Dubravka

Literatur

Jetzt hat sie mich verlassen, Dubravka, meine Freundin, meine Zwillingsschwester aus Sarajevo. Sie hatte genug von dieser Welt, ich ahne es, obwohl sie es nat├╝rlich nie so gesagt hat. Nein, auch als es schon dem Ende zuging, war sie wie immer.
Andrea Holzmann / 30.05.2012

Noch auf ihrem Totenbett, das sie l├Ąngst erkannte, w├Ąhrend wir alle noch hofften, hat sie uns hinters Licht gef├╝hrt, hat uns zum Lachen gebracht mit ihrem trockenen Witz und den knappen Bonmots, die niemals Zweifel offen lie├čen und immer ins Schwarze trafen, hat uns wie immer liebevoll auf die Schaufel genommen und uns das Gef├╝hl gegeben, bis ins Innerste durchschaut und dennoch gut aufgehoben zu sein.
In drei Monaten komme ich wieder, versprach ich, als ich ging. Daheim ├╝berschlug ich meine Finanzen, rechnete aus, wie viel ich ihr monatlich schicken k├Ânnte, um ihre Pension aufzubessern. Um die zweihundert Euro h├Ątte sie zu erwarten nach einem Leben voller Arbeit. Niemand kann von diesem Betrag leben, auch nicht in Bosnien-Herzegowina. Nicht die Zigaretten werden mich umbringen, hat Dubravka gemurmelt. Da ├╝berkam mich erstmals der Verdacht, dass sie der Sache ├╝berdr├╝ssig war.
Damals ├╝berh├Ârte ich solche leisen Zwischent├Âne noch, doch nun ist sie gestorben, ist ein sp├Ątes Opfer des Krieges geworden, dieses unfassbaren Krieges, den niemand f├╝r m├Âglich gehalten hatte. Der andere Krieg, der auch lange nach seinem Ende weiter mordete und die Seelen vergiftete und mir meinen Vater viel zu fr├╝h genommen hat, h├Ątte der letzte sein sollen auf unserem Kontinent, f├╝r immer. Unvorstellbar war es, jemanden aus meiner und gar meiner Kinder Generation sagen zu h├Âren: ┬źdamals unter der Belagerung, damals im Krieg┬╗. Wie fern w├Ąhnten wir uns solch vergangener Barbarei! Und doch ist es geschehen, mitten in Europa, und es ist noch nicht zu Ende. Der Krieg qu├Ąlt die ├ťberlebenden und t├Âtet heimt├╝ckisch weiter.

 

Voll junger Leute seien die Krebskliniken in Sarajevo, sagte Dubravka.
Ich habe diesen Krieg lange ignoriert, wollte ihn nicht wahrhaben. Dass er wirklich stattfand, ja sogar zu uns kam, bemerkte ich zuerst an den alten bosnischen Dorfmenschen, die pl├Âtzlich auf unseren Parkb├Ąnken sa├čen, stumm, regungslos, verst├Ârt. Dann f├╝llten sich die Wohnungen von Kollegen, ├╝ber deren Abstammung ich mir vorher nie Gedanken gemacht hatte, weil sie hie├čen, redeten und sich benahmen wie wir, mit Angeh├Ârigen aus den Kriegsgebieten. Eine Kollegin musste pl├Âtzlich mit drei gefl├╝chteten Verwandten, die sie kaum kannte, ihre Zimmer-K├╝che-Wohnung teilen. Ich gab ihr Geld und beruhigte so mein Gewissen. Der Traum, der da offenbar aufs Brutalste zerbrach, war schlie├člich ein bisschen auch der meine gewesen.

 

Geh runter zum Tito, hatte mein Vater immer gesagt, wenn ihm die linken Theorien, die ich ihm unterbreitete, auf die Nerven gingen. In der Tat war die Grenze zu Jugoslawien nur eine halbe Autostunde entfernt. Das Land zerf├Ąllt, wenn Tito stirbt, sagte er ├╝berdies, und ich glaubte ihm kein Wort. Ich f├╝hlte mich Jugoslawien auf unerkl├Ąrliche Weise verbunden. Auch bei uns wurde eine slawische Sprache gesprochen, nicht gerne gesehen von der Mehrheit, aber immerhin, ich wuchs in ihrem Klang auf. Die ersten Gastarbeiter, armselig gekleidete, einsame M├Ąnner, die in ihrem Quartier hinter vorhanglosen Fenster Karten spielten und Bier tranken, taten mir leid wie arme Verwandte. Als ich Jugoslawien zum ersten Mal bereiste, war ich angenehm ├╝berrascht von den modernen St├Ądten, den sprachgewandten, weltoffenen jungen Menschen, der Gastfreundschaft, die mir ├╝berall begegnete, und insbesondere vom Chic und der Eleganz der Frauen, die sich ├╝berdies in zahlreichen hohen beruflichen Positionen fanden.

