Arme Haut

Protokoll einer Zwangsstörung

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Wasser, klares Wasser, endlich klares Wasser lief über seinen schmutzigen, innen wie außen völlig verdreckten Körper, ja, sein Körper war schmutzig, unrein und elend, denn die Welt war es auch, voll von Dreck, Bakterien, Viren,...

Illu: Karl Berger


Gabriele Vasak / 17.02.2015
und er musste sich in dieser Welt bewegen, musste Ozon und Feinstaub und Abgase einatmen, sobald er sich aus seiner Wohnung begab, musste von Millionen anderen benützte öffentliche Verkehrsmittel besteigen, musste sich an verdreckten und vervirten Haltestangen festhalten, musste auf Sitzpolstern, die nie gewaschen wurden, Platz nehmen, musste Bankomaten und andere Automaten, die die Dreckspuren anderer trugen, bedienen, musste Türschnallen und Lichtschalter, die von Millionen ebenfalls schmutziger Finger berührt worden waren, drücken, musste ungewaschene Hände schütteln, musste das schmutzige schmutzigste Geld anderen in die dreckigen Pfoten drücken, musste in Gasthäusern aus Gläsern trinken und Tellern essen, die schon Legionen anderer benützt hatten, und immer so weiter, doch es war nicht nur die Außenwelt, die ihm die größte Angst vor ihrer Unreinheit einjagte, nein, er war auch zu Hause nicht sicher, so sehr er auch dafür zu sorgen versuchte, sein Heim klinisch sauber zu halten, so sehr er auch alles permanent wusch und desinfizierte, so oft er auch an einem Tag die Kleidung wechselte, so gründlich er auch die Klinken und Türschnallen putzte, wenn er Besuch - ohnehin seltenst - gehabt hatte.

Und nein, er war auch hier unter der Dusche nicht sicher, denn konnte Wasser wirklich all den Dreck, den er sich pausenlos zuzog, beseitigen? Und konnte man denn davon ausgehen, dass Wasser an sich sauber war?

Er stand jetzt seit zwei Stunden unter dem rinnenden Strahl, hatte eine halbe Flasche Flüssigseife aufgebraucht, sein Körper leuchtete rot und brannte, neben der Duschkabine lief die Waschmaschine, wie sie jeden Tag - manchmal mehrmals - lief, eben schleuderte sie sanft und fast lautlos die Wäsche durch, er hatte sich das beste und leistungsfähigste Modell gekauft, für jeden Waschgang verwendete er vom teuersten Waschmittel mindestens das Dreifache der empfohlenen Dosis, seine Sorge um Reinheit kostete ihn ein kleines Vermögen.

Gefahren des Drecks


Gern hätte er auch die anderen vor den Gefahren des Drecks, der überall lauerte, bewahrt oder zumindest gewarnt, doch sie wollten es nicht hören, wenn er ihnen erklärte, wie sie sich zu verhalten hätten, damit sie davor sicher wären. Früher, als er noch mit anderen spazieren gegangen war, in die gefährliche Natur hinaus, hatte er doziert, dass auf den Bäumen Zecken lauerten, dass man Erde und Gras nicht berühren sollte und Tiere sowieso nicht, er hatte gesagt, dass die Kinder seiner Freunde keinesfalls in Pfützen spielen sollten, ja, dass sie auch nicht plötzlich losrennen sollten, weil sie fallen könnten, sich dabei verletzen und Bakterien in eine mögliche Wunde gelangen könnten. Er hatte von Borreliose, Vogelgrippe und BSE gesprochen - so lange, bis ihm niemand mehr zuhörte.

Das alles war lange vorbei, vorbei wie auch seine schönste Liebesgeschichte mit einer Frau, die - wie er gemeint hatte - in allen Belangen und Aspekten zu ihm gepasst hatte, und Marie war ihm in ihrem Wesen wie auch in ihrem Äußeren so rein erschienen, dass er sie nahezu angebetet hatte, doch irgendwann hatte auch sie es nicht mehr ertragen, dass er umgehend ins Badezimmer lief und dort oft für Stunden verschwand, wenn sie einander berührt hatten, sie hatte es nicht mehr sehen wollen, dass er sich zehn Mal die Hände wusch, wenn er einem seiner Freunde die Hand gegeben hatte, und schlussendlich hatte sie nur mehr stumm den Kopf schüttelnd seine Wohnung verlassen, als er sie wieder einmal gebeten hatte, für ihn den Lichtschalter zu betätigen, und dann war sie weg gewesen für immer, die schöne, reine Marie. Auch das war lange her, und lange war er jetzt schon alleinstehend.

