Die Arbeitsverweigerer

Vor dem Wiener Burgtheater. Es ist noch zeitig am Vormittag, zwei arbeitslose Schauspieler schwingen ihre Besen und kehren die Straße. Nach einer Weile unterbrechen sie ihre Tätigkeit, ohne jedoch ihre Besen aus der Hand zu legen, und beginnen ein Gespräch.
Roman Müller-Balac / 27.01.2011
Erster: So gut besucht, wie die Kritiker schreiben, ist die letzte Premiere im Burgtheater sicher nicht gewesen. Es lag ja vor dem Eingang des Theaters kaum etwas herum, kein Stück Papier, kein verlorenes Programmheft.
Zweiter: Ich bitte dich, wer geht denn heutzutage noch ins Burgtheater, wenn er nicht gerade durch einen Todesfall in der Familie ein Abonnement geerbt hat. Es ist still geworden ums Burgtheater, es fehlen eben die großen Schauspieltalente, und anstatt dass man uns beide endlich auf die Bühne bringt, sind wir dazu verdonnert worden, das menschenleere Burgtheater-Platzerl zu fegen, damit wir unsere 744 Mindestsicherung durch diese schweißtreibende Geste der Unterwürfigkeit auch ausbezahlt bekommen. Ein schöner Sozialstaat, sage ich dir.
Erster: Den Mimen flicht auch der Sozialstaat keine Kränze mehr. Das geheiligte Menschenrecht der menschenwürdig bezahlten Arbeit wird in dieser perfiden Interpretation eine Arbeitspflicht für so genannte Sozialschmarotzer, die just am End nix hackeln wollen.
Zweiter: Das unterscheidet diese wiederum von jenen Leuten, die sich ihrer Arbeitspflicht entzogen haben, indem sie angeblich das Volk vertreten, und aus persönlicher Unfähigkeit zu keiner anderen bezahlten Untätigkeit fähig sind.
Erster: Bumsti! Du nimmst dir ja wirklich kein Blatt vor den Mund.
Zweiter: Deswegen gab es auch in der letzten Zeit keine geeigneten Rollen mehr, die ich hätte darstellen können. Ich habe nämlich ein ganz besonderes Theaterfach, und zwar die Rolle des Goscherten. Dieses beliebte und gleichzeitig unbeliebte Charakterfach wurde immer seltener auf der Bühne, und schließlich bekam ich von der Direktion des Burgtheaters einen blauen Brief und eine magere Abfertigung. Ich ließ mich vom AMS zur Gründung eines Ein-Mann-Unternehmens hinreißen und gründete mit dem Förderungsgeld ein politisches Kabarett. Zusätzlich erhielt ich eine Lehrlings-Förderung, weil ich in meinem Kabarett aus Barmherzigkeit einen Inder beschäftigte, der während des ganzen Programms auf seiner Sitar spielte. Allein das Publikum blieb aus.
Erster: Es ist mir nicht besser ergangen. Auch ich war einst ein Schauspieler und hatte jeden Abend meine regelmäßigen Bühnenauftritte als Angestellter der Bundestheater. Plötzlich wurde mir gekündigt und ich als Zeitarbeiter oder richtiger gesagt als «Wort-Arbeiter» wieder eingestellt. Es wurde mir nun für jedes Wort, das ich auf der Bühne sprach, ganze 10 Cent bezahlt.
Zweiter: Das ist doch nicht schlecht. Mit so einem langen Monolog aus einem Stück von Shakespeare oder dem langatmigen Sophokles geht sich gleich eine saftige Abend-Gage aus!
Erster: Mag sein. Leider habe ich nur eine winzige Nebenrolle gespielt und musste insgesamt nur wenige Sätze sprechen. Da ging sich nur ein armseliges Trinkgeld aus, das ich aus lauter Verzweiflung gleich in der Kantine des Theaters vertrank und mich dabei noch überdies in Schulden mit dem Kantinenwirten stürzte. Ich begann daher die knappen Worte, die mir der Autor des Theaterstückes zugemessen hatte, durch Improvisationen aus dem Stegreif zu vermehren und redete jedes Mal einen extemporierten Text, der sich ungebührlich immer weiter in die Länge zog und um eine Vielzahl von Worten bereichert wurde, die ich mir wiederum vom Zahlbüro des Theaters mit barer Euro-Münze verrechnen ließ. Ich wurde von meinen Kollegen mit Neid und Missgunst betrachtet, und viele glaubten, ich wollte mich aus purer Eitelkeit auf der Bühne so hervortun. Die viel berühmteren Kollegen auf der Bühne mussten sich jeden Abend geduldig anhören, bis ich meine improvisierten Monologe vom Stapel gelassen hatte, dann erst konnte das eigentliche Stück fortgesetzt werden. Langsam konnte ich meine Schulden in der Kantine wieder begleichen. Es muss Verrat im Spiel gewesen sein, als meine tollkühne Handlungsweise in der Direktion ruchbar wurde. Nachdem der Theaterdirektor schließlich eigens das betreffende Theaterstück durchstudiert hatte, wurde mir fristlos gekündigt.
Zweiter: Das sind eben paradiesische Zustände für die so genannte freie Marktwirtschaft, dass ein Zeitarbeiter fristlos entlassen werden kann und auch sonst keine angestammten Arbeiterrechte mehr hat. Warum sollte nicht auch die Republik davon profitieren? So gilt auf dem Arbeitsmarkt das Billigstbieter-Angebot und die ausgezahlten Löhne sind verschwindend gering.
Erster: Das Boot, in dem wir alle sitzen, treibt in solchen Zeiten höchst unsozialen Fahrtwassern entgegen. Der zynische Geist der Marktwirtschaft spukt im Unterbewusstsein des Sozialstaates und vermarktet sogar den lebendigen Menschen als Wirtschaftsfaktor mit höherem oder geringem Nutzen. Entweder man ist in der neuen Gesellschaftsordnung ein Konsument oder ein Sozialschmarotzer. Und das kann man sich leider nicht einmal aussuchen. So bin ich auf dem Höhepunkt meiner dramatischen Karriere zum Langzeit-Arbeitslosen und Straßenkehrer herabgesunken. Die großen Tragödien werden jetzt in meinem Künstlerhaushalt gespielt, wo es wie in einem Taubenschlag zugeht, weil der Pleitegeier aus- und einfliegt.
Zweiter: Dieser treue Unglücksvogel fühlt sich auch bei mir wie zu Hause und hat mich unter seine entbehrungsreichen Fittiche genommen.

