Der Musterkoffer

Morgens läutet es an der Tür, und ich öffne nur unwillig. Vor mir steht lächelnd eine Frau mit Hut und Mantel, die aussieht, wie ich mir Fräulein Prysselius aus Pippi Langstrumpf immer vorgestellt habe. Fast wie im Film, aber nicht ganz.
Karin Marinho da Silva / 11.10.2014
Noch bevor ich reagieren kann, hat sie schon den sprichwörtlichen Fuß in der Türe, schiebt mich zur Seite, dringt in meine Wohnung vor und knallt ihren fetten Aktenkoffer auf meinen Wohnzimmertisch.
Ihr flinker Blick mustert mich. «Ich glaube, eine Veränderung wäre angebracht, oder?»
Mit einem weiteren Lächeln öffnet sie den Koffer, der, wie ich jetzt sehe, ein Musterkoffer ist. Die Frau durchstöbert die unzähligen Fächer, die jeweils wieder in Fächer unterteilt sind.
«Was halten Sie von dem?», grinst die freundliche Dame und überreicht mir ein Karrieremuster. Verdutzt schaue ich es an, weiß damit nichts anzufangen und möchte es in den Mistkübel schmeißen, traue mich aber nicht. Verlegen also behalte ich es in der Hand.
«Wenn Sie bereit sind, Ihr Karrieremuster zu ändern, garantiere ich Ihnen eine Musterkarriere, wie sie im Buche steht!»
Dass damit nicht viel bei mir rauszuholen ist, ist offenbar, und die Frau mit Hut und Mantel fächert in Windeseile alle Fächer vor mir auf und wieder zu, dass mir ganz schwindlig wird. Dann hält sie mir strahlend ein neues Muster hin.
«Bewegungsmuster! Das erleichtert das Leben enorm. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Uuuuund -»
Den Vokal langziehend taucht sie in ihre Musterkollektion, hält kurz den Atem an und zieht gleichzeitig mit einem tiefen Luftzug ihr nächstes Angebot hervor: ein Essmuster.
«Mit dem habe ich schon viele Kilos verloren. Normalerweise geht ja mit einer Veränderung des Bewegungsmusters auch eine Veränderung des Essmusters einher, aber für beide zusammen kann ich Ihnen einen satten Rabatt anbieten. Und der Erfolg ist Ihnen sicher!»
Ich gähne und denke, dass ich ohne ihren Besuch schon längst beim Joggen wäre. Sie sieht, dass ich mich für ihre Vorschläge nicht begeistern kann, denn ohne mir die beiden Muster zu überreichen, steckt sie sie wieder weg. Doch aufgeben will sie noch lange nicht. Wie ein Akkordeon faltet sie die Trennwände an einem Ende auf und quetscht die anderen dabei zusammen, dass laut die Luft entweicht. Immer schneller sausen ihre Finger zwischen den Fächern hin und her. Sie zieht alle Register, um mich zu beeindrucken.
«Beziehungsmuster!», zaubert sie als Nächstes hervor, «Ein neues Beziehungsmuster brauchen Sie sicher! Das hat noch keinem geschadet. Besonders nicht uns Frauen», versucht sie zu witzeln, was ich nur mit einem strengen Blick kommentiere. Unverdrossen drückt sie es mir in die Hand.
«Das müssen Sie probieren! Das kann ich Ihnen wärmstens empfehlen!»
Ich sehe es höflichkeitshalber etwas genauer an. Es unterscheidet sich kaum von denen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, und ein kalter Schauer läuft meinen Rücken runter. Auch wenn sie es erwartet, ich sage nichts, sondern überlege, wie ich sie aus meiner Wohnung bekomme.
Glücklicherweise scheint sie langsam mit ihren Musterbeispielen am Ende zu sein und ich verärgert. Denn sie hat mir erfolgreich mein morgendliches Ritual, nämlich das des Kaffeetrinkens, kräftig versalzen. Dafür ist sie noch prächtig gelaunt, und ohne Müdigkeit fischt sie ihr nächstes Schnäppchen heraus, als könne sie sich tatsächlich in meine Gedanken einklinken, denn was sie mir unter die Nase hält, ist ein Verhaltensmuster. Ich bin empört!
«Ich bin ein Musterbild einer Frau, habe einen Mustergatten, mit dem ich eine Musterehe führe, und muss der Verlockung ihrer Angebote daher nicht erliegen», lüge ich in meiner Not und füge «Und das Blumenmuster ihres Kleides ist abscheulich!» hinzu, um der Wahrheit ein bisschen treu zu bleiben.
Die Frau, musterhaft beherrscht, lächelt nur mild, wagt einen letzten Versuch und wachelt mit ihrem allerletzten Trumpf vor meinen Augen: einem neuen Denkmuster.
Ich denke ja schon länger, dass damit etwas nicht stimmt, und greife schon nach der Chance. Die Frau, ihren Triumph nun auskostend, hält das verheißungsvolle Muster noch etwas höher, sodass ich es nicht einmal auf Zehenspitzen erreichen kann, nein, springen müsste ich. Da wird mir klar, dass ich ihr gewaltig auf den Leim gegangen bin, weiche zurück und rufe: «Ich lasse mir von Ihnen kein Muster aufzwingen, ich brauch Ihren Ramsch nicht! Verschwinden Sie!»
«Ich weiß schon, sie wollen keine Veränderungen! Aber, wer weiß ...»
Sie kramt einige kleine Päckchen hervor und legt sie auf den Tisch, bevor sie ihre Ziehharmonika-Tasche endgültig verschließt.
«... vielleicht überlegen Sie es sich doch noch! Die Probemuster lass ich Ihnen einfach da!»

Karin Marinho da Silva

Karin Marinho da Silva / 11.10.2014