Frieden beginnt bei dir selbst

Frieden beginnt in mir
Frieden beginnt in der Seele
Frieden beginnt in der Familie
Frieden beginnt vor deiner Haustüre
Frieden beginnt mit einem Lächeln
Frieden beginnt ...

Martin Auer / 13.11.2012
Es gab einmal eine Stadt, in der die Leute sehr unter Verkehrsstaus litten. Es gab nicht viele Ampeln, und ein Grund für die ewigen Staus war dieser: Wenn Autofahrer sich einer Kreuzung näherten und sahen, dass die Kolonne hinter der Kreuzung zum Stillstand kam, dann quetschten sie trotzdem ihr Auto noch auf die Kreuzung, damit sie dann, wenn die Kolonne sich wieder bewegte, nicht vom Querverkehr blockiert werden würden. Auf diese Weise blockierten natürlich sie den Querverkehr. Was dann weiter passierte, ist mit Worten schwer zu erklären. Eine Computeranimation könnte das in einer Minute klarmachen. Versuchen wir es trotzdem. Alle Straßen, die sich von Norden nach Süden erstreckten, wurden Straße genannt, und alle, die sich von Westen nach Osten erstreckten Avenue. Sagen wir also, Frau Kumar fährt die 5. Straße entlang nach Norden und nähert sich der Kreuzung 5. Straße und Avenue D. Sie sieht, dass die Kolonne hinter der Kreuzung langsamer wird, aber sie fährt trotzdem in die Kreuzung ein und muss mitten auf ihr stehen bleiben. Auf diese Weise blockiert sie den Verkehr von West nach Ost und von Ost nach West auf Avenue D. So geschieht es, dass Frau Miller, die auf Avenue D nach Westen unterwegs ist, in die Kreuzung mit der 4. Straße einfährt und dort den Verkehr blockiert, und Frau Szymanski, die auf Avenue D nach Osten unterwegs ist, in die Kreuzung mit der 6. Straße einfährt und dort den Verkehr blockiert. Als nächste werden die Kreuzungen der 6. Straße mit Avenue C und E blockiert und die Kreuzungen der 4. Straße mit Avenue C und E und so weiter Und der Stau erfasst schnell die ganze Stadt.
«Auf unseren Straßen herrscht Krieg!», seufzte Frau Kumar jeden Abend, wenn sie von der Arbeit heimfuhr. Eines Tages erinnerte sich Frau Kumar an den Spruch: Frieden beginnt bei dir selbst. Sie beschloss, ihren Wagen nicht mehr auf die Kreuzung zu quetschen. Aber wenn sie vor einer Kreuzung anhielt, weil sie sah, dass die Kolonne dahinter nicht weiterkam, dann begannen die Fahrer hinter ihr zu hupen, und manche zeigten ihr den Vogel oder drohten mit der Faust. Denn wenn sie sich nicht auf die Kreuzung quetschte, dann konnte es lange dauern, bis der Querverkehr ihr eine Chance gab, die Kreuzung zu queren, und dann mussten natürlich auch die Fahrer hinter ihr warten. Aber schlimmer als der Zorn der anderen Fahrer war etwas anderes: Wenn sie nicht jeden Vorteil, der sich ihr bot, ausnutzte, dann kam sie eine halbe Stunde später zu Hause an als sonst. Das machte sie traurig, denn ihre Familie musste dann auf das Abendessen warten, und die Kinder brauchten ihre Hilfe bei den Hausübungen, und überhaupt hatte sie nach der Arbeit so viel im Haushalt zu tun, dass sie es sich einfach nicht leisten konnte, diese halbe Stunde zu verlieren. Sie fand, es sei ihre Pflicht gegenüber ihrer Familie, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Also gab sie ihren schönen Vorsatz nach ein paar Tagen auf und fuhr wieder so wie alle anderen.
Was Frau Kumar nicht wusste, war das: Zwei Wochen vorher hatte Frau Miller genau denselben Gedanken gehabt. Auch sie hatte vor Kreuzungen angehalten, um den Querverkehr nicht zu blockieren. Und man hatte auch sie angehupt und ihr den Vogel gezeigt und mit der Faust gedroht. Und auch sie hatte eine halbe Stunde verloren, in der sie für ihre Familie hätte da sein sollen. Also hatte auch Frau Miller aufgegeben, genauso wie Frau Kumar. Und vier Wochen früher hatte Frau Szymanski genau dasselbe erlebt und hatte auch wieder aufgegeben.
An einem Samstagnachmittag ging Frau Kumar mit den Kindern auf den Spielplatz. Sie setzte sich auf eine Bank und sah den Kindern zu, wie sie auf der Schaukel und dem Klettergerüst herumturnten. Zufällig setzten sich kurz darauf Frau Miller und Frau Szymanski auf dieselbe Bank, und die drei Damen begannen, sich übers Wetter zu unterhalten, dann über die Kinder, die Lebensmittelpreise und die schreckliche Verkehrssituation in der Stadt.