Das heiße Wasser lief nach wie vor über seinen schon geschundenen Körper, seine Haut war völlig aufgeweicht, die Finger zeigten Schrumpelspuren an den Kuppen, irgendwie fror er trotz der Hitze und des Dampfes, die ihn umgaben, doch er konnte sich nicht entschließen, den Strahl abzudrehen, die Sache, die ja doch kein Ende nehmen konnte, zu beenden. Er drehte den Kopf dem abwärts strömenden Wasser entgegen, wie hatte das alles begonnen?

Gefühl von Unreinheit


Irgendwie war ihm, als wäre dieses Gefühl von Unreinheit immer schon in ihm gewesen, doch sein Zwang, sich selbst und seine Umgebung ständig reinigen zu müssen, war irgendwann im Lauf seines Studiums hervorgebrochen, eines Studiums, das er aus Leidenschaft und mit Feuer begann. Von der Mathematik war er begeistert gewesen, der Logik und der inneren Schönheit, die dieser Wissenschaft innewohnte, doch die Eltern waren dagegen gewesen - vehement, «Wozu studieren?» war ihre Überzeugung gewesen, und unterstützt hätten sie ihn bei seinem, wie sie sagten, absurden Vorhaben nie, doch er hatte ein Stipendium bekommen, und das war einerseits sein ganz großes Glück gewesen, doch andererseits hatte alles, was darauf folgte, seine Konflikte mit den Eltern nur verschärft. Für nichts Anständiges sei er gut, hatten sie ihm immer gesagt, und so sehr ihn sein Studium auch interessierte und mitriss, so vehement wurde dann auch sein Waschzwang. Stundenlang stand er unter der Dusche, manchmal drehte ihm der Vater dabei den Hauptwasserhahn zu, und wenn die Wasserrechnung kam, legte er sie ihm wortlos auf den Tisch.

Gern, nur allzu gern hätte er damals wie jetzt davon abgelassen, einen Gutteil seines Tages unter dem rinnenden Duschstrahl zu verbringen, seine schon ganz dünne Haut immer wieder sorgfältigst mit desinfizierenden Mitteln zu behandeln, sich Atemschutzmasken anzulegen, wenn er ins Freie ging, oder sich Schutzhandschuhe anzuziehen, wenn er mit Bus, Zug oder Straßenbahn fahren musste, und er versuchte es auch immer wieder, doch wenn er es tat, kam immense Angst in ihm auf, Angst vor Krankheit und Elend, vor dem er sich nicht ausreichend geschützt hatte, Angst, die noch viel viel schlimmer war als die, die ihn ohnehin immer begleitete, und die Angst fuhr dann grausam mit in seine Gedärme blitzenden Stößen durch seinen Körper, machte seine Glieder schwach, besetzte seinen Kopf und seine Sinne, und seine Gedanken an all das Furchtbare, das ihm jede Sekunde widerfahren könnte, wurden endlose Ketten, die sich aneinander reihten und aneinander reihten, so dass nichts, aber auch gar nichts anderes mehr Platz greifen konnte in seinem gemarterten Hirn, und es war ihm, als kämen all diese Angstketten, die ihn umschlangen, von einer anderen, vielleicht höheren Instanz, auf die er keinerlei Einfluss hatte, und so litt er Höllenqualen, wenn er seinem Drang nicht nachkam.

Gedanken kreisen


Naturgemäß hasste er sich dafür, dass er sich - wie er meinte - selbst ein Gefängnis gebaut hatte, in dem er jetzt seit vielen Jahren lebte, er fand es ekelerregend, quälend und abstoßend, wenn seine Gedanken um nichts anderes kreisten als um sein ewig und immer gleiches Thema, und diese Gedanken konnten sich, da er seit langem allein war und immer weniger Menschen doch noch ab und zu in sein Leben traten, weiter und weiter ausbreiten, immer mehr Platz greifen in seinem Inneren, das so verletzt war wie seine vom ewigen Waschen zerstörte Haut.

Seine Haut, die er jetzt, nachdem er nach zweieinhalb Stunden der Reinigung der Duschkabine entstieg, sorgfältig mit einem frisch gewaschenen Handtuch trockenrieb, seine Haut, die er danach mit einer keimtötenden medizinischen Creme versorgte, seine Haut, die er dann mit frisch duftenden neuen Kleidern umhüllte, seine arme, arme Haut.


Info:

Gabriele Vasak ist freie Journalistin und Schriftstellerin. Sie beschäftigt sich mit medizinischen und psychologischen Fragestellungen und mit den «großen» Lebensthemen der Liebe, der Arbeit, der Krankheit und des Todes, in denen sie oft aber das «Kleine» sucht, das in Wahrheit jeder kennt. Ihr Instrument ist eine hochpräzise, atemlos rhythmische Sprache.

Aktuellste Publikationen:
Dunkelweiß - Über die vermeintliche Liebe (Gedichte). Bibliothek der Provinz, 2012
Verwehte Erinnerung (Sachbuch mit Belletristik). Molden, 2013

Mehr auch unter: www.gabrielevasak.com


Gabriele Vasak / 17.02.2015