Das Testament

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1

Ulrike brach in Tränen aus, als der Arzt die Diagnose aussprach: beginnende Demenz. «Nicht traurig sein! Es kann zehn Jahre dauern, bis Sie ein Pflegefall werden!» Der weißhaarige Mann streichelte Ulrikes Haar. «Es gibt viele wie Sie.»

Illu: Karl Berger


Anna Mwangi / 13.02.2017

«Er behandelt mich schon wie ein kleines Kind!», dachte Ulrike verzweifelt.

Zu Hause in ihrem Wohnzimmer rannte sie verzweifelt umher. Ihr Blick fiel auf die vielen hunderten von Büchern, die sie noch lesen, und auf die Reisekataloge über Orte in Asien und Afrika, die sie unbedingt besuchen wollte.

Dann starrte sie auf die Kassetten für den Chinesischkurs, mit dem sie erst vor drei Monaten angefangen hatte. Sie hatte immer vorgehabt, diese exotische Sprache zu lernen – in der Pension. Doch damit war es aus. Sie wird jetzt nie mehr etwas Neues lernen können.

Sie blickte dann auf die Porträts ihrer vier Kinder und neun Enkelkinder. In einigen Jahren würde sie sie nicht mehr erkennen.

Sie weinte stundenlang und vergaß fast, ihre geliebten Katzen zu füttern. Deren verzweifeltes Miauen brachte sie zurück in die Wirklichkeit.

Sie versuchte sich ihre Zukunft vorzustellen, in einem Pflegeheim für Demenzkranke!

Kinder und Enkelkinder werden sie dort besuchen, am Anfang regelmäßig, doch bald wird sie sie nicht mehr erkennen. Dann werden sie aufhören zu kommen, wozu auch.

Dort wird sie noch zehn, vielleicht zwanzig Jahre leben. Sie kam aus einer langlebigen Familie.

Die enormen Kosten verschlingen zuerst ihr Sparbuch, dann ihr Grundstück, dann ihr Haus. Das Haus, das sie mit ihrem verstorbenen Mann in vielen Jahren für die Kinder aufgebaut hatte.

Nein, das wird sie verhindern. Sie könnte das Haus und ihr gesamtes Vermögen schon jetzt an ihre Kinder verschenken, lange bevor sie in ein Heim übersiedelt. Wenn sie ohne Vermögen ist, könnte man nur ihre Pension zur Finanzierung der Pflege einziehen.

Ja, das wäre eine geniale Idee. Sie war erleichtert, fast glücklich, und beschloss, ihre Kinder zusammenzurufen und ihnen ihren Entschluss über die Schenkung zu Lebzeiten mitzuteilen.

2

Alle saßen im Wohnzimmer und blickten gespannt auf Ulrike. Ihre Söhne, Herbert und Michael und ihre Töchter, Brigitte und Christine. Zuletzt zu Weihnachten vor vier Jahren waren sie zusammen. Ulrike zitterte und wusste nicht, wie sie mit ihrer sorgfältig vorbereiteten Rede anfangen sollte.

So ergriff Herbert das Wort. «Hoffentlich ist es wirklich bedeutend, was du uns zu sagen hast! Ich habe heute eine wichtige Sitzung deinetwegen abgesagt.»

«Du kannst Mama ruhig nach vier Jahren wieder einmal besuchen!», bemerkte Michael.

«Ich bin kein unbedeutender Buchhalter wie du, ich bin Manager eines großen Chemiekonzerns und habe deshalb selten Zeit für private Besuche!», antwortete Herbert.

«Soweit ich weiß, warst du auch schon eineinhalb Jahre nicht hier.»

«Ich habe im Gegensatz zu dir zwei Kinder. Ich muss mich um sie kümmern.»

«Hört auf zu streiten. Mama will etwas sagen!», rief Christine.

«Kinder, ich bin schwer krank!», fing Ulrike unsicher an. «Vielleicht komme ich bald in ein Pflegeheim!»

«Pflegeheime kosten wahnsinnig viel. Das kann dein gesamtes Vermögen in einigen Monaten auffressen!», schrie Herbert entsetzt.

«Was für eine Krankheit hast du eigentlich?», fragte Brigitte.

Ulrike schwieg einige Minuten. Das Wort Alzheimer konnte sie nicht herausbringen. «Krebs!»

«Oh!», entfuhr es allen.

Herbert fasste sich zuerst.

«Mit Krebs muss man nicht unbedingt in ein teures Heim gehen. Die Behandlung kann wesentlich günstiger zu Hause erfolgen!»

Ulrike kämpfte mit den Tränen. «Ich möchte nicht, dass mein gesamtes Vermögen für die Pflege verschwendet wird. Ich möchte euer Erbe retten und verschenke alles jetzt an euch. Dann wird von mir nichts zu holen sein, wenn ich einmal in ein Heim muss!»

«Es müssen seit der Schenkung mindestens drei Jahre vergangen sein, sonst verlangt das Land das Vermögen von den Angehörigen zurück!», erläuterte Michael.

«Ich habe daran gedacht, deshalb will ich schon jetzt alles verschenken. Ich will nur das Wohnrecht im Haus bis zu meinem Tod.»

«Das ist eine sehr vernünftige Entscheidung. Wir können gleich besprechen, wie dein Vermögen unter uns aufgeteilt werden soll», stellte Herbert fest.

«Ich lasse das Grundstück und das Haus schätzen und teile dann alles zu gleichen Teilen unter euch auf. Das Gleiche mache ich mit dem Sparbuch. Es sind 400.000 Euro darauf.»