«Wenn alle vernünftig fahren würden »


«Auf unseren Straßen herrscht Krieg!», seufzte Frau Kumar.
«Diese Stadt ist ein Irrenhaus!», sagte Frau Miller.
«Die Leute sind so egoistisch!», rief Frau Szymanski aus.
Da beugte sich Frau Fukuda, die auf der nächsten Bank saß, zu ihnen herüber und sagte: «Entschuldigen Sie, dass ich mich einmische, aber ich meine, dass Frieden bei einem selbst beginnt. Ich habe beschlossen, dass ich meinen Wagen von nun an nicht mehr auf die Kreuzung quetschen werde. Irgendjemand muss doch schließlich damit anfangen, das Vernünftige zu tun.»
Da begannen die drei anderen Damen alle auf einmal auf Frau Fukuda einzureden und von ihren Erfahrungen zu erzählen.
«Es ist hoffnungslos», seufzte Frau Kumar.
«Es ist eine Tragödie», rief Frau Miller aus.
«Man kann einfach nichts machen!», jammerte Frau Szymanski.
«Aber wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitmenschen», sagte Frau Fukuda. «Wir können doch nicht so selbstsüchtig sein!»
«Ja schon. Aber wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber unseren Familien», sagte Frau Kumar. «Ich fahre doch nicht aus Egoismus so schnell ich kann nach Hause. Ich tue das, weil ich bei meiner Familie sein will. Ich weiß schon, dass ich ein bisschen langsamer fahren sollte, damit die anderen schneller nach Hause kommen. Aber was ist mit meiner Familie? Es wäre nicht fair ihr gegenüber!»
«Es ist tragisch», sagte Frau Miller. «Wenn wir vernünftig fahren, verlieren wir jeden Tag eine halbe Stunde. Aber wenn alle vernünftig fahren würden, dann würden alle eine halbe Stunde früher zu Hause sein.»
«Ja, es ist eine Tragödie«, sagte Frau Szymanski. «Selbstlos und vernünftig zu sein hilft nicht. Es macht nur meine Familie traurig und die Fahrer hinter mir böse. Irgendwas stimmt nicht mit diesem Frieden beginnt bei dir selbst.»
«Ich denke, wir sollten eine Kampagne beginnen!», sagte Frau Fukuda. «Sehen Sie, Sie alle hatten denselben Gedanken, aber nicht zur selben Zeit. Deshalb hatten Sie keinen Erfolg. Aber wenn wir vier morgen anfangen, vernünftig zu fahren »
« dann sind wir vier in einer Stadt von Millionen!», sagte Frau Kumar.
«Also, dann werden wir mit unseren Ehemännern sprechen. Wenn die mitmachen, dann sind wir schon acht. Und wenn wir mit unseren Nachbarn sprechen »
«Wir müssen Leserbriefe an die Zeitungen schreiben!» sagte Frau Miller.
«Und Flugzettel verteilen!»
«Und Autoaufkleber: Ich halte vor der Kreuzung, damit DU früher nach Hause kommst.»
«Nein, es sollte heißen: damit wir ALLE früher nach Hause kommen!»
«Und wir sollten in Talkshows im Fernsehen auftreten!»
So tauschten die vier Damen ihre Telefonnummern aus und begannen mit der Kampagne. Ihre Kinder und sogar ihre Ehemänner halfen ihnen, Flugblätter zu entwerfen und Grafiken anzufertigen und Leserbriefe an die Zeitungen zu schreiben, und der älteste Sohn von Frau Kumar machte eine Computeranimation, die zeigte, wie sich der Stau über die ganze Stadt ausbreitet, und sie schickten E-Mails an alle ihre Freunde und Bekannten und fanden bald heraus, dass viele Leute sich genau dieselben Gedanken über den Krieg auf den Straßen gemacht hatten, aber alle zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten, und alle hatten irgendwann wieder aufgegeben.
Und die Leute fingen an, einander an den Autoaufklebern zu erkennen, und als sie sahen, dass viele Autos die Aufkleber hatten, fürchteten sie sich nicht mehr davor, angeschrien zu werden, wenn sie vor einer Kreuzung anhielten, um den Querverkehr durchzulassen. Und dann eines Tages merkten die Leute in einem Stadtteil, dass sie wirklich schneller vorankamen, wenn alle langsamer fuhren. Und als sich die Neuigkeit verbreitete, änderte sich schnell die Stimmung in der Stadt, und jetzt hupten und schimpften die Leute, wenn einer sich auf die Kreuzung quetschte. Aber die Vernünftigeren gingen hin und gaben ihm ein Flugblatt.
«Nun ja», sagte Frau Kumar, «es stimmt schon: Frieden beginnt bei dir selbst. Aber ein bisschen Organisation gehört auch dazu.»

Zur selben Zeit wurden in der Nachbarstadt Bürgermeisterwahlen abgehalten. Einer der Kandidaten versprach, das Verkehrsproblem zu lösen, und wurde gewählt. Der neue Bürgermeister verdoppelte die Steuern, stellte eine Menge Polizisten an und ließ an jeder Kreuzung eine Kamera installieren. Und wer eine Kreuzung blockierte, musste Strafe in der Höhe eines Monatslohns zahlen, und wenn er nicht zahlen konnte, musste er ins Gefängnis. Auch diese Methode löste das Verkehrsproblem. Und schnell auch noch!
Martin Auer / 13.11.2012