Die Freiwillige Liese oder der Verlust des Ideellen

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Liese nennt sich die Pensionistin Anneliese gern. Sie nennt das, was sie seit Jahren für Gottes Lohn tut, stets Arbeit, nicht Beschäftigung, aktives Altern. Nach mehr als 10 Jahren ehrenamtlicher Arbeit hält sie kurz inne und schaut und hört sich um. Was sagen Politikerinnen und Politiker über den Gebrauch freiwilliger Dienste?

Illustration: Karl Berger


Elfriede Gans / 12.03.2017

Liese arbeitete schon mehrmals für Flüchtlingskinder. Jetzt ist sie an einem Platz, der ihr angenehm ist. Schon einmal hat sie «nein, danke» gesagt, das war gut. Niemand hat etwas von einer unglücklichen Helferin, meint sie. Die Beziehung zu den fix Angestellten der Organisation kann leicht am Arbeitsdruck scheitern. Wenn so ein Team aber richtig zusammenspielt, ist ein gutes Konzert entstanden. Die Verantwortung trägt letztlich die Organisation, das ist zu akzeptieren, trotzdem bleibt Liese wachsam: Für wen ist was notwendig?

Freiwillige werden natürlich dort als Unterstützung gebraucht, wo es gerade kritisch ist. Nachbarschaftshilfe und Kriseneinsatz haben immer schon so funktioniert. 2011 war das Jahr der Freiwilligen, 2012 wurde eine Charta der Rechte und Pflichten von Freiwilligen in ganz Europa entwickelt, auch ein eigenes Freiwilligen-Gesetz in Österreich, und es gibt seither jährlich eine Freiwilligen-Messe im Wiener Rathaus. Zirka 150 höchst unterschiedliche Vereine suchten letzten Herbst freiwillige Mitarbeiter. 2015 erlebten wir ein positives Beispiel für begeisterten Kriseneinsatz mit viel Applaus, bis die Sache begann, chronisch zu werden. Jetzt ist auf dem Sektor Flüchtlinge etwas Ruhe eingekehrt, und damit beginnen die Mühen auf dem weiten Weg zur Integration. Schön wäre jetzt großzügigere staatliche Finanzierung. Aber man blickt lieber, über die real vorhandenen Bedingungen hinweg, auf den «gemeinsamen Wertekanon» des Integrationsministers. Ansprechpartner der NGOs ist aber der Innenminister, ein studierter und beliebter Dirigent. Er kann mit diesem Orchester nicht, findet Liese.

Die großen Organisationen reagieren wegen Überlastung und chronischem Mangel schwerfällig, das bekommen auch alle hier versorgten Österreicher zu spüren. Die oft zermürbende Einzelarbeit der Integration machen überwiegend Freiwillige, Junge in Sozialjahr, Praktikum oder Zivildienst befristet, Ältere oft jahrelang. Freiwillige genießen Wertschätzung, haben aber keine direkten gestalterischen Möglichkeiten, sondern wirken in dem Takt, den die Organisation vorgibt. Immer öfter wollen Einzelinitiativen beweisen, dass auch effizienter geholfen werden kann. CADUS zum Beispiel ist so ein kreativer Verein in Berlin. Mit professionellem freiwilligem Personal ausgestattet, werden sie ein mobiles Hospital nach Syrien schaffen. Diese Menschen haben ihr Privatvermögen in das Projekt gepumpt. Möchte Liese mit CADUS ins Kriegsgebiet fahren? Sicher nicht, aber sie hat großes Verständnis für die Ungeduld. Irgendwie richten sich diese Aktionen gegen große erfolglose Wohltäter: Seht her, so geht das eigentlich! Liese wünscht CADUS viel Glück und reichlich Spenden.

Wenn sich Liese den Kreislauf von Material, Zerstörung und Wiederaufbau vorstellt, den die Globalisierung – das ist doch kein gewollt krankhafter Zustand der Welt!, denkt Liese – mit sich gebracht hat, wird ihr ziemlich bang: Da sitze ich mit Sanad, dem eifrigen Mädchen aus Somalia, oder mit dem dünnen, schüchternen Omar aus Syrien, wir lesen, schreiben, rechnen mühsam für eine Zukunft. Wird es sich ausgehen, dass sie etwas bei uns finden, das den Namen Leben verdient? Diese Kinder haben alle keine Chance bei uns, meint ein altgedienter Kollege. Wenn du dir die Maßnahmen zur Eindämmung der Flüchtlingskrise anschaust, wenn du die untauglichen Unterrichtsmaterialien anschaust, hast du recht, antwortet Liese. Fakt aber ist, dass diese Kinder da sind, neben uns sitzen und wir für sie tun müssen, was wir können. Empowerment betreiben, sie ermutigen, stärken. Nur so geht Integration. Und das dauert eh länger, als wir leben! Die Kinder sind jetzt da, so wie sie gerade sind, das ist Grund genug, sie liebevoll zu unterstützen. Basta, lieber Heinrich! Heinrich kennt Liese, sie meint das so.