«Mama, es wäre ungerecht, allen das Gleiche zu geben. Herbert hat einen gut bezahlten Managerposten und keine Kinder. Ich habe aber vier Kinder, bin geschieden und kriege kaum Unterhalt», sagte Brigitte.

«Was geht es uns an, dass du mit einem verantwortungslosen Kerl vier Kinder gezeugt hast. Deswegen hast du kein Recht, mehr zu bekommen als die anderen», rief Herbert.

«Ich habe Mama aber alle drei Monate besucht, du nur alle zwei Jahre.»

«Das waren aber Besuche, die jedes Mal mindesten eine halbe Stunde dauerten, und eine Torte habe ich auch immer mitgebracht.»

«Ich habe Konkurs mit meinem Gasthaus gemacht und brauche Hilfe. Keiner von euch ist in so einer schlimmen Lage. Ich habe 200.000 Euro Schulden», sagte Christine.

«Wie kommen die anderen dazu, sich mit weniger zufrieden zu geben, nur weil du nicht wirtschaften kannst!», schrie Michael «Außerdem hat Mama dir schon voriges Jahr 100.000 Euro gegeben.»

«Recht hat er.Wie kommen wir dazu!», riefen alle.

Christine wurde rot und schlug mit der Faust auf den Tisch.

«Ihr seid gemeine, habgierige Biester und denkt nur an euch. Ich habe aber drei Kinder und vertrete ihre Interessen. Wie kommt Herbert, der kinderlos ist, dazu, den gleichen Anteil zu haben als wir Kinderreichen.»

«Recht hat sie!», schrien alle.

«Ich werde zu Gericht gehen, wenn ich wegen meiner Kinderlosigkeit benachteiligt werde», drohte Herbert.

«Nur weil du Geld hast, haben wir keine Angst vor dir. Wir werden dem Gericht sagen, dass du dich um Mama überhaupt nicht gekümmert hast.»

«Das ist eine Lüge. Ich habe sie alle drei Monate angerufen. Wenn ihr Versager wagt, euch gegen mich zu verschwören, werdet ihr mich kennen lernen.»

Ulrike versuchte den Lärm zu überschreien. «Seid lieb zueinander, ihr seid doch Geschwister!»

«Mama, welchen Krebs hast du überhaupt?», fragte Christine.

«Ich … ich habe Brustkrebs.»

Niemand sagte etwas. Es machte keinen besonderen Eindruck.

«Ich werde mich mit meinem Rechtsanwalt beraten, wie die Schenkung am besten zu machen ist», versprach Ulrike.

«Berate dich lieber mit uns, wir sind die Betroffenen», meinte Herbert.

«Ich habe bereits einen Vorschlag. Das Haus könnten wir verkaufen, noch vor deinem Einzug ins Pflegeheim. Du könntest eine kleine Wohnung mieten.»

«Das Haus verkaufen! Niemals. Ich habe 38 Jahre hier gelebt. Ich habe Tiere …»

«Wenn du krank bist, kannst du sie sowieso nicht versorgen. Wozu brauchst du so viele Katzen. Zwei Stoffkatzen würden genügen.»

«Das Haus solltest du mir allein überlassen, meine vier Kinder brauchen Platz», meinte Brigitte.

«Wieso dir, ich habe auch Kinder!», warf Christine ein.

«Ich auch!», rief Michael.

«Wie komme ich dazu, benachteiligt zu werden, nur weil ich noch keine Kinder habe. Ich kann noch welche zeugen», schrie Herbert.

«Hättest du früher welche gezeugt», lachte Michael.

«Wagst du dich in mein Privatleben einzumischen, du Versager?»

Die Geschwister sprangen auf und schrien einander an. Ulrikes Bitte um Ruhe ging im Lärm unter. Das Geschrei dauerte bis Mitternacht. Dann verließen die Geschwister einzeln, im gehörigen Abstand voneinander, das Elternhaus.

3


Bis ins Morgengrauen saß Ulrike am Tisch. Sie sah in ihrer Fantasie ihre Kinder im Gericht, in Begleitung ihrer teuren Anwälte, verschuldet, von Hass erfüllt. Sie wird das zum Glück in einem Schlafsaal im Altersheim oder im Grab gar nicht mitbekommen.

Sie werden ihre Schenkungsurkunde angreifen. Die Mutter wäre ja bei der Abfassung nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Wäre kein Vermögen da, würde es keinen Streit geben. Was sollte sie jetzt machen?

Ihr Blick fiel auf ihre geliebten Katzen, die in der Ecke zusammengerollt friedlich schliefen. Sie streichelte sie liebevoll. «Ich werde für euch sorgen!»

Hierzulande war es leider nicht möglich, den Katzen persönlich das eigene Vermögen zu schenken. Doch sie könnte alles dem Tierschutzverein vermachen.

Der Tierschutzverein würde von ihrem Geld ein neues Haus bauen, wo verlassene Hunde und Katzen, glücklich bellend und miauend, ohne Angst vor der Spritze des Tierarztes, bis zu ihrem natürlichen Ende leben könnten. Am Tor würde man eine Marmortafel aufstellen mit der Aufschrift: «In Erinnerung an Ulrike Holz. Die dankbaren Tiere».

Ihre Kinder würden sicher kämpfen, aber nicht gegeneinander, sondern geschwisterlich vereint im gemeinsamen Hass gegen den Tierschutzverein.

Sie schlief glücklich ein. Am nächsten Morgen bat sie telefonisch um einen Termin beim Notar.


Anna Mwangi / 13.02.2017