Callcenter

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Simone Kremsberger / 29.08.2007
II

Marco hat zurückgegelte Haare und trägt einen Anzug. Am ersten Tag zeigt er mir einen Plüschhasen. Das ist das Pausentier, sagt er. Wenn du aufs Klo musst oder eine Zigarette rauchen willst, setzt du es auf deinen Platz. Dann wissen alle im Büro, dass du auf Pause bist. Ich sehe ihn verständnislos an. Pro Büro gibt es ein Pausentier. Es kann also immer nur einer aufs Klo gehen, erklärt er. Oder rauchen, sage ich. Marco nickt anerkennend. Richtig.

Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag. Marco übt mit mir.
Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag. Marco ist zufrieden.

III

Ich gehöre hier zu den Ältesten. Viele junge Mädels. Wie alt bist du?, fragen sie mich. Echt? Dabei gibt es einen, der älter ist als ich. Tatsächlich ist er alt. Er hat Philosophie studiert und alle scheinen Angst zu haben, dass er mit ihnen ein Gespräch beginnt. Beim Telefonieren sitzt er neben mir.

Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag.
Ja?
Hätten Sie Zeit für ein Interview?
Jetzt nicht.
Klick.
Mein erstes Telefonat ist vorbei.
Du darfst nicht fragen, ob sie Zeit haben, belehrt mich der Alte. Alle werden nein sagen.

Ich wähle wieder.
Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag.
Woher haben Sie meine Nummer? Geben Sie mir Ihren Vorgesetzten.
Klick.
Diesmal habe ich aufgelegt.
Du darfst nicht einfach auflegen, sagt der Alte. Dafür gibt es keinen Grund.

Ich setze den Plüschhasen auf meinen Platz und gehe eine Zigarette rauchen.

IV

In den drei Toilettenschüsseln wurden die drei Pausentiere verschmutzt aufgefunden. Keiner war es. Die Pausentierregelung ist aufgehoben. Marco ist persönlich beleidigt.

Zwischen den Telefoninterviews drängen wir uns in der Raucherkammer zusammen. Die Raucherkammer ist so klein, dass sie sofort völlig vernebelt ist. Wenn man eintritt, brauchen die Augen ein paar Sekunden Zeit, um durch die Rauchschwaden durchzusehen und zu erkennen, wer gerade raucht. Alle warten beim Eingang einen Moment. Sonst könnten sie sich irrtümlicherweise zu dem Alten stellen.

V

Neue Vorschrift: Aufgrund des Ausnutzens und In-die-Länge-Ziehens von Toilettenpausen durch private Gespräche, Handytelefonate und Rauchen ist künftig beim Toilettengang auszubuchen.
Große Aufregung.
Korrektur der neuen Vorschrift: Die Toilettenpause wird künftig auf drei Minuten beschränkt. Dafür ist kein Ausbuchen nötig.

Pavel sagt, für einen richtigen Schiss braucht er mehr als drei Minuten. Er kackt nur noch zu Hause.

VI

Neue Vorschrift: Rauchen ist in den Räumlichkeiten verboten.
Heiße Diskussionen.
Auf Nachfrage: Ja, Rauchen ist auch in der Raucherkammer verboten.

Marja sagt, sie trinke nun weniger Kaffee. Dann spare sie sich Klopausen und könne öfter hinaus rauchen gehen.

VII

In den dreiminütigen Toilettenpausen stehen wir draußen auf der Straße und rauchen. Menschen hasten vorbei, weichen uns aus oder rempeln uns an. Das Büro liegt an der größten Einkaufsstraße der Stadt. Wir rauchen schnell. Selda stoppt die Zeit. Abwechselnd muss einer von uns die Zigarette früher wegwerfen und reingehen, um den Lift zu holen. Wenn der Lift da ist, pfeift er. Wir werfen die Zigaretten auf die Straße. Wenn wir oben im Büro angekommen sind, dampfen unten noch kleine Wölkchen. Es sei denn, die Passanten haben die Stummel ausgetreten.

VIII

Marco sagt, die Quote stimmt nicht. Wir brauchen mehr erfolgreiche Interviews. Marco hat eine Trainerin mitgebracht, die uns motivieren soll. Mit der Trainerin spielen wir Ball. Dann telefonieren wir weiter.

Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag.
Ha-llo.
Wer ist denn da?
Die Natta-liie.
Sind deine Eltern da?
Pause.
Die Mama ist nicht da.
Und dein Papa?
Pause.
Papa hab ich nicht.

IX

Die Quote stimmt immer noch nicht. Marco lächelt trotzdem. Hannes erzählt, dass Marco ihm erzählt hat, dass er mit Lidija im Bett war. Lidija ist fünfzehn.

Lidija macht lange Rauchpausen in Marcos Büro. Die anderen schneiden sie.

X

Die Quote stimmt immer noch nicht. Marco droht mit Kündigungen. Lidija hat mit den anderen Mädels getuschelt und gekichert. Gerüchteweise trägt Marco Slips mit Garfield-Aufdruck und wohnt bei seiner Mutter.

Lidija läuft mit den anderen runter rauchen und meldet sich freiwillig zum Liftholen. Sie ist wieder integriert.

XI

Lidija war den letzten Tag da. Es heißt, sie sei schwanger.

Ich bin ein halbes Jahr da und gehöre zu den dienstältesten freien geringfügigen Mitarbeitern. Nur der Alte ist länger da als ich. Wir schimpfen uns alte Hasen und lachen in Andenken an die verschissenen Plüschtiere.

XII

Markt- und Meinungsforschungsinstitut Morbus, guten Tag.
LassenS mich in Ruh mit der Meinung.
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Ich hab keine Meinung.
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Simone Kremsberger / 29.08.2007