Echte Muslime sind so

«Er packt das Auto fertig, und erst als er als Letztes das Navigationsgerät einstellen will der Schock: Wo ist der Rucksack?»

Schwer bepackt verlassen sie das Wiener AKH. Bücher, Folder, Roll-up, Taschen, Rucksack sie kommen vom Kongress für Body Psychotherapy und haben dort einen Informationsstand betreut. Beim Auto angelangt wird eingeladen. Was kommt wohin und wie soll alles geschlichtet werden. Irgendwann ist so glauben sie alles verstaut. Er ist bereit, die lange Rückfahrt in den Norden Deutschlands anzutreten. Davor fahren sie noch zu ihr nach Hause, bereiten ihm eine Wegzehrung und trinken einen Abschiedskaffee so glauben sie.
Regina Trotz / 17.12.2010
Er packt das Auto fertig, und erst als er als Letztes das Navigationsgerät einstellen will der Schock: Wo ist der Rucksack? Der Rucksack, in dem sich nicht nur das Navigationsgerät, sondern auch der Laptop, eine Digitalkamera, alle Kredit- und anderen Karten, sein Reisepass und eine schöne Summe Bargeld von den Einnahmen der verkauften Bücher befindet, dieser Rucksack ist weg. Sie durchsuchen siebenmal die Wohnung und zehnmal das Auto, schauen hierhin und dahin der Rucksack ist und bleibt verschwunden.
Ihm ist der Schrecken in alle Glieder gefahren alles wirklich Wichtige an materiellen Dingen, die er mit sich führt, ist verloren.
Sie rekonstruieren die letzten Stunden, und mit großer Wahrscheinlichkeit wird der Parkplatz in der Seitengasse des Gürtels als Ort des Verlustes erinnert. Also fahren sie so schnell wie möglich dorthin, auf der Fahrt begleiten sie positive Gedanken, der Rucksack ist dort, wir werden ihn finden. Auch wenn es ihm, erschüttert und unter Schock, äußerst schwer fällt, zuversichtlich zu bleiben. Am Parkplatz angekommen lässt sich kein Rucksack blicken, auch unter Autos, im Container, auf dem Gehsteig die Gasse entlang nicht. So bleibt nichts anderes übrig, als den nächsten Schritt in die nahe gelegene Polizeistation zu tun. Leider wurde nichts abgegeben, die Polizistinnen können auch keine anderen Polizeistationen fragen, sie suchen Telefonnummern zum Kreditkartensperren aus dem Internet und raten, sich morgen früh ans Fundamt zu wenden. Wenn der Rucksack nicht auftaucht, sollten wir eine Fundunterschlagungsanzeige machen. Interessantes Wort. Seine Stimmung geht immer mehr Richtung Keller, sie versucht, ihn mit der immer noch großen Wahrscheinlichkeit ehrlicher Finder bei der Stange der Hoffnung auf ein gutes Ende zu halten.
Den Abend beschließen sie mit Pizza und einem Glas Wein, es wird schon alles einen Sinn haben, was da passiert ist. Die Hoffnung lebt ebenfalls weiter, bekanntlich stirbt sie ja zuletzt.
Am nächsten Morgen ein Anruf, ein Mann hat sich in seiner Praxis gemeldet, er hat den Rucksack gefunden, und offensichtlich fehlt auch nichts. Wir telefonieren selbst mit dem Finder, einem jungen Tschetschenen, der sehr gut Deutsch spricht. Er könne uns den Rucksack erst ein paar Stunden später übergeben, früher ginge es leider nicht.
Die Haupttätigkeit der nächsten Stunden besteht also aus: warten auf den Tschetschenen. Wir parken in der Nähe seiner Unterkunft, gehen die Fußgängerzone rauf und runter, und weil wir uns nicht ablenken können oder wollen, denken wir uns ein paar Horrorszenarien aus. Der Tschetschene ist ein Untergrundkämpfer und wird schon lange polizeilich überwacht, die Rucksackübergabe erscheint verdächtig, und wir landen alle gemeinsam im Knast. Oder: Der Tschetschene ist ein Untergrundkämpfer, lädt uns in seine Wohnung ein und nimmt uns als Geiseln. Solche Szenarien durchziehen unsere vom allgemein gesellschaftlichen Gedankengut offensichtlich nicht gänzlich unbeeinflussten Gehirne.


