje erarbeitet und wird Frühling 2009 auch in Österreich zu sehen sein.
Spannend wird für die Veranstalter des Roten Oktober heuer auch der November am 20. 11. 2008 findet nämlich die Verleihung des Nestroy-Theaterpreises statt, für den Hans Escher und Bernhard Studlar in der Kategorie Spezialpreis nominiert sind. Durchsetzen müssen sie sich gegen Andreas Beck (Neustart im Wiener Schauspielhaus) und Suse Wächter (Puppengestaltung für Go West Eine Familie wandert aus von Saa Stanii, Schauspielhaus Graz).
Valerie Kattenfeld / 24.11.2008