Arcade

Die Idee ist zeitgemäß - das System ist ganz einfach:

article_1385_somafreistadt_180.jpg Unter dem Motto Wir schaffen ein nachhaltiges Lebensmittel- und Agrarsystem fand in Freistadt, Oberösterreich, von 20. bis 22. 11. 2009 ein Kongress des "Agrarbündnis Österreich" mit etwa 80 TeilnehmerInnen statt. Die Themenvielfalt war beachtlich bis unpackbar, deshalb eine Rückschau auf ein kleines, aber wichtiges Erlebnis am Rande der Konferenz.
Michael Schütte / 04.12.2009
Freistadt ruft zunächst einmal Erstaunen hervor, und hinterlistig, wie es scheinbar ist, hält es dieses Erstaunen permanent aufrecht. Also in kleinen Schritten zum Wesentlichen. Die Preise in Freistadt sind, jedenfalls wie ich es nach drei Tagen beurteilen kann, zumindest überraschend. Die Fahrt mit dem Taxi vom Bahnhof zur Pension dauerte etwa zehn Minuten und kostete pro Person, vier waren wir, einen Euro. Die Wurst am Imbissstand war groß, gut, mit viel Zwiebeln, Ketchup und Curry böse Zungen behaupteten, es sei eine Currywurst gewesen , Gebäck war auch dabei und kostete zwei Euro und zwanzig Cent
Ein Teilnehmer am Kongress outete sich als Mitbegründer und Betreiber des Sozialmarktes in Freistadt, und wie der Zufall dort scheinbar zum alltäglichen Inventar gehört, wohnt er in der Nähe der Berufsschule, wo die versammelte Kongressmannschaft zum üppigen und schmackhaften Essen eingeladen war. Für ältere und/oder fußkranke Mitstreiter war seine Einladung, uns mitzunehmen, ein willkommenes Geschenk, und dass er uns dann anbot, den leider am Samstag geschlossenen Sozialmarkt zu besichtigen, war eigentlich schon keine Überraschung mehr.
Nun sind in unseren Kreisen SOMAs, also Sozialmärkte, leider etwas Alltägliches, und schon oft wurde darüber berichtet. Also ist es an der Zeit, Unterschiede herauszufinden. In Kapfenberg zum Beispiel. Augenblick bitte. Wer einen SOMA noch nicht kennt, soll zunächst ein paar Eckdaten erfahren. Die Lebensmittel in SOMAs werden von (meist) Markenfirmen gespendet. Das Einkommen der potentiellen KundInnen darf 800 Euro nicht überschreiten logisch. Die Preise liegen in etwa zwischen null (z. B. für Brot in Wien) und ca. 30 Prozent des Ladenpreises. Allerdings ist der wöchentliche Einkauf auf 30 Euro begrenzt. Aber das schwankt etwas zwischen den verschiedenen Standorten und Betreibern. Also zurück nach Kapfenberg. Dort gibt es einen ganz normalen Supermarkt mit einem sinnvollen Unterschied zu all den anderen: Kunden mit wenig, besser zu wenig Einkommen, zahlen gestaffelt weniger für alle dort erhältlichen Artikel, indem sie wie alle anderen Kunden eine Kundenkarte vorweisen, auf der mögliche Ermäßigungen gespeichert sind. Das hat den gewünschten Effekt, dass sie nicht als arme Leute vor den anderen Kunden dastehen. Außer man achtet eben darauf.
(zwiti) Mit Liebe zum Detail
Was unterscheidet nun diesen oberösterreichischen Sozialmarkt von anderen, oder was eigentlich viel wichtiger ist, was haben die Betreiber dazugelernt? Die negativen Auswüchse unserer Wegwerfgesellschaft werden positiv genutzt! Verein Sozialmarkt Freistadt.
Zunächst einmal fällt das Verkaufslokal in keiner Weise auf. Unterscheidet sich also zumindest nicht negativ vom Stadtbild in der näheren Umgebung. Nicht auffallen ist schon mal ein Pluspunkt! Dann bei näherer Betrachtung fällt doch etwas auf (zugegeben erst durch die natürlich sachkundige Führung durch den Gründer). Arcade heißt es, weil mitten in der Altstadt gelegen, über zwei Wege erreichbar. Wege? Eher eine Kleinstadtstraße und eine Art Verbindungsgang zum Hauptplatz. Weil es also in einen Arkadenhof mündet, der an Alicante erinnert. Unglaublich, unerwartet, schön. Nicht versteckt, sondern mit Schaufenstern und Brotkörben mit kleinen, bunten Sozialmarktschildern lädt der Laden, das Geschäft? ein. Und überrascht inzwischen nicht mehr überraschend mit Liebe zum Detail. Die Regale, auch am Samstag noch gut gefüllt, sind von einem Tischler in bester Qualität gefertigt worden. Sehen aus wie in einem Szeneladen und sind doch praktisch zerlegbar. Vermutlich, um die Verkaufsfläche erweitern zu können.
Es gibt dem Ambiente entsprechend eine Caféecke zum Zwecke der Kommunikation. Klingt banal, ist aber ein wichtiger Teil der Einrichtung und des Grundgedankens. Ebenso der Internetanschluss, der allen Besuchern zur Verfügung steht.
Ein wichtiger Aspekt bei diesem SOMA ist, auch wenn es seltsam klingen mag, dass man sich nicht völlig von den angebotenen Waren ernähren kann und soll. Vielmehr soll das dort ersparte Geld die Möglichkeit bieten, sich Dinge zu leisten, die sonst nicht oder schwer leistbar sind. Vielleicht einmal ausgehen mit der Frau oder die Kinder einladen ins Kino. Auch das sind LEBENSmittel.
Der nächste konkrete Schritt, der in der Region Freistadt auf offene Ohren stößt, ist die Belieferung des Marktes nicht nur durch die großen Konzerne, sondern auch und vor allem durch Erzeuger aus der Region. Womit der Kreis zur Konferenz geschlossen wäre.
Und jetzt noch ein persönlicher Tipp: Fahrt mal hin. Wir aus Wien vom Augustin waren beeindruckt von der Stadt, den Ideen und vor allem den Menschen dort!
Michael Schütte / 04.12.2009