Im Haus der Barmherzigkeit

Dann ist es endlich so weit, wir treffen uns vor dem Hauseingang zum Obdachlosenwohnheim für AsylwerberInnen. Haus der Barmherzigkeit steht unten angeschrieben. Da wohnt also der barmherzige junge Mann, der selbstlos alles gefundene Hab und Gut wieder rückerstattet. Obwohl er sicher einer der Ersten ist, der den Inhalt des Rucksacks dringend für den Lebensunterhalt der Familie brauchen könnte.
Wir begegnen zuerst dem jüngeren Bruder, der um die 18 Jahre alt ist. Er hat den Rucksack gefunden und angeregt, ihn mitzunehmen, damit er nicht gestohlen wird. Dann kommt der ältere, zirka 25-jährige Bruder dazu und lädt uns zum Tee in die Wohnung ein. Oben empfangen uns auf kleinstem Raum seine Frau, der Vater und einige kleine Kinder.
Er erzählt, dass es schwierig gewesen sei, den Kollegen zu kontaktieren, weil er keinen Hinweis auf eine Mobilnummer gefunden habe, und erst heute früh in der Praxis Glück gehabt hätte. Mein Kollege bedankt sich herzlich und gerührt. Der Finder meint, dass das für ihn selbstverständlich gewesen sei: Echte Muslime sind so.
Dann erzählt er von der an Krebs erkrankten Mutter, die sie täglich im AKH besuchen würden, im Zuge dessen hätten sie schließlich den Rucksack gefunden. Dass er mit 17 Jahren gekommen sei und Automechaniker werden wollte. Die Arbeitsbewilligung habe er erst mit 23 bekommen und dann habe ihm das AMS mitgeteilt, dass er zu alt für die Lehre sei. «Aber ich bin mit 17 Jahren gekommen und wollte anfangen, es war nur behördlich nicht möglich.» Egal, so ist es. Pech für den jungen Mann. Auch der Taxischein wurde ihm nicht finanziert. Er finde schon eine Arbeit, meint er hoffnungsvoll. Nur schwer heben könne er leider nicht mehr, das sei sein Defizit. Die Russen hätten ihm beide Arme gebrochen. Das in einem Nebensatz.
«Die meisten Tschetschenen sind einfache aufrechte Leute», sagt er, «und die werden von den Putin-Getreuen verraten und dann von den Russen verfolgt und gefoltert.» Wer weiß, was ihm passiert, wenn er zurückgehen müsste. Aber sie hätten jetzt endlich, nach sechs Jahren einen positiven Asylbescheid erhalten, zumindest solange die Situation in Tschetschenien so ist, wie sie ist.
Der recht gebrochen und gebrechlich wirkende freundliche Vater neben ihm scheint einiges zu verstehen, kann aber kaum Deutsch. Die Kinder wuseln herum. Langsam dämmert es mir: Dieser 25-jährige Mann ist verantwortlich für seine Eltern, seine Frau, sein eigenes Kind und seine mindestens drei Geschwister. Für den ganzen Behördenkram, Aufenthaltsbewilligungen, Asylanträge, die Organisation des Alltags im fremden Land. Er zeigt uns einen halben Meter Ordner, das sind nur die wichtigsten Briefe und Dokumente im Asylverfahren, und andere Familien haben dreimal so viel.
Wir sind tief gerührt von seiner Ehrlichkeit, dieser einfachen, aufrechten, anständigen Art, von seiner Klarheit, seiner Freundlichkeit und auch dieser warmen Atmosphäre, die dieses Familiengeschehen rundherum ausstrahlt.
Trotz allem. Trotz aller Traumata, trotz allem Schrecken, der in den Knochen dieser Menschen steckt, trotz aller Beschwerlichkeiten und Anfeindungen im fremden Land. Trotz allem sind sie warm, herzlich, freundlich geblieben.
Unsere Hochachtung vor diesen Menschen treibt uns beiden Tränen der Rührung in die Augen. Echte Muslime sind so. Und was wird ihnen angetan von den unechten Christen oder Atheisten oder wem auch immer, dem versteckten Fremdenhass, der in allen Ritzen dieses Landes sitzt und ihnen für ein ehrliches aufrechtes Leben alle nur erdenklichen Prügel bis zur bitteren Aufgabe vor die Beine wirft. Was soll er denn tun, wenn er ohne Lehre keinen Job findet, nicht einmal den Taxischein machen kann und eine vielköpfige Familie ernähren muss.
Er wird trotz allem mit seiner Ethik und Geradlinigkeit ganz sicher auch den nächsten Rucksack an den rechtmäßigen Besitzer zurückerstatten.
Regina Trotz / 17.12.2010