«Unsere Besen sind ja Staatseigentum!»


Erster: Ich schlage eine Protest-Aktion vor! Wir sollten unsere Besen und unseren Mistkübel öffentlich verbrennen und auf unsere desolate Situation hinweisen!
Zweiter: Das könnte uns am Ende als terroristische Aktion angelastet werden, unsere Besen sind ja Staatseigentum, und das dehnbare Anti-Terrorismus-Gesetz ist heutzutage ein beliebter Anklagepunkt. Wenn wir hingegen einen Haufen Pferdemist vor dem Burgtheater aufschütteten, wie es dazumal ein gewisser Fehderich Tausendwasser bei Thomas Bernhards «Heldenplatz»-Premiere getan hat, könnten wir damit eventuell ein echtes Kunstwerk schaffen und bekämen anschließend eine Künstlerförderung.
Erster: Eine Künstlerförderung für einen ökologischen Haufen Rossknödel? So viel Humor haben sie auf dem Ministerium wieder auch nicht. Unsere Gesellschaft kann schon keine bleibenden Kunstwerke mehr hervorbringen, sondern nur noch mehr oder weniger erfolgreiche Überlebenskünstler mit ungewissem Schicksal, deren Sozialstaat sich als eine historisch gewordene Kulisse zu erweisen droht, die am Ende der Vorstellung stückerlweise abgebaut werden soll.
Zweiter: Es bleibt uns beiden noch die einzige Möglichkeit, ein Kellertheater zu eröffnen und so diesen schmachvollen Besen doch noch mit der dramatischen Rede zu vertauschen.
Erster: Sollen wir gemeinsam in den Keller lachen gehen? So ein Untergrundtheater könnte uns unter Umständen monatlich noch weniger als die Mindestsicherung und dafür eine Menge Scherereien einbringen. Wir haben ja keinen Iffland-Ring, den wir im Dorotheum versetzen könnten. So ein Kellertheater wäre ein sehr riskantes Unternehmen, mein Freund, selbst wenn dein erwähnter indischer Kollege wieder die Sitar spielt.
Zweiter: Stimmt, aber wenn wir im Gegenteil kein Kellertheater eröffnen, dann kann uns das wieder als Arbeitsunwilligkeit ausgelegt werden, und wir dürften mit unseren vermaledeiten Besen des Straßenkehrers erst im hohen Lebensalter des Methusalem in die Mindestpension gehen.
Erster: Vielleicht werden sie uns das Pensionsalter so weit hinauf setzen, dass unsereiner schon sehr gesund leben müsste, um dasselbe überhaupt zu erreichen. Aber wem sage ich das als arbeitsloser Schauspieler? Fehlt dir denn nicht auch manchmal das Feedback des Theaterpublikums? Dieser berauschende Moment, wo sich der Vorhang öffnet und unsereiner gleichzeitig bemerkt, dass man seine Rolle vergessen hat?
Zweiter: Kaum. Es war auch niemals meine Absicht, in dieser undankbaren Welt ein Publikumsliebling auf dem Theater zu werden. Aber dass wir beide jetzt die Straßen kehren müssen ist doch ein starkes Stück, findest du nicht auch?
Erster: Auch ich bin es leid, meine allerschönsten Monologe an einen alten Besen zu verschwenden, der jeden Tag weniger Borsten hat und mir trotzdem immer schwerer in der Hand liegt.
Zweiter: Es wird uns aber nichts anderes übrigbleiben, als dem zufälligen Publikum als zwangsverpflichtete Straßenkehrer auch weiterhin dieses unwürdige Schauspiel zu bieten, damit sie uns die Mindestsicherung nicht streichen. Dann könnten wir höchstens noch mit einem Theaterkostüm bekleidet durch die Stadt gehen und tagsüber die Passanten auf der Kärntner Straße mit rührenden Worten zu einer freiwilligen Spende überreden.
Erster: Hör doch auf. Unsere liebe Polizei wäre am Ende noch dazu im Stande, selbst zwei Chaoten wie uns wegen organisierter Bettelei zur Anzeige zu bringen. Und wegen der Theaterkostüme könnten sie uns am Ende noch für illegale Ausländer halten und abschieben.
Zweiter: Das wäre allerdings mit unserem gepflegten Burgtheater-Deutsch leicht möglich.
Der Vorhang fällt.
Roman Müller-Balac / 27.01.2011