Der «Gender Gap» als betriebswirtschaftliches Eigentor?

Im Zuge unserer Spenden-Kampagne erhielt die Redaktion viele Zuschriften von (ehemaligen) Leser_innen, die die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache im Augustin für den Verkaufsrückgang mitverantwortlich machen. Der Augustin sei dadurch unlesbar geworden, lautete der Grundtenor. An dieser Stelle ein ausführlicher Kommentar eines Lesers.
Helmut Resch / 13.06.2012

Genderei macht selten frei

Oder: Warum ich es zutiefst traurig finde, dass wir uns immer tiefer in sprachlichen Sackgassen verirren, anstatt uns um die wirklichen Probleme zu kümmern.

 

Nun wird also auch der Augustin von manchen nicht mehr gekauft, weil er sich entschlossen hat, mit der Zeit zu gehen und die (!) «Gender Gap» einzuführen. Wieder einmal große Aufregung, und wieder einmal stellt sich die Frage: Wozu das Ganze?
Eigentlich ist es nur eine Hypothese, auf der diese Änderungen in der Schreibweise basieren. Die da lautet: Sprache bestimmt das Bewusstsein, und wenn man die Sprache verändert, verändern sich auch Dinge in den Köpfen der Menschen. Diese Hypothese wird mittlerweile als unwiderlegbare Tatsache angesehen, und alleine sie zu hinterfragen ist in Augen ihrer Hardcore-Vertreter schon patriarchale Ketzerei.

 

Natürlich stehen Sprache und Denken in Zusammenhang. Aber was bestimmt was? Wissen wir das wirklich so genau? In der Vergangenheit gab es immer wieder Bemühungen in diese Richtung normalerweise immer in autoritären Systemen. Praktisch war der Erfolg immer Null. Im Gegenteil, «Neusprech» aller Art war dann höchstens Objekt mehr oder weniger bissigen Spottes, selbst wenn man es im offiziellen Alltag immer brav verwendet hat.

 

Viele Dinge haben sich in den letzten 40 Jahren zum Besseren verändert. Kinder müssen nicht mehr still sitzen wie dressierte Hunde, Menschen mit Behinderung werden nicht mehr weggesperrt, homosexuelle Menschen werden nur mehr von einer unbelehrbaren Minderheit als Perverse angesehen, die tradierten Rollenbilder sind längst nicht mehr so lebensbestimmend wie sie es einmal waren. All das geschah, ohne dass irgendjemand dazu an der Sprache hätte «herumdoktern» müssen. Im Gegenteil: Homosexuelle Menschen bezeichnen sich heutzutage selbst als «schwul» oder «lesbisch» vor 30 Jahren war das noch ein abwertendes Schimpfwort. Es geht also auch umgekehrt!

 

Wenn man die Befürworter dieser Sprachspiele mit dem Widerstand gegen die «Verschlimmbesserung» konfrontiert, heißt es immer: Die Leute wehren sich doch nur deswegen so, weil sie an ihrem alten Denken festhalten wollen, und deshalb müssen wir diesen Weg unbedingt weiter gehen. Ich kenne solche Argumente hauptsächlich von Sekten und sektiererischen Bewegungen. Das Schema dort ist: Wir wissen, dass wir Recht haben. Wenn wir kritisiert werden, ist das ein Beweis dafür. Daher können wir Kritik getrost ignorieren. Willkommen in der Welt der in sich geschlossenen Denksysteme!

 

Mir ist die Welt des «Binnen-I», der (!) «Gender Gap», und all der anderen scheinbar korrekten Wortschöpfungen aus mehreren Gründen zutiefst unsympathisch:

Der erste Grund ist, dass all diese Wortschöpfungen absolut alltagsuntauglich sind. Tatsächlich verwendet werden sie nur von einer kleinen Minderheit. Der Rest erduldet das seltsame Spiel, und redet im Alltag im Übrigen so wie immer. So wie die alte Dame, die zur Heimhilfe sagte: «Schutzhose? Was ist eine Schutzhose? Ah so, na sagenS doch gleich, dass Sie die Windel meinen !»

Der zweite Grund ist der fatale Irrglaube, den ich dahinter sehe. Mir scheinen diese ganzen Wortungetüme so, als ob man hartnäckig versuchen würde, eine völlig desolate und vermoderte Wand hartnäckig mit neuer Farbe zu übertünchen, in der festen Überzeugung, dass man auf diese Weise ganz bestimmt irgendwann eine tolle, neue Mauer erhält.

Der dritte, und für mich gravierendste Grund ist die Überheblichkeit und Heuchelei einer kleinen, selbsternannten Elite, die ich dahinter sehe. Denn in Wirklichkeit ist es ein ziemlich perfides Spiel, das hier gespielt wird: Nein, wir machen uns nicht die Arbeit, die Mühen der Ebene zu ertragen, wo man vorab viel Schweiß und Tränen investieren muss, bevor man irgendwann einmal auch Ergebnisse sieht. Wir nehmen lieber die bequeme Abkürzung: Wir geben den Dingen einfach neue Namen. Wir schaffen uns eine Welt in schwarz-weiß, und nur wer «richtig» sagt, der ist auf unserer Seite. Wir sind nämlich zu faul, die Dinge differenziert zu sehen, wir sind ideologisch viel zu verblendet, um noch sehen zu können, was es bräuchte, um echte Veränderungen zu bewirken aber das ist uns egal, denn wir wissen, dass wir Recht habe, und deshalb müsst ihr alle jetzt nach unserer Pfeife tanzen!

Nein, ich will damit unter gar keinen Umständen behaupten, dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit nichts mehr zu tun gäbe. Im Gegenteil. Aber leider bestimmt derzeit ein kleines Grüppchen die Diskussion, die den Gegnern all dieser Bemühungen immer wieder einen Bärendienst leistet: Wen wundert es, dass diese ganzen Sprachkorrekturen regelmäßig auf Spott und Hohn stoßen? Jeder, der noch über etwas Hausverstand verfügt, sieht doch sofort, dass man auf diese Weise nichts bewegt. Dass die Berliner Mauer «antifaschistischer Schutzwall» hieß, hat wie viel daran geändert, dass die Eingesperrten sie hassten? Genauso wenig wird das Binnen-I etwas daran ändern, dass Frauen bei gleicher Ausbildung weniger bezahlt bekommen als ein Mann. Und die massiv ausgegrenzte Gruppe der Transgender wird die «Gender Gap» keinen Millimeter näher an die Mitte der Gesellschaft führen.

 

Aber leider leben wir in einer Zeit, in der Oberfläche alles, und Inhalt nichts ist. Offensichtlich auch bei solchen Dingen. Und so fürchte ich, dass wir wohl noch viele Jahre diesen sinnlosen Kampf gegen Windmühlen sehen werden, bevor die Verantwortlichen hoffentlich zur Besinnung kommen und erkennen, was es wirklich braucht, um eine Gesellschaft zu verändern.

 

Helmut Resch / 13.06.2012