ZuschauerInnen beim Zuschauen beobachten

David Maayan vermittelt ungewöhnliche Theatererlebnisse

Das Stück "Der Familientisch" war erstmals 2005 bei den Wiener Festwochen zu sehen. Seit 21. März - und nur noch bis 8. April - servieren Regisseur David Maayan und sein Ensemble eine veränderte Version: "Der Familientisch - 9 Monate später". Wie schon beim ersten Mal führen die DarstellerInnen ihr Publikum durch die Stadt und geben dabei Einblicke in ihre Lebens- und Familiengeschichte. Danach kehren alle gemeinsam, SchauspielerInnen wie ZuseherInnen, ins Schauspielhaus zurück und setzen sich an einen riesigen Tisch. Man isst gemeinsam, singt gemeinsam. Und auch hier gibt es wieder Geschichten oder auch nur einzelne Sätze aus dem Leben der AkteurInnen.
Annemarie Lammer / 15.04.2006
David Maayan, der aus Israel kommt und seit zwei Jahren in Wien lebt, hat bereits mehrere seiner Stücke gemeinsam mit den DarstellerInnen erarbeitet. Über die Idee, Familiengeschichten zum Thema eines Theaterstücks zu machen, sagt er: "Wir haben gedacht: Wenn man einen Schauspieler auf der Bühne sieht, kennt man nur die Rollen, die er spielt, aber nicht seine Geschichte. Die ursprüngliche Idee, das Publikum ins Haus des Darstellers einzuladen. hat sich dann weiterentwickelt zum Konzept Familientisch. Das Familienleben ist die Basis des Theaters, in der Familie kommen Leute zusammen und jedeR hat eine bestimmte Rolle. Ich habe bewusst DarstellerInnen ausgewählt, die entweder selbst MigrantInnen oder die Kinder von solchen sind oder aus anderen Gründen außerhalb der Gesellschaft stehen. Dadurch, dass die ZuseherInnen Einblick in die Geschichte der AktuerInnen bekommen, kann sich ihr Blickwinkel ändern."

So sind zum Beistpiel alle, die bei der Tour von Cornelia Scheuer mitmachen, aufgefordert, selbst ein Stück des Weges im Rollstuhl zurückzulegen, wie die Darstellerin es täglich tun muss, ohne es sich aussuchen zu können. Dass das Publikum so intensiv miteinbezogen wird, hat aber auch andere Gründe. "Die ZuschauerInnen haben Besseres verdient als nur im Dunkeln zu sitzen und nicht beachtet zu werden", meint David Maayan, "Sie sollen mehr sein als nur KartenkäuferInnen, sie sollen auch ein Teil des Familientisches sein und das Gefühl haben, dass ihre Geschichte nicht weniger wichtig ist. Die ZuschauerInnen werden beim Zuschauen beobachtet. Die Ursprünge des Theaters kommen aus religiösen Ritualen, und auch damals haben alle mitgemacht, nicht nur intellektuell, sondern mit allen Sinnen."

Spannend, mit eigenem Material zu arbeiten


Cornelia Scheuer, eine von sieben DarstellerInnen, sagt über den direkten Kontakt mit dem Publikum: "Ich bin diese Form von Theater aus meinen früheren Arbeiten gewohnt. Das Interessante daran ist, dass ich spontan auf Situationen reagieren muss. Die Gruppe ist jedes Mal anders, und wenn ich unterwegs bin, kann es immer zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen. Im Sommer, während der Festspiele, war an einem Tag der Ring gesperrt, und wir konnten die vorgesehen Route nicht fahren. Man muss immer überlegen: was passiert, wenn ... Auch die Gruppendynamik ist interessant: Einmal wollten sich zwei Leute absolut nicht in die Rollstühle setzen, aber der Rest der Gruppe hat mir geholfen, sie doch noch dazu zu bringen. Andererseits muss man als Schauspielerin dreimal so hart arbeiten, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen und zu halten, wenn man auf der Straße spielt; man muss viel größer und lauter spielen, während einem auf der Bühne diese Aufmerksamkeit automatisch gehört."

Auf die Frage, warum sie ihre persönliche Geschichte in das Stück einbringt, sagt Cornelia Scheuer: "Es ist spannend, mit eigenem Material zu arbeiten. Ich spiele gerne in Stücken, die neu kreiert werden, wo die Geschichten sich im Entstehungsprozess entwickeln können und Zeit haben, zu reifen."

Dann erklärt sie, wie die Proben funktionieren, wenn noch keine ZuschauerInnen da sind, die die Tour mitmachen können: "Am Anfang hat immer nur einer oder eine von uns geprobt, die anderen haben zugesehen. Später haben wir dann Freunde eingeladen, uns zuzusehen und auch Feedback und Anregungen zu geben. Auf der Straße nicht alleine zu proben dient auch der Sicherheit, weil man sonst angepöbelt und für verrückt gehalten wird. David Wurawa, der aus Afrika kommt, ist bei jeder Probe von der Polizei kontrolliert und oft auch auf Drogen untersucht worden. In einer Szene hat David im Sommer sein T-Shirt ausgezogen, da hat die Polizei uns als Zuschauer gefragt, ob wir uns dadurch nicht belästigt fühlen."

Regisseur David Maayan findet die Schwierigkeiten mit den Leuten auf der Straße normal, weil es sich ja um eine sehr ungewöhnliche Form des Theaters handelt. Da er aber auch in Zukunft in Wien in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus arbeiten möchte, werden wir wohl noch Gelegenheit bekommen, uns daran zu gewöhnen.


"Der Familientisch - 9 Monate später"

Schauspielhaus
Porzellangasse 19
1090 Wien
Tel.: (01) 317 01 01-18

Musik: Ida Kelarova
Annemarie Lammer / 15.04.2006