Endlich ankommen

Im August hatte ich eine außergewöhnliche Begegnung mit einem jungen Flüchtling aus dem Sudan. Er hat mich gebeten, seine Geschichte und die seines Heimatlandes Sudan zu verbreiten.
Ich habe seine Erzählungen in einem Brief an ihn niedergeschrieben.
Verena Grill / 23.11.2015
Lieber A.,
«The ignorance of the media kills people.»* Deine Worte klingen noch in meinen Ohren. Aufgebracht war deine Stimme. Wütend, weil die Probleme deiner Heimat in den weltweiten Schlagzeilen schon lange keinen Platz mehr finden. Ganz im Gegenteil, terrorisieren Regierungstruppen weitgehend unbehelligt deine Landsleute. Töteten Menschen, die du liebst. Schlugen dich in die Flucht. Die noch nicht zu Ende ist. Bis hierher bist du gekommen. Hier, wo sich unsere Wege zwei Tage lang scheinbar zufällig kreuzten.
Paris, Montparnasse, eine gemütliche Wohnung im Dachgeschoss. Hier übernachten wir, Zimmer an Zimmer. Wir beide sind auf der Durchreise, du und ich. Ich, um aus meiner Heimat wegzukommen. Um zu reisen, Menschen zu treffen, bereichert zurückzukehren. Du, um endlich anzukommen. Eine neue, eine sichere Heimat willst du finden. Die alte wurde dir gestohlen. Alles weg. Deinen Rucksack hast du während des Schwimmens zum Boot losgelassen. Dein Leben war dir wichtiger. Mit nichts als deinen Erinnerungen im Kopf hast du italienisches Festland betreten. Bildern, Geräuschen und Gerüchen, eingegraben in dein junges Gesicht. Deine traurigen Augen sprechen von unvorstellbarem Grauen. Deine Stimme ist viel zu ernst, als du zu erzählen beginnst.
Du bist in Darfur aufgewachsen, als Sohn von Bauern. Als du klein warst, wurdet ihr von Regierungstruppen vertrieben. Hinter den Rohstoffen eures Landes waren sie her. In einem Flüchtlingscamp fandet ihr Zuflucht. Die Lage war miserabel. Hunger und Krankheiten bestimmten euren Alltag. Aber nichts war so schlimm wie die unangekündigten Angriffe der Regierungstruppen. Sie kamen, scheinbar aus dem Nichts und verübten unvorstellbare Massaker. Erschossen wahllos Männer, vergewaltigten Frauen und junge Mädchen. Nach der Verwüstung verschwanden sie wieder. Und hinterließen unermessliches Leid. Und Elend. Unbändige Trauer. Und Verzweiflung. Verzweiflung, die Väter zu unvorstellbaren Taten trieb. Deine Stimme zittert, als du von dem «crazy man» erzählst, der seine eigene Tochter erwürgte, um sie vor der ihr mit Sicherheit drohenden Vergewaltigung zu «schützen». Dies war kein Einzelfall, wie du erzählst. Andere Mädchen wurden in die Wüste geschickt. Nur weg von dem Grauen, das sie im Camp mit Sicherheit erwartete. Waren keine Mädchen da, missbrauchten die Soldaten Kinder. Die Allerwehrlosesten. Ihr seid in ein anderes Flüchtlingscamp gezogen. Die Truppen kamen nach. Zu eurem Schutz abgestellte UNO-Soldaten kooperierten mit der Regierung. Ihr wart alleine. Wehrlos der Willkür ausgeliefert.

Den Bomben immer ein paar Schritte voraus


Also bist du gegangen. Nach Libyen. Dort hast du Arbeit gefunden. Wähntest dich in Sicherheit. Nicht lange, dann brachen auch hier die Kämpfe aus. Ihr seid von Stadt zu Stadt gezogen. Den Bomben immer ein paar Schritte voraus. Unsicherheit und Angst begleiteten euch permanent. Einziger Ausweg: Nichts wie weg. Du hast das Schiff genommen. Ohne zu wissen, worauf du dich einlässt. Tage voller Angst, Hunger und Durst folgten, bis du endlich italienischen Boden betreten hast. Alleine. Angetrieben von der Hoffnung. Nicht auf ein besseres Leben. Sondern schlicht darauf, zu leben.
Du hast dich weiter durchgeschlagen, bis hierher nach Frankreich. Hast Menschen getroffen, die dir weiterhalfen. Menschlichkeit erlebt. Aber noch keine Sicherheit, keine Heimat gefunden. Du erzählst, dass du nach England möchtest, um deinen Bruder nachholen zu können, das einzige überlebende Familienmitglied. In England sei das rasch möglich. Deine nächste Station: Calais. Wie tausende andere wirst du versuchen, auf den Zug zu springen. Um endlich anzukommen.

Hoffnung. Nicht auf ein besseres Leben. Sondern schlicht darauf, zu leben.


Du wünschst dir Sicherheit. Für dich und deinen Bruder. Und Gerechtigkeit. Für deine Landsleute. Während du in Libyen warst, haben dir Freunde Bilder eines gezielten Luftangriffes auf Zivilisten in Darfur geschickt. Ein Massaker, vom Ausland scheinbar unbemerkt. Um die Mittagszeit wurde ein Dorf attackiert. Hunderte Frauen und Kinder starben in den Häusern, während die Männer der Feldarbeit nachgingen.
Wo du jetzt bist? Ich weiß es nicht. Einen Abend lang hast du mir deine Geschichte erzählt. Mich an deiner Trauer, Verzweiflung und Wut teilhaben lassen. Und an deiner Hoffnung. «Without hope you cannot go on.»** Du hast uns, die wir zuhörten, den Auftrag gegeben, deine Erzählungen weiterzuleiten. Aktiv zu werden. Die unglaublichen Gräuel, die du erlebt hast, publik zu machen. Damit die Probleme in deiner Heimat nicht länger von den Medien und der Weltöffentlichkeit ignoriert werden. Damit wir alle Hinschauen. Deine Empörung (mit)-teilen. Und so einen ersten Schritt in Richtung Gerechtigkeit und Frieden gehen.
Das ist es, was du dir wünschst, A.
Ich wünsche dir, dass du ankommst.

* Die Ignoranz der Medien tötet Menschen.
** Ohne Hoffnung können wir nicht weitermachen.

Verena Grill / 23.11.2015