Freiwillige Arbeit hat nichts mit Opfer oder Heldentum zu tun, wie vor 200 Jahren, als in ganz Europa «einjährig Freiwillige» für das Vaterland kämpften. 100 Jahre später überall abgeschafft, existiert es allein in Österreich weiter, als Basis für eine Offizierskarriere. Liese staunt.

Freiwillige Dienste gibt es heute in allen erdenklichen Sparten: kirchlich, sportlich, ökologisch, kulturell, medizinisch, sozial orientiert, überall können neben Fachkräften auch nicht speziell ausgebildete Freiwillige wirken. Gut oder böse? Links oder rechts? Gemeinnützig oder gemeingefährlich?

Darüber bestimmt die Behörde. Auch über steuerfreie Spenden. Ganz große Spenden können sogar dem Spender und der Spenderin finanziellen Gewinn bringen, große Charity-Events lohnen sich für alle. Da geht es um Summen, die sich Liese gar nicht vorstellen kann.

Wer verteilt die dann, die Summen? Die Maloche bleibt jedenfalls bei den NGOs, die sich mit vielen Freiwilligen um das faktische Elend kümmern.

Seltsam, denkt Liese, dass sich Regierungen von den Märkten gängeln lassen, während sie in den Markt um die Globalisierungsverlierer unentwegt regulierend eingreifen.

Zum Beispiel will der Innenminister für € 2,50 Asylbewerber beschäftigen. Dafür wird die Mindestsicherung entsprechend gekürzt. Reguläre Arbeitsplätze sind zu erhalten, also wählt man Tätigkeiten – es gibt eine Liste –, die Freiwillige innehaben könnten. Bekommen sie kein Asyl, können sie kaum untertauchen, anderenfalls bleiben sie leicht in diesem Job hängen. Prima, oder? Liese muss um ihren Job nicht fürchten. Je mehr Personal für Kinder da ist, desto besser. Individualisiertes Lehren und Lernen ist die Zukunft! Sie wünscht sich, dass Landsleute der Kinder mitmachten, sobald sie halbwegs Deutsch und mit Einheimischen zusammenarbeiten können. Den Kindern tut das sicher gut. Liese hat auch mitbekommen, dass die MA 17 muttersprachliche Kurse für Kinder anbietet, damit diese Vergleichsmöglichkeiten für das Lernen der neuen Sprache gewinnen und sich leichter tun.

Asylberechtigung, Wertekurse und Deutschkenntnisse sind offizielle Voraussetzungen für Integration. Wer das alles erreicht hat, steht vor der größten Hürde, nämlich Wohnung und Arbeit zu finden. 2015 waren 17,4 % der Bezieher und Bezieherinnen bedarfsorientierter Mindestsicherung (BMS) Asylberechtigte. Zusammen mit EU-Ausländern (25,6 %) sind es 43 %. Wer Asyl hat, will und muss in Österreich leben und sich integrieren können und wird verdächtig, weil er bleiben will. Man klagt über Bildungsverfall, Kinderzahlen, auch Islamisierung oder Überfremdung. «Sie müssen ihre Wurzeln nicht verleugnen … aber erfolgreich werden Sie nur sein, wenn Sie sich auf unsere Wertvorstellungen … einlassen.» Dieser zumindest ehrliche Satz von Integrationsminister Kurz leitet den Wertekatalog ein. Satz für Satz müsste man den Wertekatalog auch bei Bürgern und Bürgerinnen Österreichs voraussetzen können, denkt Liese. Jemand wird integriert, lässt sich integrieren, hineinnehmen, das ist ganz einfach ein vitaler Prozess über einige Generationen. Wir, NGOs und Freiwillige, sind diesen Fremden ganz nah und all den tausend Missverständnissen, den hunderttausend Problemen und dem ganzen Mitgefühl mit deklassierten, nervösen Kindern und der ganzen Wut über die anhaltende Mängelwirtschaft, und … den schlechten Schulbüchern, den nie enden wollenden Hausaufgaben, all den kleinkarierten Verfügungen, die den komplizierten Prozess gründlich stören. Aber: Es gibt von der MA 17 Foren und Kurse, man dankt!

Da hilft nur eins. Mit den Kindern lernen und sprechen und spielen und blödeln, Raum nehmen, Zeit nehmen und hoffen. Nicht Verständnis für die Mühe erwarten. Du hast aber Nerven! Ja, sagt Liese, leise, weil sie das Gefühl hat, viel in die Stabilisierung sozialer Verhältnisse zu investieren, die sie gar nicht möchte. Ein paar Generationen später würde sie Europa nicht mehr wiedererkennen, wenn sie es vom Paradies aus betrachtete. Hätte bis dann der reiche Singer/Songwrighter Peter Buffett das Rezept gegen unsinnige einseitige Geldanhäufung gefunden? Seine Stiftung NOVO soll einen Wandel zu einer weltweiten Kultur der Gleichheit schaffen. Bisher erfolglos. Er kann ja ein wütendes Lied schreiben, wenn er die Geduld verliert.


Elfriede Gans / 12.03.2017