Ein Beispiel von Zivilcourage?

Da sitz ich, oder, besser gesagt, da steig ich neulich in die Straßenbahn, den Fünfer. Mich friert, ich zwäng mich rasch an zwei Leuten vorbei und steuere schnell einen Platz an, weiter vorn im Waggon. Erst als ich eine Minute sitze, bemerke ich, aus meiner Pelzkappe hervorlugend, warum ich mich nicht gleich beim Einstieg hingesetzt habe: Die Zwei beim Einstieg sind die ganze Zeit in einen heftigen Disput verwickelt. Einen sehr ungemütlichen, bedrohlichen. Eigentlich redet nur der Mann mit dem roten Gesicht und dem Schnauzbart. Reden ist der falsche Ausdruck. Er schreit jetzt. Ich hör es laut durch die Ohrenklappen meiner Kappe.
Wolfgang Glechner / 10.03.2011
«Elende Faschisten», schreit er, «halten Sie Ihren saudummen Mund, wieso beißen Sie auf die arme Ausländerin hin?»
«Brüllen Sie mich nicht so an! Ich hab sie ja nur gefragt, die Dame, die eben ausgestiegen ist, ob sie nicht leiser telefonieren kann», kommt die verschreckte Antwort.
«Was geht Sie das an, wie laut die telefoniert?», brüllt der Schnauzbart sein eingeschüchtertes Gegenüber an. «Sie darf reden, so lang sie will und so laut sie will, verstanden! Und ich brüll Sie jetzt auch an, so laut ich will, seien Sie froh, dass ich Ihnen nicht auch noch eine Ohrfeige verpasse, oder Sie würge. Verdient hätten Sie es! Fremdenfeindliches Faschistenpack! Pfui Teufel!» Er holt aus wie zu einem Schlag.
Die Sache wird langsam bedenklich, denke ich. Außer mir und den beiden sind nur zwei, drei weitere Fahrgäste im Abteil. Die beschimpfte und bedrohte Gestalt drückt sich verschreckt ans Heckfenster des Waggons, die Hände zum Schutz vors Gesicht haltend. Noch einmal verteidigt sie sich: «Ich hab ja nur gesagt, ob sie nicht leiser telefonieren kann! Man muss ja nicht so schreien.»
Der Schnauzbart brüllt sofort: «Aber bei einer Inländerin hätten Sie garantiert nichts gesagt!», schreit er, «da bin ich mir sicher. Altes Nazipack!»
In dem Ton gehts weiter bis zur nächsten Station. Ich bin am Ziel, muss schon wieder aussteigen. Auch der beschimpfte und bedrohte Fahrgast hinten steigt aus.
Er zittert am ganzen Leib, sehe ich, als er an mir vorbeigeht. Es ist, sehe ich erst jetzt, es ist eine uralte Greisin, um die achtzig. Gebeugt und dünn. Tränen laufen ihr übers runzlige Gesicht.
In einem hatte der Mann im Zug wohl Recht, denke ich mir, einer Inländerin hätte die alte Dame vermutlich keinen Benimmdich-Unterricht erteilt. Doch mindestens ebenso sicher hätte sich der Schnauzbart seinen heroisch bedrohlichen Auftritt gespart, wäre es darum gegangen, statt einer gebrechlichen hilflosen Greisin einen muskelbepackten Gleichaltrigen zurechtzuweisen. Da bin ich mir ganz sicher.
Ich könnte nochmal einsteigen, und ihm das sagen, überlege ich kurz. Ich könnte.
Doch ich bin leider auch kein Held. Ich halte auch lieber meinem Dackel zu Hause eine Moralpredigt, als mich mit viel kräftigeren, viel jüngeren, aggressiven, punschbudeninspirierten, selbsternannten Moralhütern zu prügeln. Die paar Zähne, die ich noch habe, brauche ich noch.
Wolfgang Glechner / 10.03.2011