Die Ausmusterung

article_1449_AusmusterungUboot_180.jpg Ein U-Boot samt Besatzung reichte der aus St. Johann in Pongau stammende und in Bayern lebende Künstler Stefan Rohrmoser im Jahr 2009 für den Förderpreis des Landes Salzburg ein. Die TeilnehmerInnen des geladenen Wettbewerbs mussten ihre Arbeiten ausgehend von der Fabel "Die Grille und die Ameise (siehe unten links) des französischen Schriftstellers Jean de La Fontaine (162195) gestalten.
Im Konzept des Bildhauers stellt ein U-Boot den perfekten Schauplatz für das Aufeinandertreffen von Kreativität und Vernunft in einem politschen Rahmen dar (siehe unten rechts). Rohrmoser schnitzte über fünfzig Figuren, die die potenzielle Crew darstellen, doch nur knapp vierzig wurden schlussendlich auch angeheuert. Der Rest fiel der Ausmusterung (zugleich der Titel des Kunstwerks) zum Opfer einer Ausmusterung zugunsten des kreativen Auftretens: Mit diesen Individualisten wäre aber kein Krieg zu gewinnen, so der Bildhauer.
Stefan Rohrmoser / 24.02.2010
Die Grille und die Ameise

Die Grille, die den Sommer lang
zirpt' und sang,
litt, da nun der Winter droht',
harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
und von Fliegen keine Spur!
Und vor Hunger weinend leise,
schlich sie zur Nachbarin Ameise,
fleht' sie an, in ihrer Not
ihr zu leihn ein Stückchen Brot,
bis der Sommer wiederkehre.
»Hör«, sprach sie, »auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl'
Zins ich dir und Kapital.«
Die Ameise, die, wie manche lieben
Leute, das Verleihen hasst',
fragt' die Borgerin: »Was hast
du im Sommer denn betrieben?«
»Tag und Nacht hab' ich ergötzt
durch mein Singen alle Leut'.«
»Durch dein Singen? Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann tanze jetzt!«

Aus: Jean de La Fontaine: Fables. Übersetzt von Ernst Dohm.
Bertelsmann 2001


Liebe Leserin, lieber Leser,
hier trifft ein Staatsgebilde (Ameisen) auf musische Individualisten (Grillen).
Jedes Staatswesen entwickelt einen Verteidigungsapparat, um Abgrenzung zu ermöglichen. Umgelegt auf das menschliche Staatswesen und dessen Verteidigung dient mir ein U-Boot als Möglichkeit zur poetischen Aussage. Warum? Erstens ist das U-Boot ein großartiges Symbol für das Hin- und Herpendeln zwischen bewusstem und unterbewusstem Handeln (auf- und abtauchen in der Masse).
Zweitens gibt es kaum ein besseres Beispiel für das Gefangensein im Staatsapparat. Befehlsempfang, Pflichterfüllung sowie simpel Bedürfnisbefriedigung sind möglich. Um in der Wirklichkeit den Aufwand für ein U-Boot zu rechtfertigen, braucht es ein Feindbild. Es werden Szenarien von Ressourcenknappheit, Besitz- oder Wertverlust entworfen. Also verfasst eine bedeutende Figur im Büro des Verteidigungsministers folgenden Text (er geht als Rundbrief an alle Staatsbürger einschließlich der Grillen, um eine größtmögliche Bandbreite von Befähigungen zu rekrutieren):

Angesichts der zunehmenden Lebensmittelknappheit sieht sich unser Verteidigungsapparat gezwungen, zur Stabilisierung der Lage ein weiteres U-Boot in das Krisengebiet zu entsenden (wahrscheinlich Schwarzes Meer = äußerste Dunkelheit). Es ist notwendig, die Crew zu erweitern. Folgende Positionen sind neu zu besetzen: (Man denke sich eine Liste mit den wichtigsten Funktionären.)

Bewerbungen senden Sie bitte sowohl an das Ministerium (Mysterium) für Inneres als auch für Äußeres. Mit deutlicher Zuversicht für das Gelingen dieser Operation verbleibt hochachtungsvoll

Rohrmoser Stefan
(Präsident)

Stefan Rohrmoser / 24.02.2010