 

Dubravka war eine von ihnen. Auch sie war gereist in jenen Tagen. ├ťberall war sie mit Respekt und Wohlwollen aufgenommen worden als junge Studentin aus Jugoslawien, als Angeh├Ârige eines stolzen, weltweit anerkannten Staates, der an der Spitze der internationalen Bewegung der Blockfreien stand. Sp├Ąter hat sie sich pers├Ânlich gesch├Ąmt f├╝r das, was in ihrem Land angerichtet worden ist, und ich verstand das nur zu gut. Sie hat gelitten in ihrem neuen kleinen Staat, dessen Einwohner um Visa Schlange stehen mussten und nirgends mehr willkommen waren.

 

Es entging mir nicht, dass es auch Reibereien gab im jugoslawischen Vielv├Âlkerparadies. In Wien h├Ârte ich, wie Hausmeister und Bauarbeiter einander hinter vorgehaltener Hand als etnik oder Ustaa beschimpften. Kurz nach Titos Tod sah ich rund um den Ohridsee albanische Fahnen aus mazedonischen Fenstern wehen. Damals stand in Pritina, der Hauptstadt des Kosovo, zum Zeichen des Investitionswillens der Zentralregierung ein riesiges Luxushotel, das niemand brauchte, w├Ąhrend in manchen Stadtteilen der Unrat neben der Stra├če hinabfloss, weil es noch keine Kanalisation gab. Nur Tito habe noch den Deckel auf dem dampfenden Kochtopf gehalten, hie├č es.

┬źGer├╝chte habe es gegeben, dann Sch├╝sse ┬╗

Dann kam der Krieg. Niemand hat mir je erkl├Ąren k├Ânnen, wie er tats├Ąchlich begonnen hat, wie es denn wirklich war am ersten, am zweiten, am dritten Tag. Alle, die ich danach fragte, zuckten nur mit den Achseln. Ger├╝chte habe es gegeben, dann Sch├╝sse, dann den einen oder anderen Mord, dann wieder Ger├╝chte. So sei es gewesen. Pl├Âtzlich waren Nachbarn zu Todfeinden geworden.

 

Dubravka war w├Ąhrend der K├Ąmpfe nach Tuzla geraten, hat es nicht mehr zur├╝ckgeschafft nach Sarajevo. Alleine hat sie in einem verlassenen Haus mit zerschossenen Fenstern gehaust, angewiesen auf die Almosen aus den Hilfspaketen, um nicht zu verhungern. Man k├Ânne sich vorstellen, wie entw├╝rdigend das sei, hat sie gesagt, und wie kalt der Winter ohne Heizung und wie schwarz die Nacht, wenn es nirgendwo Licht gibt, auch nicht den leisesten Schein einer Kerze irgendwo am Horizont. Mit der Kalaschnikov im Arm sei sie nachts am Boden gelegen, damit sie nicht Sch├╝sse trafen, die jederzeit durchs Fenster hereinpeitschen konnten. Sie h├Ątte sich nicht mehr wie ein Mensch gef├╝hlt, hat sie sp├Ąter r├Ąsoniert und dabei ungl├Ąubig den Kopf gesch├╝ttelt wie eine, die gar nicht mehr glauben kann, dass sie das selbst erlebt hat. Ich wei├č bis heute nicht, ob das alles war. Das Schlimmste aus dem Krieg verschweigt man, das sagte nicht nur mein Vater.

 

Ihr kleiner Sohn war w├Ąhrend des Krieges in Sicherheit, bei Bekannten in Wien, bei fremden Leuten in einer fremden Stadt. Erst als Teenager bekam Dubravka ihn zur├╝ck, nach Jahren, die den beiden sp├Ąter fehlten. Er wolle nicht erwachsen werden, klagte sie oft. Sein Herz hat es Wien nicht verziehen, dass er da sein musste, auch wenn sein Kopf wei├č, dass es ihn gerettet hat.

 

Im Krieg hat Dubravka zu rauchen begonnen so wie alle, sogar Predrag Pai, der ehemalige Nationalspieler, der Serbe aus Sarajevo, der dem Wahnsinn zu trotzen versuchte, indem er mitten in der Belagerung eine Fu├čballschule f├╝r alle Kinder gr├╝ndete, egal aus welcher der pl├Âtzlich so bedeutenden ┬źEthnien┬╗ sie stammten. Nach dem Krieg hatte er achthundert Kinder unter seinen Fittichen, aber keine Mittel mehr f├╝r eine Krankenversicherung f├╝r sich und seine Frau.

 

Als ich Dubravka traf, war der Krieg fast vier Jahre vorbei. Friedenstruppen und Hilfsorganisationen tummelten sich im Land, junge Abenteurer aus Amerika gaben Nachhilfe in Politik und Wirtschaft. Wir lernen Civil Society, sagten die gestandenen bosnischen Frauen mit gespielter Schulm├Ądchen-Attit├╝de, und ihr Blick zeigte mir, dass mein Eindruck nicht t├Ąuschte, es war eine Farce. All die Frauen, die nun von unbedarften Leuten aus dem Westen belehrt wurden, hatten vor dem Krieg leitende Positionen innegehabt. Wieso sie da mitspielten, fragte ich. Weil wir auf das Geld angewiesen sind, sagten sie achselzuckend.

 

Achtzig bis neunzig Prozent der Hilfsgelder landeten nicht bei den Bed├╝rftigen, sondern in der Administration der NGOs und in den Taschen so mancher ihrer Angestellten, erkl├Ąrten sie mir hinter vorgehaltener Hand. Warum sie es nicht aufdeckten, fragte ich naiv. Weil sie dann die zehn bis zwanzig Prozent auch nicht mehr bek├Ąmen, antworteten sie trocken.

 

Ich war eine der ausl├Ąndischen Expertinnen, angeheuert von der NGO, bei der auch ┬źlocals┬╗ arbeiteten, unter anderem Dubravka. Bei einem Abendessen in Mostar lernte ich sie kennen. Wir sa├čen einander gegen├╝ber, in einem Lokal neben der ber├╝hmten Br├╝cke, die damals noch in Tr├╝mmern im Wasser lag. Jetzt ist sie wieder aufgebaut, doch immer noch zieht sich angeblich eine ┬źethnische┬╗ Trennlinie durch die alte Stadt. Ich mochte Dubravka sogleich. Sie lachte und sagte dauernd ┬źnema problema┬╗, mit gespielt arrogantem Gesichtsausdruck und einer wegwerfenden Handbewegung, mit der sie, wie ich sp├Ąter oft mit Vergn├╝gen beobachtete, menschliche Unzul├Ąnglichkeiten und anderes, mit dem sich eine Besch├Ąftigung nicht lohnte, stets gro├čz├╝gig hinwegwischte. Ich dachte an das, was ich in den letzten Tagen gesehen hatte. Ruinen, wo einst Schulen, Hotels oder Wohnanlagen gewesen waren, H├Ąuser, in der Mitte auseinandergebrochen, die Badewanne, die Waschmaschine noch aus dem zerst├Ârten Gem├Ąuer halb heraush├Ąngend wie Eingeweide, die aus einem maltr├Ątierten K├Ârper quellen, H├Ąuserw├Ąnde, Balkonverkleidungen geschw├Ąrzt vom Granatenfeuer, durchsiebt von zahllosen Einschussl├Âchern, eines neben dem anderen, im Abstand von nur zwei, drei Zentimetern Zeugen einer schier unermesslichen Zerst├Ârungswut, eines unvorstellbaren Hasses.

┬źDie NGOs setzten die einheimischen Mitarbeiter auf die Stra├če┬╗

Bald zogen die internationalen NGOs weiter in neue Krisengebiete, ├╝berlie├čen Bosnien seinem Schicksal, setzten die einheimischen Mitarbeiter auf die Stra├če. Auch Dubravka verlor ihren Job. Ich lud sie ein nach Wien. Sie kam, hatte aber kein Interesse an der Stadt und ihren Sehensw├╝rdigkeiten, schlug vielmehr ihr Lager am Sofa vor dem Fernseher auf und verweilte dort tagelang. Manchmal w├Ąlzten wir phantastische Pl├Ąne f├╝r Projekte und Gesch├Ąfte. Nur eine leise Ahnung bekam ich von dem, was in ihrem Inneren vorging.

 

Zur├╝ck in Sarajevo bewarb sie sich um Stellen, fast zwei Jahre lang vergeblich. Dutzende von Vorstellungsverfahren musste sie durchlaufen, bevor ihr endlich eine ┬źBest├Ątigung┬╗ mit einem Stempel meines Wiener B├╝ros zu einen Job bei einer internationalen NGO verhalf. Ich bescheinigte ihr, nicht nur eine ausgewiesene Wirtschaftsfachfrau zu sein, sondern auch geschult in westlichem Denken. Letzteres schien den neuen Arbeitgebern besonders wichtig.

 

Sie kam wieder zu Besuch, gab mir das Geld zur├╝ck, das ich ihr geliehen hatte, und kaufte sich ein Parfum von Chanel und ein paar elegante Sachen zum Anziehen. Diesmal besichtigte sie Wien wie eine Touristin. Langsam werde ich wieder ich selbst, sagte sie.
Bald hatte sie die Leitung des bosnischen B├╝ros ihrer NGO inne, versetzte ihre Gesch├Ąftspartner aus dem europ├Ąischen Norden mit ihrem Charme und der scheinbaren Leichtigkeit, mit der sie die Arbeit und das Leben nahm, in Entz├╝cken und gab den jungen Leuten, die das Gl├╝ck hatten, bei ihr zu arbeiten, Mut und Unterst├╝tzung und die Chance zu zeigen, dass sie gut genug f├╝r die internationale B├╝hne waren, auch wenn sie aus einem wackeligen Staat kamen, von dem sie selbst nicht viel hielten. Am Monatsanfang verteilte sie ein halbes Dutzend Kuverts mit Geld an Verwandte, Freunde und Nachbarn, die ohne Einkommen waren.

 

Dubravka nahm nun ihre eigene Einteilung der Bev├Âlkerung ihres neuen Staates vor. Es g├Ąbe die ┬źNormalen┬╗, die den ethnischen Wahnsinn nicht mitmachten, und die anderen. Nicht normal fand sie zum Beispiel jene, die neuerdings an islamischen Feiertagen laut hupend und die gr├╝nen Fahnen des Propheten schwenkend durch die Stadt fuhren und ihre Frauen veranlassten, die Burka zu tragen, etwas zuvor nie Gesehenes in deiner Stadt. In so manchem Dorf in der N├Ąhe stand kurz nach Kriegsende bereits eine bl├╝tenwei├če Moschee, w├Ąhrend die H├Ąuser zerst├Ârt waren und die Menschen noch in Containern hausten. Alles vom Ausland finanziert, bemerkte sie finster.
Trotzdem schien es nach einer Weile aufw├Ąrts zu gehen mit ihrem Staat und ihrer Stadt. Kriegsruinen wurden abgerissen, D├Ącher gedeckt, H├Ąuser saniert. Granatenh├╝lsen wurden in kleine Vasen umgeformt und in der Baarija als Souvenir verkauft. Film- und Jazzfestivals lebten wieder auf und lockten prominente K├╝nstler und Besucher in die Stadt. Die Innenstadt mit ihren zahllosen Stra├čencaf├ęs f├╝llte sich wieder, auch mit Einheimischen. Nachbarn und Freundinnen hatten wieder Arbeit, langsam schien sich das Leben zu normalisieren. Fast unwirklich erschienen die wei├čen Grabmale ringsum auf den H├╝geln, Tausende an der Zahl, diese stummen Zeugen unvorstellbaren Grauens, der noch nicht lange zur├╝cklag.

 

Wie viel sie mir wohl vorgegaukelt hat in jener Zeit? Bei meinem letzten Besuch erfuhr ich, wie es wirklich um sie stand, und nicht nur, was ihre Gesundheit betraf. Ausgezehrt von der Chemotherapie und ein Schatten ihrer selbst lag sie mit m├╝dem L├Ącheln da und r├╝ckte zaghaft mit den Tatsachen heraus. Seit zwei, drei Jahren schon war die Situation wieder h├Âchst bedrohlich geworden f├╝r sie. Die europ├Ąischen Auftraggeber ihrer NGO k├╝rzten best├Ąndig die Mittel, qu├Ąlten mit B├╝rokratie, zahlten monatelang die Geh├Ąlter nicht aus, stellten die Schlie├čung des bosnischen B├╝ros in Aussicht. Sie lebte bereits von ihren Ersparnissen, und die Aussichten f├╝r die Zukunft waren niederschmetternd.

┬źDer Staat l├Ąsst alle im Stich┬╗

Diesmal war es todernst, denn nun war sie nicht mehr jung. Niemand kann beliebig oft von vorne beginnen, der Markt schreit nicht nach Menschen jenseits der f├╝nfzig, ohne Kapital, und dazu stets unter Verdacht, den alten Idealen anzuhaften. Der Staat, der einst so viel versprochen hat, kann heute nicht mehr viel tun, hat keine Mittel, l├Ąsst alle im Stich. Seit Ausbruch des Krieges habe keiner mehr eine ruhige Minute gehabt, hat Dubravka einmal trauriges Res├╝mee gezogen. Und dabei vernahm ich einen d├╝steren Anflug von Erleichterung, es bald hinter sich zu haben.

 

Die Menschen, denen sie einst geholfen hat, waren bei ihr in ihren letzten Wochen. Sie haben sie umsorgt, waren rund um die Uhr an ihrer Seite. Dann hat der Krieg sie dahingerafft, ermordet, leise, so wie er es immer macht, Jahre und Jahrzehnte, nachdem die lauten Kampfhandlungen eingestellt worden sind. Mir hat er eine Freundin, eine Schwester genommen.

Andrea Holzmann / 30.05.2012